Calvin, Jean – An Gaspard de Coligny in Paris.

Calvin, Jean – An Gaspard de Coligny in Paris.

Nr. 658 (C. R. – 3374)

Vgl. 620, 622, 623, 635, 636.

Rechtfertigung seiner Stellung zur Verschwörung von Amboise.

Monseigneur, ich bin durch meinen Bruder, der bei Ihnen ist, darauf aufmerksam gemacht worden, dass Sie es wünschten und für gut hielten, wenn ich eine Entschuldigungsschrift drucken ließe, um mich von dem Vorwurf zu reinigen, den man mir gemacht hat, als hätte ich der Verschwörung von Amboise meine Zustimmung gegeben. Ich bin auch schon lange und von verschiedenen Seiten hierzu aufgefordert worden und könnte es auch leicht tun, wenn ich nur auf meine Person Rücksicht nehmen wollte. Ich habe es aber unterlassen, teils weil viele mich doch für grausam gehalten hätten, wenn ich über das Unglück der armen Leute, deren einziges Verbrechen ihr unbedachter Eifer war, hätte triumphieren wollen, dann aber auch, weil man hätte meinen können, ich habe nur den Ausgang abgewartet, um dann den Mantel nach dem Winde zu hängen. Deshalb litt ich lieber in Geduld unter einer falschen Anklage, statt dass ich mich allzu sehr um meinen guten Ruf sorgte. Indessen habe ich denen, die mich danach fragten, nie etwas von den Tatsachen verhehlt, und auch jetzt, Monsieur, will ich ihnen gern die Hauptsache der Wahrheit gemäß darlegen, wenn es Sie nicht verdrießt, mich anzuhören. Sieben oder acht Monate vorher kam jemand im Auftrag einer Anzahl Leute zu mir und fragte mich um Rat, ob es nicht erlaubt sei, sich der Tyrannei zu erwehren, mit der die Kinder Gottes damals verfolgt wurden, und wie man es machen könnte. Da ich sah, dass schon manche von diesem Gedanken erfasst waren, so gab ich die Antwort, man dürfe sich absolut nicht damit befassen, und suchte ihm zu sagen, dass dies in Gottes Willen nicht begründet sei und auch vom bloß weltlichen Standpunkt aus nur Leichtsinn und Anmaßung wäre und ein schlimmes Ende nehmen müsste. Er ließ es nicht an Widerspruch fehlen und sogar mit einem ganz guten Schein des Rechts. Es handle sich ja nicht um einen Angriff auf den König und seine Macht, sondern nur darum, eine Regierung nach den Landesgesetzen zu erhalten in Anbetracht der Jugend des Königs. Das Wehklagen über die Unmenschlichkeit, die man anwende, um die Religion zu vernichten, sei doch eben recht groß, ja man erwarte stündlich eine entsetzliche Abschlachtung und Ausrottung all´ der armen Gläubigen. Ich beantwortete solche Einwürfe einfach damit: wenn von uns nur ein Tropfen Blut vergossen würde, so entstünde ein Strom daraus, der ganz Europa überflutete. So sei es hundertmal besser, wenn wir umkämen, als dass wir die Ursache gäben, das Christentum und die evangelische Sache solcher Schmach auszusetzen. Wohl aber gab ich ihm zu, wenn die Prinzen von Geblüt zum Besten des Landes Schutz ihres Rechtes [auf die Regentschaft] verlangten und die Parlamente sich ihrer Sache anschlössen, so sei es allen guten Untertanen erlaubt, ihnen bewaffnete Hand zu leihen. Der Mann fragte mich dann, ob es auch erlaubt wäre, wenn man einen Prinzen von Geblüt dazu brächte, auch wenn es nicht der erste dem Rang nach wäre. Darauf erhielt er wieder eine verneinende Antwort. Kurz ich schlug alles, was er vorbrachte, so fest ab, dass ich alles unter die Füße getreten zu haben glaubte. Daher tat ich auch dergleichen, als wüsste ich von nichts, da ich sonst nur ohne Grund Unruhe gestiftet hätte.

Einige Zeit nachher kam zu meinem großen Erstaunen de La Renaudie von Paris, erzählte mir, welche Aufgabe man ihm übertragen habe, und suchte seine Sache ins rechte Licht zu setzen mit allen Mitteln, die er finden konnte; ja ich versichere Sie, Monsieur, auch Sie brachte er in die Geschichte hinein. Da ich ihn aber stets als einen Menschen von großer Eitelkeit und Selbstüberschätzung gekannt habe, so wies ich ihn weit von mir, so dass er mir nie auch nur das geringste Zeichen von Zustimmung abringen konnte; vielmehr gab ich mir alle Mühe, ihn von seiner Torheit abzubringen mit mancherlei Gründen, die hier aufzuführen zu weitläufig wäre. Er, in seiner Erwartung getäuscht, intrigiert im Geheimen weiter, sowohl um die, die er als leicht zu gewinnend kannte, zu verführen, als auch, um die Börsen derer zu leeren, die nicht selbst ausrücken wollten. Dies geschah in kleinen Kreisen und unter dem Eid völliger Verschwiegenheit. Nun war einer nicht gleich bereit, sein Geld herzugeben, kam zu Mag. Pierre Viret und entdeckte ihm, dass de La Renaudie, als er ihn zu einem Beitrag aufforderte, ihn beschworen habe, nichts davon zu sagen, besonders mir nicht, da ich nicht wolle, dass man um meine Zustimmung wisse. Mag. Pierre Viret kam unverzüglich zu mir, wie es seine Pflicht war, und sofort bat ich Herrn Beza, er möge de La Renaudie kommen lassen; dann rief ich einige Zeugen herbei und beschuldigte ihn in harten Worten, meinen Namen zur Vorspiegelung falscher Tatsachen missbraucht zu haben. Er protestierte und behauptete, das sei nicht wahr; ja er bekannte von sich aus, wenn er so gesprochen hätte, so wäre er ein ganz unverschämter Lügner, da er von mir ja gerade das Gegenteil von Zustimmung vernommen habe. Der die Anzeige erstattet hatte, wurde beschämt. Indessen dauerten die Intrigen fort. Auch als de La Renaudie sich ins Berner Gebiet an seinen Wohnort begeben hatte, hörten trotzdem die, welche er gewonnen hatte, nicht auf, andere herbeizuziehen. Hierauf tat ich mein möglichstes, dem Schaden abzuhelfen. Wenn ich die zu mir berief, die sich in diese Phantasterei hatten verwickeln lassen, leugnete es jeder. Trotzdem rückten sie aus, jeder immer mit dem Vorgeben, er wolle allen Aufruhr verhindern. Als ich sah, dass die Sache so ganz wider meinen Willen ging, beklagte ich mich bitter, und man hat aus meinem Munde oft Worte gehört wie die: Ach, ich glaubte, den Tag nicht erleben zu müssen, an dem wir so alle Geltung bei denen verloren hätten, die sich doch als Gläubige rühmen! Muss denn die Kirche von Genf sich so von ihren Kindern verachten lassen? Kurz, ich konnte nichts als seufzen die ganze Zeit. Der Rat, darauf aufmerksam gemacht, dass etwas vorgehe, ließ, ehe er noch wusste, was es sei, unter Trompetenschall ausrufen, es solle sich keiner rühren, und sandte außerdem noch insgeheim ähnliche Verbote in alle Häuser. So ist niemand aus Genf ausgerückt, als in Verkleidung und in kleiner Zahl, so dass wir gar nicht wussten, was sich da unterirdisch vorbereitete. Ich hielt es tatsächlich für ein Kinderspiel und, wollte ich meine Traurigkeit etwas erleichtern, so nannte ichs einen Kreuzzug irrender Ritter oder derer von der Tafelrunde; denn sie waren wirklich wie bezaubert. Einer unter ihnen ist heute mein Zeuge vor Gottes Thron, den Sie wohl gekannt haben, so dass ich ihn nicht zu nennen brauche. Als man zuerst davon mit ihm sprach, spottete er nur darüber und in seinem Respekt vor mir wies er jede Beteiligung kurz und entschieden von sich. Dann bat er mich wider seine Natur, denn er war sonst frei und offen, um Rat, ob er eine Reise antreten solle, um von seinem Bruder, der ihn in große Not gebracht hatte, Rechenschaft zu fordern. Ich glaube wohl, dass ihn dieser Grund auch trieb; aber es war doch auch der Gedanke dabei, nicht als furchtsam zu gelten. Besonders weil de La Renaudie vor ihm geprahlt hatte; Sie, Monsieur, begünstigten die Unternehmung. Ich sagte ihm, wenn er mir glauben wolle, so solle er nicht gehen. Da er mir versicherte und versprach, er wolle dieser Sache entfliehen und sich ganz fern halten, sagte ich wörtlich zu ihm: „Ich kenne Sie. Wenn Sie an Ort und Stelle sind, können Sie sich nicht halten; deshalb bleiben Sie hier.“ Darauf antwortete er nun freilich, wenn Sie, Monsieur, es ihm beföhlen, so könnte er allerdings nicht nein sagen. Nun erwiderte ich: „Wie, haben Sie noch so wenig gelernt in Gottes Schule, dass Sie einem Menschen zu Gefallen etwas Böses täten? Der größte Dienst, den Sie dem Herrn, dem Sie so ergeben sind, leisten könnten, wäre vielmehr, ihn abzuhalten und ihm offen zu melden, ich ließe ihm in Gottes Namen sagen, es sei unrecht, sich in dieses Wirrsal zu mischen.“ Indessen fürchtete ich in dieser Beziehung nicht viel; denn ich war überzeugt, dass es nichts sei und dass der Betrüger, der sich hinter Ihrem Namen versteckt hatte, eine solche Hülle gebraucht habe. Wie dem auch sei, – der arme Edelmann, nachdem er fünf- bis sechsmal als Überwundener von mir weggegangen war, sagte mir schließlich, er habe keine Ruhe, bis er zu Ihnen gereist sei, und ich glaube wirklich, er hatte diese Absicht. Ich hatte solche Angst vor dem, was dann eingetreten ist, dass ich ihn nur mit großem Bedauern ziehen ließ. Ja, als er kam, Abschied von mir zu nehmen, bot ich ihm nur die Hand und wandte mich ab, und zeigte dadurch den Kummer, den ich im Herzen empfand.

Fragt man mich, warum ich mich nicht förmlich dagegen aussprach, so kann ich antworten: erstens hielt ich es nicht für besonders nötig, da ich die ganze Sache als ein knabenhaftes Unternehmen verachtete. Tatsächlich habe ich stets gesagt, wenn mir schon die Sache an sich nicht gefalle, so mache die Person de La Renaudies sie mir noch widerlicher. Da ich ihn indessen für einen leichtsinnigen Menschen hielt, dachte ich, er werde von selbst den Mut verlieren. Weil ich so die Sache für nicht gefährlich ansah, wollte ich mich nicht aufregen und dadurch Anlass zu großen Unruhen geben, noch ein Feuer anzünden, das sich weithin ausbreiten könnte; denn es war leicht vorauszusehen, dass viele Unschuldige dann den Teig hätten ins Feuer schieben müssen, an dem sie doch gar nichts getan hatten. Dieser Grund hielt mich zurück: dass ich die Unschuldigen schonen wollte, die ich von den Schuldigen nicht unterscheiden konnte; dazu kam, dass ich kein Gehör gefunden hätte, wenn ich Ordnung hätte stiften wollen. Indessen weiß Herr Coignet, der Gesandte des Königs bei der Eidgenossenschaft, was ich ihm damals davon sagte. Jedenfalls war es meine Absicht nicht, zwischen zwei Wassern zu schwimmen und aus Schlauheit nichts zu sagen, noch weniger, der Leidenschaft derer, die kopfüber ins Verderben rannten, einen Gefallen zu erweisen. Denn ich habe stets offen gesagt, wenn ihre Torheit gut ausfiele, so wäre ich der verächtlichste Mensch der Welt; denn dann hätte ich die Kirche verraten, das Werk Gottes gehindert, mich der Freiheit in den Weg gestellt und dergleichen Dinge. Da ich die ganze Sache verachtete und lieber für feig und ängstlich gelten wollte, als dem, was ich missbilligte, den Lauf lassen, so können Sie, Monsieur, beurteilen, warum ich gezwungen war, zu schweigen, oder wenigstens keinen großen Lärm zu machen. Doch hat man in dieser Zeit mehrere Predigten von mir hören können, in denen ich diese Sache so scharf wie möglich bekämpfte. Man kann das zur Genüge sehen; denn sie sind wörtlich aufgezeichnet worden mit Angabe von Monats- und Tagesdatum, woraus hervorgeht, dass ich keine doppelte Rolle spielte und nicht vor der Öffentlichkeit schwieg, um unterirdisch zu wühlen.

Als dann die Sache so ausging, wie es jedermann weiß, war ich in Angst, wie ich sein musste, aber nicht überrascht als von etwas Neuem, da ich es beständig so vorausgesagt und die Befürchtung ausgesprochen hatte, man werde mich schließlich als nur zu wahren Propheten erkennen müssen. Hätte es mir freigestanden, mehr zu tun, ich hätte keine Mühe gespart, wie ich viele andere Intrigen, die sich weiter anzettelten, zerstört habe, ohne dass es jemand in ganz Frankreich gemerkt hätte. Ich kanns indessen nicht hindern, dass man mich da anklagt, wo ich mir kein Gehör verschaffen kann; doch genügt es mir, Gott zum Bürgen zu haben und alle, die mit mir darüber geredet haben, zu Zeugen, so dass ich überall, wo man mir Gehör geben will, ganz offen zeigen kann, wie sehr man mir Unrecht tut, wenn man mich mit solchen Verleumdungen belastet. Wenn seither der König von Navarra mich freiwillig und ganz aus eignem Antrieb aufgefordert hat, ihm Herrn Beza zu senden, so weiß er, dass meine Bereitwilligkeit kein anderes Ziel hatte als das Wohl und die Ruhe Frankreichs und die Sicherung der königlichen Autorität. Außerdem habe ich, wie er weiß, gute Zeugen, dass ich durch indirekte Mittel versucht habe, allzu hitzige Köpfe abzukühlen. Wenn es gewissen Leuten gefällt, aus Bosheit oder sonst welchem Grund mir alles Böse anzurechnen, das noch so weit von mir geschieht, was kann ich da anders tun, als fordern, dass man sich erkundige und zu erfahren suche, wie die Sache liegt? Denn wird die Wahrheit bekannt, so kann ich alle Böswilligen, die mich tadeln wollen, verachten. Es ist in der Provence zu Exzessen gekommen; einige griffen zu den Waffen; es sind etliche Leute getötet worden; aber man muss doch erst erfahren, ob ich irgendeine Beziehung zu den Urhebern dieser Taten hatte, ob ich sie je gesehen oder gekannt habe, ob wir durch Briefe oder Boten miteinander verkehrt haben! Man wird finden, dass ich ihre Taten nicht weniger missbilligte, als was vorher geschehen war. Wir haben auch reden hören von einem Aufstand in Lyon. Aber was das auch war, so floss das aus anderer Quelle, und hätte es an mir gelegen, so wäre diese leichtsinnige Geschichte ganz sanft eingeschlafen. Indessen habe ich den, dem man den Fehler zuschreibt, nie gesehen, und wenn Leichtsinn vorliegt, so ists jedenfalls nicht an mir, er ich ihm Widerstand geleistet habe, die Verantwortung dafür zu tragen. Ja, als damals die gnädigen Herren von Genf nur von einer plötzlichen Erhebung munkeln hörten, erließen sie an alle Einwohner ein strenges Verbot, sich nicht zu rühren, und doch hat man nicht unterlassen zu sagen, es seien fünfzehnhundert Berittene von Genf aufgebrochen. Aber es braucht wirklich scharfe Augen, um sogar zu zählen, was nie existiert hat. Ich will gar nicht sagen, wie hier in Genf die gezüchtigt worden sind, die sich zu weit in diese Sache eingelassen hatten, wenn auch mehr aus Einfalt als aus Bosheit.

Das ist im ganzen, Monsieur, die Geschichte, soweit sie mich angeht, und zwar die reine Wahrheit. Sie können nun in Ihrer Klugheit danach beurteilen, ob es gut wäre, wenn ich, um mich zu verteidigen, wie ich es leicht könnte, die Lage der Leute verschlimmerte, denen ich helfen möchte. Ja, zu meinem Erstaunen haben sich auch gute, sehr fromme Leute hinreißen und täuschen lassen von ihrer Unbedachtsamkeit; ja sie sind umgarnt worden, weil man ihnen boshafter Weise meine Warnung, die ich ihnen zukommen lassen wollte, verhehlt hat. Ich muss mich übrigens auch hüten, mich nicht vom Ehrgeiz zu einer Rechtfertigung verleiten zu lassen, die diesen Leuten schaden und ein für sie ungünstiges Vorurteil schaffen könnte. Ja es ist mein Wunsch, das ganze Ärgernis könnte begraben werden, auch wenn alles Übel auf mein Haupt fallen sollte. Indem ich mich Ihrer Gewogenheit, Monseigneur, untertänig empfehle, bitte ich den lieben Gott, er wolle Sie in seiner Hut halten, Sie zunehmen lassen in aller Tugend und Sie leiten durch seinen Geist bis ans Ende.

[16. April 1561].

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