Soetgen van den Houte – Ein Sendbriff geschrieben auß der Liebe.

Soetgen van den Houte – Ein Sendbriff geschrieben auß der Liebe.

DEs HERRN Fride sey mit euch/ meine liebe Brüder und Schwestern wisset, dßa ich zwey Brieflein von euch empfangen habe, mit dem, was darinn war, ich dancke euch sehr und herzlich dafür um alle Treu und Liebe und gute Freundschafft, die ihr mir allezeit bewiesen habt, und noch thut, ich hoffe auch, auff meine drey Schäflein, die ich hinter mir lasse, werdet ihr ein auffsehen haben, ich befehle sie dem HErrn, und euch, der wolle sie und euch stärcken, durch seine Gnade, Amen.

Hiermit nehme ich noch einmal Urlaub, dann ich dencke, es werde das letzte mal seyn, wir aber sind gar wohlgemuth, unser Opffer zu thun, dann ich kan nicht gnugsam außsprechen die grosse Freude, die ich empfinde. Mich düncket offt ich solte vor Freuden auffspringen, wann ich dencke an das ewige Gut und grosse Freude die uns bereitet ist, und allen denen, die darzu verordnet sind, die verharren in des HErrn Willen, wie er befohlen hat. Ich weiß nicht, mit was Preiß und Danck ich den HErrn loben soll, daß er mich und unsere Schwester Marrtha zu solchem Stand erwählet hat, die wir so arme und schlechte Schäflein sind, dann wir sind doch nichts in der Welt u. für nichts geachtet worden, gleich wie die Wegwürfling. Aber unser treuer GOtt hat solche verworffene, elende, schlechte Erdenwürmlein außerkohren, daß er durch uns will würcken, daß wir seine Zeugen seyn sollen, die wir nicht würdig sind von uns selber die allergeringste Gabe zu empfangen, die der HErr uns will geben.

Ach wer kan die Kraft Gottes begreiffen, daß die, die am allermeisten verworffen sind, die gröste u. meiste Gnade u. Krafft empfangen, die ihn mit herzlichem Vertrauen anruffen, und ihre Hoffnung vestiglich auff seine Gnade stellen biß an das Ende hinan, dann es unmüglich ist, daß der HErr dieselbe verwerffen werde, darum bitte ich alle die den HErrn lieb haben, daß sie ihre Herzen erniedrigen, dann der HErr spricht durch den Propheten Esaiam: Bey denen will ich wohnen/ die eines zerbrochenen und zerschlagenen Hertzens sind/ die ob meinem Wort erzittern/ Esai. 57. 66.

Die sich also jetzt demütigen vor dem HErrn, und lassen sich nicht düncken, daß sie etwas vor GOtt und den Menschen sind, dieselbige wird GOtt erhöhen, und reich machen von den himmlischen Gütern; Gedencket wie Christus die Niedrigkeit erwählet hat, da er die Herrlichkeit seines Vatters verliesse, und thät sich hinunter in das niedrigste Theil der Erden, auß Gehorsamkeit seines Vatters, auß grosser Liebe, die er zu dem menschlichen Geschlecht hat, ist er Mensch worden mit grosser Demütigkeit, ist er hieher an unsern Dienst kommen, große Pein und Schmach für uns gelitten, mit Leidsamkeit, mit Langmütigkeit und Gedult hat er alles getragen um unsert willen, ist gehorsam gewesen seinem Vatter biß zum Tod, ja biß zum Tod ans Creuz hinan, damit er alles vollbracht hat, auff daß er uns selig mache. Ach! was grosse Liebe hat er uns bewiesen, mit seiner Gnad und Barmherzigkeit uns gesuchet, als er selber spricht nach seiner Menschheit: Ach! wie ist mir so bang, biß es alles vollbracht ist, Luc. 22. Matth. 26.

Ach meine Allerliebsten, bedencket euren Vorgänger JEsum Christum, da er ansahe die Demüthigkeit Mariä, daß er von ihr wolte gebohren werden, da sie sahe, daß sie zu solchem Stand erwählet war, so hat sie sich doch noch mehr gedemüthiget und erniedriget: Sehet hie nun die Dienst-magd des HERRN, dann GOtt hat angesehen die Niedrigkeit seiner Dienstmagd, darum werden mich selig preisen alle Geschlecht, denn seine Barmherzigkeit währet von Geschlecht zu Geschlchet, bey allen denen die ihn fürchten, und gehorsam sind, dann er verwirfft und verstreut die Hoffärtigen, die Gewaltigen stößt er vom Stul, die Niedrigen thut er erheben, die Hungerigen erfüllet er mit Gütern, die Reichen hat er leer gelassen, den Armen wird das Evangelium geprediget, selig sind die darnach hungern und dürsten, dann sie sollen satt werden, Luc. 1. Matth. 5.

Ach! meine Allerliebsten, mein hertzliches Begehren und Bitt ist jetzt zum letztenmal, daß ihr euch befleisset ernstlich zu wandeln in der Liebe und Einfalt, und seyd einträchtig untereinander allezeit in der Furcht Gottes, auff daß ihr auch erfüllet werden möget, von den Himmlischern Gütern, und auch satt werden von nun an biß in alle Ewigkeit. Amen. Joh. 13.

Hiermit will ich euch dem HErrn befehlen, und dem Wort seiner Gnaden, derselbige wolle euch allezeit trösten, stärcken und bekräfftigen mit seinem Geist, daß ihr möget fortfahren in dem, warzu ihr beruffen seyd zum Lob und Preiß des HErrn, auff daß wir uns alle mit einander erfreuen mögen, und an des HErrn Tisch sitzen, da uns der HErr Christus JEsus selber dienen will und mit dem neuen Wein uns träncken in dem Reich GOttes des Vatters, Marc. 14.

Dieses ist geschrieben, da wir unser letztes Abendmahl gehabt haben, da wir nicht anders wissen. Hiermit sage ich wieder adieu an alle meine liebe Brüder, und Schwestern. Ich und meine Schwester Martha thun euch sehr grüßen mit dem Frieden des HErrn, jetzt zum letzten mal alle die uns bekandt und unbekandt sind, nach dem Angesicht, sie seyen wo sie wollen, wir sind freilich in dem HERRN, wir sagen euch wieder adieu, biß wir wiederum zusammen kommen in dem neuen Jerusalem dortoben. Lasset lesen unsern letzten Abschied, und Urlaub, alle die es begehren, und sendet ihn auch meiner Schwerster Betgen.

Weiter, du mein liebes Kind Betgen/ ich bin sehr erfreuet, daß mich der HErr so lang gesparet hat, daß ich erfreuet bin vor meinem Tod durch euren Brieff, damit ihr mich gestärcket habt, ich bitte den HErrn, daß er euch auch wolle stärcken und bekräfftigen mit seinem Geiste, daß ihr also fort möget gehen, und dem allerbest nach kommen wie ihr mir geschrieben habt.

Ach! ihr meine liebe drey Schäfflein, sehet zu, daß ihr eure Zeit und Jugend nicht verzehret in Eitelkeit, noch in Hoffart, oder in Sauffen und Prassen, sondern vielmehr in der Soberkeit und Demüthigkeit, in der reinen Furcht Gottes, und fleißig und ernstlich zu allen guten Wercken, auff daß ihr mit demselben Zier und Schmuck der Heiligen möchtet bekleidet werden, auff daß euch GOTT würdig mache durch seine Gnade, daß ihr möget zu der Hochzeit des Lamms kommen und eingehen, daß ich euch da möge wieder sehen mit Freuden, dann euer Vatter und ich haben euch den Weg gewiesen, mit noch viel mehr andern Unterweisungen; Nehmet ein Exempel an den Propheten und Aposteln, ja an Christo selber, die sind alle durch den Weg gangen, wie uns das Haupt vorgangen ist, also müssen die Glieder auch hernach folgen.

Hiermit will ich euch alle dem HErrn befehlen, und dem Wort seiner Gnaden, dieses ist mein letztes Urlaub, meine liebe Schäflein, gedencket einander allezeit in der Liebe, lernet wol Lesen und Schreiben, seyd gehorsam einem jeglichen in dem Guten, wann dein Bruder David und Dannecken zu dir kommen, so grüsset euch unter einander mit einem freundlichen Kuß des Friedens in meinem Namen.

Hiermit sag ich adieu mein liebes Kind Betgen/ adieu mein liebe Kindlein David und Dannecken/ adieu meine liebe Brüder und Schwestern allzusammen mit einander, alle meine liebe Freude überall, noch einmal sagen wir adieu, grüset mir Dannecken und Moycken sehr mit einem Kuß des Friedens in meinem Namen.

Geschrieben von mir Soetgen von Holz von eurer Mutter in Banden in Eil geschrieben mit Zittern in grosser Kälte, euch Brüdern und Schwestern und meinen Schäflein auß herzlicher Liebe. Geschrieben an meine Schwester Betgen/ AMEN.

Quelle:
Güldene Aepffel in Silbernen Schalen Ephrata, Im Jahr des Heyls, 1745

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