Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (616)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (616)

Nr. 616 (C. R. – 3140)

Vgl. 609. Bullinger hatte den Erbachischen Plan eines Religionsgesprächs entschieden abgelehnt, dabei die Geschichte des fatalen Bezaschen Bekenntnisses (vgl. 526) wieder erwähnt und Calvin vorgeworfen, dass in dem zur Eröffnung der Akademie in Genf publizierten Bekenntnis das Wort Substanz des Leibes Christi vorkomme, was der Abendmahlslehre des Consensus Tigurinus widerspreche. Unter dem Drachen versteht Calvin auch hier wieder den Kardinal von Lothringen, der Elefant ist sein Bruder, Herzog Francois de Guise, der mit ihm die Macht über Frankreich teilte.

Von allerlei Bekenntnisfragen.

Als ich deinen Brief erhielt, edelster Mann und verehrter Bruder, war unser lieber Beza eben in Deutschland bei dem durchlauchtigsten Fürsten, dem Pfalzgrafen. Er war hingereist, um Hilfe zu suchen beim Löschen des in Paris ausgebrochenen Verfolgungsfeuers, das schon mehrere verzehrt hat und bald noch höher auflodern wird. Schlimmer ist noch, dass die Brüder erschrocken und furchtsam sind und die Gemeinde kläglich zersprengt ist, so dass nur ganz wenig Hoffnung besteht, sie wieder sammeln zu können, obwohl mitten in solchen Schrecken bei Orleans neulich zweiundzwanzig auf dem Weg zum Schaffot den räuberischen Schergen entrissen wurden. Doch das wird die Wut des Drachen nur noch vermehren; denn der Elefant tut nichts, was jener ihm nicht einbläst. Der Pfalzgraf hat nicht nur huldvoll versprochen, Bezas Bitte zu willfahren, sondern ließ gleich einen Brief aufsetzen im denkbar erfolgreichsten Wortlaut. Er selbst hat seine Aufgabe damit durchaus erfüllt; aber wie wenig Erleichterung die Brüder durch seine Fürbitte erhalten werden, schließen wir daraus, dass der Drache neulich gewagt hat, den Pfalzgrafen absichtlich zu reizen; er hat eine Burg an der elsässischen Grenze, die das pfalzgräfliche Banner trug, besetzen lassen. In ganz Frankreich ist die Lage der Brüder schrecklich; sobald sie aber nur einen Moment bekommen zu freiem Aufatmen, sammeln sie sich wieder.

Nun zu deinem Brief. Zusammenkünfte sind dir verdächtig, ja sie missfallen dir sogar, da du glaubst, sie seien doch nicht ehrlich und zu gutem Zwecke gemeint, sondern mit dem Hintergedanken angeregt, die reine Lehre zu verfälschen. Ich hätte doch geglaubt, die Lauterkeit des Grafen von Erbach, der ganz auf unserer Seite steht, wäre dir bekannt! Wolltest du doch ihn und seinesgleichen gerechter beurteilen! Sicher kann man mir nicht angeben, es sei eine schlaue, unehrliche Höflingsintrige; er verhehlt ja nicht, dass er der gesunden Lehre von vornherein beipflichtet. Auch rührt mich der fromme Eifer dieses Mannes, so dass ich ihm unrecht zu tun fürchtete, wenn ich etwas Böses dahinter vermutete. Was ich über die ganze Angelegenheit sagen möchte, bezweckt nicht, dich zu etwas zu bringen, was, wie ich sehe, dir so sehr unangenehm ist, sondern nur zu zeigen, dass ich für meinen Plan auch gewisse Gründe habe. So oft ich dich bat, ein Religionsgespräch nicht abzuschlagen, so habe ich doch nie die Hoffnung gehegt, man könne mit allen Gegnern einig werden. Aus Erfahrung weiß ich, nicht nur mit welchem Trotz sie ihre Irrlehren verfechten, wie sehr sie an ihrem Wahnwitz hängen, wie hochmütig sie alle Gegengründe verachten, sondern auch in welcher Verblendung und welchem Unverstand sie sich hinreißen lassen, über alles Maß und allen Anstand hinauszugehen. Aber ich habe stets offen bekannt, dass das Resultat, das ich wünschte, mir doch nahezu gesichert scheine, nämlich dass viele, die jetzt noch schwiegen, offen und ehrlich der reinen Lehre die Ehre gäben, andere wenigstens milder darüber urteilten und die heutigen Hauptgegner überwunden würden. Gelänge das, so müsste man nicht unverrichteter Dinge abziehen; denn es wäre für uns kein geringer Vorteil, wenn ihren Streitkräften und Mitteln Abbruch getan würde. Du wendest ein, die Fürsten seien von vornherein gebunden, da sie auf dem Buchstaben des Augsburgischen Bekenntnisses stehen wollen. Glaube mir, in einer regelrechten Disputation würde dieses großartige Prahlen schon aufhören; denn es sind nur Phrasen, die man uns entgegenhält. Ich war, wie du weißt, schon dabei, nicht nur bei freundschaftlichen Gesprächen, sondern in offenen Redekämpfen. Nie ist von mir Zustimmung zum Augsburgischen Bekenntnis verlangt worden; hingegen habe ich durchgesetzt, dass Melanchthon das Wort „realiter“ darin durchstrich. Wozu laden sie uns denn jetzt zu einem Religionsgespräch ein, wenn nicht darum, dass die allbekannten Streitpunkte durch eine freie, richtige Untersuchung beseitigt werden sollen? Sie werden uns mit noch größerer Gehässigkeit beschuldigen, wenn wir ihnen nicht beipflichten, meinst du. Hingegen ich glaube, mit Recht verurteilt man unsern Trotz, wenn wir, eingeladen zu einer regelrechten Disputation, ausweichen. Das andere Bedenken, das dich ängstigt, könnte schon längst gehoben sein. Freilich müssen wir eifrig darauf achten, dass wir nicht selbst aneinander geraten; aber hässlich und schmählich wärs doch, wenn wir nur dadurch uns davor hüten könnten, dass wir eine Zusammenkunft gar nicht wagen. Um von anderm ganz zu schweigen: öffnete nicht schon allein dies Misstrauen hässlichem Zwiste unter uns die Tür und machte uns zum Gespött der Feinde?

Auch die Beispiele, die du anführst, bringen mich nicht außer Fassung. Die Lutheraner waren zu Worms unter sich uneins. Hättest du lieber gesehen, sie hätten alle in gleichem Unverstand jenes grausame sächsische Verdammungsurteil über uns ergehen lassen? Ich wollte, solche Uneinigkeit wäre schon hundertmal unter ihnen entstanden! Hätte Melanchthon den gehörigen Mut gehabt, jener Zwist in Worms wäre der Anfang der schönsten Einigung geworden. Auf unsrer Seite sei es ja ähnlich, sagst du. Nun, wenn Beza sich von Melanchthon ein Bekenntnis diktieren ließ, um die deutschen Fürsten für unsere Brüder in Frankreich zu gewinnen, so konnte er unter den damaligen schlimmen Umständen kaum anders handeln. Müsste das Gesetz, das du vorschreibst, immer bei uns gelten, so hätten wir doch gar zu wenig Sorge um das unschuldige Blut der Evangelischen in Frankreich haben müssen. Freilich, Beza hat nicht genau das formuliert, was ich sagen müsste, würde ich um meine Meinung befragt. Aber hat er irgendetwas vom rechten Glauben Abweichendes vorgeschützt? So harte und strenge Regeln aufzustellen, wo sichs um Brüder in Lebensgefahr handelt, wenn ich selbst ungefährdet bin, dazu bin ich zu schwach. Du sagst, aber Beza veröffentlichte ein Bekenntnis in unser aller Namen, ohne irgendeinen Auftrag dazu zu haben. Nun, er behauptet, keinen Missbrauch mit unsern Namen getrieben, sondern nur ganz persönlich seine Ansicht auseinandergesetzt zu haben; er habe nur um der waltenden Missverständnisse willen und um unsern fälschlich schlechten Ruf zu zerstören, über die kurze Zusammenfassung seines Bekenntnisses geschrieben: „so wird in unsern Kirchen gelehrt“. Da es sich nun, wie alle wussten, um ein ganz improvisiertes Aufschreiben, bloß um eine Aufzeichnung eines Tischgesprächs vom vorigen Tag handelte, ists da billig, immer wieder die alte Geschichte aufzuwärmen?

Schmerzlicher traf mich dein Vorwurf, der uns falscher Lehre bezichtigt. Du beklagst dich, dass im Bekenntnisabschnitt unserer Akademie-Statuten das Wort Substanz stehe, dessen Nichtgebrauch doch durch Vertrag unter uns abgemacht sei. Was du dir unter dieser Abmachung vorstellst, weiß ich nicht; mir ist so etwas nie aus dem Munde gekommen! Du sagst, aber Ihr hättet es gesagt und ich nicht widersprochen. Als ob nicht auch manches andere unbedachte Wort gefallen wäre, das wiederaufzurühren verdrießlich wäre! So bitter ein so falscher Vorwurf ist, so unerträglich ists für einen freien Mann, sich die Ausdrücke, die man brauchen darf oder nicht, vorschreiben lassen zu müssen. Ich habe es wenigstens bisher nicht gelernt, meine Worte nach anderer Leute Wink zu wählen und wills auch nicht mehr anfangen.

Nun habe ich die Ansicht, die ich standhaft festhalten will, falls ich zu einem Religionsgespräch geladen werde, der Hauptsache nach klar aufzuweichen versucht, damit du sie kennst, und daran werde ich weder im Allgemeinen noch im Besonderen etwas ändern. Scheints dir, ich habe allzu ärgerlich geschrieben, so denke, was mir den Anlass dazu bot; denn ich habe dich lieber als Richter über mir, als dass ich mit dir stritte.

Lebwohl, trefflicher Mann und verehrter Bruder. Herrn Vermigli, Herrn Gwalther, deinen Schwiegersöhnen und allen Kollegen viele Grüße. Der Herr sei stets mit Euch; er leite Euch und segne Euer Wirken. Ich muss eben müßig zu Hause sitzen, weil mich die Schmerzen an einem Schenkel gepackt haben. Meine Kollegen lassen Euch alle ehrerbietig grüßen. Viret wundert sich, dass du seinen Brief nicht beantwortet hast. Nochmals lebwohl, hochberühmter Mann.

Genf, 2. Dezember 1559.
Dein
Johannes Calvin.

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