Luther, Martin – An Johann Lange (26.10.1516)

Luther, Martin – An Johann Lange (26.10.1516)

Jesus.

Heil! – Ich brauche fast zwei Schreiber oder Kanzler; ich thue fast nichts den Tag über als Briefe schreiben, daher weiß ich nicht, ob ich etwa ein Ding zweimal schreibe; ihr werdet es sehen. Ich bin Klosterprediger, Lehrer bei Tisch, täglich werde ich abgefordert als Pfarrprediger, bin Rector der Schule, bin Vicarius, das ist elfmal Prior, bin Fischaufseher in Leitzken, Herzbergischer Sachwalt in Torgau, Ausleger des Paulus, Mitausleger der Psalmen und außerdem, wie schon gesagt, nimmt mir die meiste Zeit das Geschäft des Briefschreibens. Sieh, was ich für ein müßiger Mann bin. Ihr schreibt, daß ihr gestern das zweite Buch der Sentenzen angefangen: ich werde morgen den Brief an die Galater anfangen, wiewohl ich fürchte, die Pest werde mich, wenn ich angefangen, nicht fortfahren lassen. Sie reißt höchstens zwei oder drei, doch nicht täglich, bei uns hin, aber dem Schmid uns gegenüber ist ein Sohn gestern noch gesund, heute todt und der andere liegt angesteckt darnieder. Ja, sie ist da und schreitet fort grimmig und schnell, zumal unter der Jugend. Ihr rathet mir zu fliehen. Wohin soll ich fliehen? Ich denke die Welt wird nicht untergehen, wenn Bruder Martin zu Grunde geht. Aber die Brüder will ich, wenn die Pest weiter um sich greift, in alle Welt aussenden: ich aber bin hieher gestellt; um des Gehorsams willen darf ich nicht fliehen bis derselbe Gehorsam, der es mir geboten, auch das mir gebietet. Nicht, daß ich den Tod nicht fürchtete, denn ich bin kein Apostel Paulus, sondern mir sein Ausleger, ich hoffe aber, der Herr wird mich auch von dieser Furcht befreien.

Gehabt euch wohl. Gedenkt unser, Amen. Den 26. Oct. im Jahr 1516.

Bruder Martin Luther Augustiner.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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