Spalatin, Georg – An Conrad Gerhard

Spalatin, Georg – An Conrad Gerhard

Möge Dir Gott die Gnade schenken, Dein Herz zu erkennen, das, wie Jeremias sagt, unerforschlich ist, damit Du einsehest, was wir aus uns sind, und so wahrhaft begehren könnest, daß man, wie Du schreibst, für Dich bete. Dann wirst Du nicht die Räthsel der Schrift sammeln und nicht die Ceremonien durch Stellen, wie jene: Die Kirche ist eine Säule und Grundfeste der Wahrheit, bestätigen wollen. Denn Gewissen, die wahrhaft bekümmert sind, suchen das gewisse Gottes Wort zu ihrer Befestigung, werfen nicht die deutlichen Stellen weg, um dunkle hervorzusuchen. Was willst Du in der Versuchung, was im Tode dem Satan antworten, wenn Du schon ohne Versuchung an dem zweifelst, worauf wir uns vor Gott stützen müssen? Du verstehst unter der allgemeinen Kirche blos die römische, die doch durch so viele schädliche Secten zerrissen ist, die darin nur mit den Ihrigen übereinstimmt, daß sie den Lehren der Teufel folgt, an der Ehe hindert, Enthaltung von Speisen fordert und andere Kirchen für ketzerisch hält wegen der Communion unter beiden Gestalten. Wahrlich, eine vortreffliche katholische Kirche, der wir billig mehr folgen als Christo selbst. Du glaubst, die Kirche sei die Säule der Wahrheit, als ob sie die Wahrheit stütze, und vergissest, was Du kurz zuvor sagtest: Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wenn also Christus die Wahrheit ist und die Kirche die Wahrheit stützt, folgt da nicht nothwendig, daß Christus von der Kirche, und nicht die Kirche von Christus bewahrt werde?

Darum bitte ich Dich, laß Dein Vertrauen auf die Ceremonien aus Furcht zu sündigen, und gedenke, daß Du nicht ein Kirchler, sondern ein Christ heißest; Christus ist ja von Gott gemacht zur Weisheit.

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