Reuchlin an Friedrich den Weisen, 7.5.1518

Reuchlin an Friedrich den Weisen, 7.5.1518

Durchlauchtigster, hochgeborner Fürst, Gnädigster Herr! E. Chf. G. sey meine gehorsame Dienstbarkeit schuldiges Willens allzeit von mir demüthiglich bereit. Gnädigster Herr und Churfürst! An mich hat gelangt durch Schrift, am Sanct Marxtage mir nächst überantwortet, euer fürstlich Gemüth und löblicher Wille, die Universität Wittenberg zu erhöhen mit gemeinem Nutz, Ehre und Lob deß ganzen teutschen Landes in lateinischer, griechischer und hebräischer Zunge. Das wird stehen Gegenwärtigen und Künftigen in allem Guten zu ewigen Zeiten nimmer zu vergessen, und übertrifft meines Bedünkens unter allen tugendreichen Uebungen alle adeliche Thaten eines solchen großmächtigen Churfürsten, wie gar ritterlich die geachtet möchten werden.

Hercules der alten Welt, wie viel standhaftiger, mannlicher Siege er ist obgelegen, noch käme es ihm zu keinem Ruhme, hätt er nicht in allen Spürachen gelehrte Leute gemacht, die ihm seine gut….. Werk könnten zu Feld bringen und ausbreiten, wie das noch Luciani Sage, die steine Sul Hercules Bildung, genannt Damion, in teutschen Landen erfunden, anzeigt. Was hat den langwierigen in ewig Gedächtniß gebracht anders, denn daß er durch die hohe Schul, von ihm im Parnasso gestiftet, aus groben Steinen und ruhen Felsen hat Menschen erschaffen? Der Großfürst in Assyria Prometheus hat aus allen fürstlichen Werken nichts davon erlangt, denn daß er schriftlicher Lehre und redsprecher Kunst ein Anfänger gewesen ist. Darum wird ihm zugelegt, daß er habe aus Erde Leute gemacht.

So nun, durchl. Churfürst, lange Jahre und viel Zeit teutsche Land von andern Landen für ein barbarisch, viehisch geschätzt worden ist, und nicht unbillig; denn wenig Aufsehens ist von unsern Vorfahren auf die menschliche, höfliche Zierde der Rede und adeliche Sitten der nothdürftigen Sprachen gehalten worden, sondern haben uns die Sophisten bisher mit ihrem unnützen Geschwätz nicht ohne Schaden der Kirche am Narrenseil geführt, durch das wir zu rechter Verständniß der alten Weisen, aus Mangel der lateinischen, griechischen und hebräischen Zungen, nie haben mögen kommen, und aber jetzt durch sonderliche Schickung Gottes Ew. Fürstl. Gn. nach Stiftung der hohen Schule zu Wittenberg eine sondere Betrachtung hätte, wie man gründlicher Weise möchte erobern die obgemeldten drei Sprachen, so Christo nicht ohne Ursache ob dem Kreutz geschrieben erfunden sind, durch die dann menschliche Vernunft unsrer Altvordern Erfahrung und Weisheit eigentlich verstehen und zierlich reden, auch künstlich schreiben mag: ist ungezweifelt auf die Bahn gerichtet, die immerwährend im Gedächtniß Eurer, als neuen Stifters der Menschlichkeit in teutscher Nation. Was Euch und uns allen Gutes daraus erwachsen möge, gnädigster Herr, könnet ihr baß gedenken, denn ich reden. Darum wenig noth gewesen wäre, an mich so hoch zu begehren, daß ich wollte diesem E. F. G. lobwürdigen Vornehmen zween trefflich gelehrte Mann, einen der griechischen, den andern der hebräischen Sprache erfahren, zuschicken; denn ich deß nicht allein selbst willig, sondern auch zu thun zwiefach schuldig bin, eines, daß es gemeinen Nutz betrifft, das andere, so mir täglich Einbildung gibt ergangener Gnaden bei Euch befunden, deß ich E. F. G. von Natur und Recht zu getreuen Wiedergelt verbunden bin.

Darum hab ich nicht kleinen Fleiß angekehrt, damit ich solche Leute bekommen möchte, und nach einem gesandt, hebräischer Sprache nicht ungeschickt, heißt Icolampadius, Prädicant zu Weinsberg; aber die von Basel haben mir denselben aus den Händen gerissen, dahin er sich hat lassen bestellen, also daß er uns dießmal nicht werden mag. Sonst weiß ich fürwahr keinen Weltlichen mehr in hochteutschen Landen, der da könnt einen Doctorstuhl in hebräischer Lehre verwesen, es wäre denn D. Paulus Ricius, meines G. H. Cardinals von Gurck Leibarzt. Dem bin ich aber zu klein, daß er mir zu erwägen sey, denn er stehet fest und wohl. Aber E. F. G. möchte durch meinen gnädigen Herrn von Gurck denselben Mann ohne Zweifel wohl aufbringen. Jedoch wo das nicht würde seyn, so ist noch ein Barfüßer von der Observanz vorhanden, Conradus Pelicanus genannt, der hält sich, als ich meine, zu Rufach im Elsaß, daher er gebürtig ist, könnte gar wohl zu hoher Schule im Hebräischen lesen und lehren. Den möcht Ew. F. G. anders nicht zu der Hand bringen, denn durch der Barfüßer Obern dieser Lande. Ich glaube, sie würden Ew. F. G. ihn nicht versagen; was Ihr wiederum zu Gnaden darum thätet, das hätte seinen Bescheid. Man fände vielleicht sonst getaufte Juden, wer deß gute Erfahrung hätte; aber fürwahr, wenn sie nicht in lateinischer Zunge gelehrt sind, so könnten sie uns künstlicher Weise durch Regeln nicht lehren; denn in teutschen Landen empfahen die Juden ihre Sprach allein aus gewöhnlichen Brauch, wie so unser einer welsch lernt, das aber uns nicht so möglich ist, sondern wir müßen das Hebraische erstlich durch Regeln, und darnach durch viel Lesen der Bücher, gleichwie die lateinischen und griechischen Zungen, überkommen.

Der andern Sprach halben, griechisch genannt, habe ich mich unterfangen zu vollbringen Euer besonderes Getrauen, das ihr gnädiglich zu mir habt, und bin in Willen, meinen gesippten Freund, den ich von seiner Jugend auf solche Sprach unterwiesen und gelehrt habe, an das Ort zu schicken, wie gern ich ihn noch bei mir behalten wollte. Aber Gott wollte, daß ich es in eigner Person, Leibes und Alters halben, zu thun vermöchte, so wollte ich Ew. F. G. zu Ehren und Gefallen in beiden Sprachen, griechischer und hebräischer, selbst den Anfang und den Zulauf aus andern Ländern machen. So mir aber der Weg zu fern und zu schwer ist, will ich Ew. F. G. und die löbliche Universität nichts desto minder mit meinem lieben Vetter obgedacht, Meister Philipps Schwarzerd von Bretten sehr wohl versehen, den ich doch der hohen Schule Ingolstadt versagt habe, denn er ist zu Tübingen ehrlich und wohl, auch seines Solds halben nützlich gehalten und versehen, und hat daselbst ein ehrbar Auskommen. Aber deß alles unangesehen er mir bewilligt, in dieser Sache zu thun, was iich ihm heiße. Darum wird er auf E. F. G. gut Vertrauen und meinen Befehl gen Wittenberg kommen, der Hoffnung Nutz zu schaffen, und ehre einzulegen der Stadt und der hohen Schule.

Der Bestallung halb, in E. F. G. Brief gemeldet, kann ich mit ihm keine Abrede thun, denn ich hab des kein Wissen, wie einer mit einem Diener zu Wittenberg möge haushalten. Aber das habe ich von E. F. G. wegen mit ihm beschlossen, werde er nicht angenommen, daß er sich dann wieder zu mir füge, so werde doch E. F. G. ihn dieses Wegzugs halben hin und her schadlos halten.

Nun, gnädigster Fürst und Herr, ist wohl noth, daß sich Magister Philipps zu dem Hinziehen rüste, und alle seine Bücher mit ihm bringe, denn ohne viel Bücher besonders in der hohen Schule kann niemand recht weder lehren noch lesen. Darum hat er ihm vorgenommen, in nächstkünftiger Masse zu Frankfurth mit den Kaufleuten Eures Landes seine bücher hinein gen Wittenberg zu verfertigen, und mit den Kaufleuten zu reuten, nachdem er des Wegs und der Orte unbekannt ist. Von deßwegen geht an E. F. G. meine Bitte, sie wolle einen Kaufmann, Euch verwandt, den Befehl geben, sich des Mannes in E. F. G. Namen zu unterfahen, und in Gesellschaft des Wegs anazunehmen, auch ihn und seine Bücher wohl versorgen, daß er mit dem Seinen möge sicher zu E. F. G. kommen. Man wird ihn die nächst kommende Frankfurter Messe daselbst um des heiligen Kreuzes Erhöhungstag in der Büchergasse bei Meister Thoman Ansheim, Druckherrn und Buchverkäufern von Hagenau, finden. Wessen sich aber dieselbe E. F. Gnade unter der Weile würde bedenken und berathen, das wollet mit zeitlich zu wissen thun bei gewisser Bothschaft, uns beiden darnach wissen zu richten.

Fürder als E. F. G. mich fragen läßt, wie meine Sache der Predigermönche halber gestellet sey, schick ich hiermit Verzeichniß aus dem Gerichtshandel gedruckt, darbei ihr werdet merken, daß meine Sach zu Rom vor zweien Jahren zu Recht gesetzt ist, und ich kann noch bisher keinen Endurtheil bekommen. Also haben die Predigerbrüder das Rad gestellt, auf daß ich unter der Weilen sterbe, und damit die Sache aus sey. Es mag mich nicht helfen, daß Kaiser, Churfürsten, Fürsten, Bischöffe, Aebte, Städte den Papst gebeten haben, daß seine Heiligkeit mir lasse fürderlich Recht geben. Ich bitte Gott, daß er uns Gnade verleihe, daß wir Unterthanen uns selbst bessern, damit wir bessrer Häupter würdig werden.

Ich schick auch E. F. G. hiermit, dem löblichen Anfang der hebräischen Lectur zu Steuer, was ich in derselben Sprach geschrieben habe, auf daß nicht MMangel an Büchern sey. Das wolle E. F. G. von mir zu einer kleinen Gabe und Schenk gnädiglich annehmen; denn ich kann nicht baß. Ich wollt viel lieber, daß ich euch könnt ein Königreich geben.

Gnädigster Churfürst und allerliebster Herr, Euer Leib, Seel, Ehre und Gut wolle der allmächtig gütige Gott, zu dem ich allezeit Hoffnung trage, gnädiglich beschützen, beschirmen und bewahren, und in Gnaden lang aufhalten, mir und allen Liebhabern zierlicher Künste zu sondern Trost. Geben zu Stutgart am VII Tag des Mayen im 1518 Jahr.

Johannes Reuchlin Phorcensis, LL. Doc.

Bretschneider, Carolus Gottlieb
Corpus Reformatorum
Volumen 1
Halis Saxonum
C. A. Schwetschke und Sohn
1834
Kommentare sind geschlossen.