Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (609)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (609)

Nr. 609 (C. R. – 3124)

 

In Heidelberg war der Abendmahlsstreit zwischen dem Pfarrer Tilemann Heßhus und dem Diakon Klebitz ausgebrochen; als Heßhus, zur Verantwortung geladen, sagte, mit Calvin und Bullinger könne er keine Gemeinschaft halten, antwortete ihm Graf Georg von Erbach, der Kanzler des Pfalzgrafen, mit der Frage, ob er auch nicht in den Himmel wolle, wenn die beiden darin seien. Eberhard von Erbach war Oberhofmarschall am kurpfälzischen Hof. Zur Weiterführung der in 607 erwähnten diplomatischen Aktionen war Beza nach Straßburg gereist.

 

Neue Aussicht auf ein Religionsgespräch in Deutschland. Grauenhafte Verfolgung in Frankreich.

 

Der Sachse, den du mir empfohlen hast, verehrtester Bruder, hat bei einem rechtschaffenen, freundlichen Manne, Macard, einem meiner Kollegen, Quartier gefunden und wird dort recht gut wohnen. Dass du mir zu meiner leidlichen Gesundheit gratulierst, entspricht deinem bekannten Wohlwollen und deiner brüderlichen Liebe zu mir. Ein freundlicher Liebesdienst wars auch, dass du mir allerlei erzähltest; wenn auch nicht alles gute Nachrichten waren, so ists doch gut, es zu wissen. Über die Antwort des Grafen von Erbach hat mir Hotman das Gleiche geschrieben; kurz vorher hatte ich von Erbachs Bruder Eberhard einen Brief erhalten, in dem er es wieder zeigt, was er stets vorher auch schon bekannt hat, dass es sein inniger Wunsch sei, die Fürsten möchten zur Schlichtung der Zwistigkeiten eine Zusammenkunft anordnen. Da er ein überaus kluger Mann und dazu ganz auf unserer Seite ist, glaube ich, dass er nicht grundlos so spricht; macht er sich Hoffnungen auf Erfolg, so ist jedenfalls ein solcher Anlass nicht außer acht zu lassen. Denn ganz von selbst erwähnte er diese Sache, ohne dass ich sie mit einem Wörtlein berührt hatte. Deshalb möchte ich dich ersuchen, dich, wenns dir so gut scheint, mit Herrn Vermigli und den anderen Brüdern zu beraten, was darauf zu antworten ist. Unser lieber Beza ist nach Straßburg gereist, um irgendetwas, oder, wie ich eher vermute, gar nichts auszurichten. Weil aber einige hochmögende Persönlichkeiten ein Unternehmen vorhaben, das uns angeht, und Sturm dringend wünschte, mit mir oder Beza darüber reden zu können, so glaubten wir, ihm in etwas entgegen kommen zu müssen, damit er sich nicht für verachtet hält.

 

In Paris ist der Fanatismus der Feinde des Evangeliums heftiger aufgeflammt als je. Es ist Befehl gegeben, dass Gerichtskommissäre die ganze Stadt durchstreifen und von Haus zu Haus nachforschen sollen, wie jedermann sich hält, und ob alle an den Festtagen die Messe hören. Sie dringen nicht nur bis in die Schlafzimmer, sondern bis zu Betten, Truhen und Schränken, und jeder, bei dem man ein verdächtiges Buch findet, wird gleich ins Gefängnis geschleppt. Nach Durchsuchung des ganzen Hausrats wird den Hausvätern verkündet, sie seien strafbar, wenn man finde, dass sie einen Lutheraner in ihrem Hause hätten. Auch wird jedem strenge befohlen, die Nachbarn sollten sich untereinander scharf beobachten; versäume jemand diese Pflicht, so werde er dafür gestraft. Unter diesem Vorwand sind schon nicht wenig Häuser ausgeplündert worden. Neulich ereignete sich etwas, was die Wut der Feinde noch mehr entflammen wird. In einer Herberge saßen etwa fünfzehn Adlige miteinander beim Mittagessen. Ein Gerichtskommissar eilt herbei; Stadtknechte brechen durch die Fenster herein. Da dieser Angriff von außen her so stürmisch und feindselig ausgeführt wurde, begannen die Gäste, sich mit gezogenem Degen zur Wehr zu setzen. Ein Stadtknecht wurde getötet, mehrere verwundet. Kommt da Gott nicht bald zu Hilfe, so wird maßlos Blut vergossen werden. Es sind schon viel mehr als vor zwei Jahren ins Gefängnis geworfen worden; besonders die schlimmsten Löcher sind voll von armen Leuten. Zuweilen werden viele miteinander durch Ausruf in den Straßen mit Trompetenschall vor Gericht geladen; die Güter der Abwesenden werden konfisziert. In der Provence wurden die Gläubigen vom Volke gewaltsam mit dem Schwerte angegriffen und begannen sich zur Wehr zu setzen; bisher behielten sie die Oberhand, und es sind nur wenige getötet worden, obwohl sie die Feinde bis auf den letzten Mann hätten niedermachen können; doch ist sehr zu fürchten, dass auch sie zu den Waffen greifen, wenn sie übermäßig bedrückt werden. Man muss Gott bitten, dass er in seiner wunderbaren Güte und Weisheit die stürmischen Fluten stille. Dabei bitte ich ihn auch herzlich, er wolle dich samt deiner Familie und deinen Kollegen behüten, leiten und segnen. Viret und die übrigen lassen dich vielmals grüßen; richte auch von mir den Freunden und Brüdern viele Grüße aus. Lebwohl, hochberühmter Mann, von Herzen verehrter Bruder.

 

Genf, 5. Oktober 1559.
Dein
Johannes Calvin.

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