Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (426).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (426).

Nr. 426 (C. R. – 2052)

Über Melanchthon und Burckard vgl. 411 und 406. In dem so genannten majoristischen Streit vertrat Georg Major, Superintendent zu Eisleben, den Satz, gute Werke seien zur Seligkeit nötig, seine Gegner Amsdorf und Erasmus Sarcerius, Superintendent zu Mansfeld, die Behauptung, gute Werke seien zur Seligkeit schädlich.

Von Melanchthons Schwäche und allerlei theologischen Zwistigkeiten in Deutschland.

Weil du neulich, als mein Bote aus Sachsen durch Neuchatel zurückreiste, dir nicht erlaubt hast, die Briefe zu öffnen, so sende ich dir hier eine Abschrift dessen, den ich von Philippus [Melanchthon] erhielt. Du erkennst daraus, was dir freilich auch bisher nicht unbekannt war, wie groß die Schwäche dieses Mannes ist, dem selbst die höchste Notwendigkeit kein offenes Wort abringt. Denn er stimmt uns bei, wagt aber seine Meinung nicht offen zu bekennen. Als ich ihn der ewigen Gnadenwahl Gottes wegen scharf drannahm, wich er mit einigen nichts sagenden Klageworten aus, um die ganze Frage mit keinem Wort berühren zu müssen. Wenn er nur näher wohnte! In einem Gespräch von drei Stunden käme ich weiter mit ihm als in hundert Briefen. Aus dem Brief des Kanzlers Burckard siehst du weiter, wie energisch Amsdorf und seine Genossen ihre Tollheit treiben. Doch das wundert mich nicht. Dass aber das Sachsenland so betört ist, dass es sich von ihrem Willen lenken lässt, ist ein beklagenswertes Elend. Indessen zerfleischen sich dieselben Leute, die mit so feindseliger Leidenschaft über uns herfahren, auch untereinander. Denn Sarcerius hat in versammelter Synode den ersten Theologen der Universität Wittenberg, Georg Major, verurteilt und ihn durch Veröffentlichung einer Gegenschrift in den Bann getan, und die Magdeburger und andere in der Umgebung folgten seinem Beispiel. Auch die Rechtfertigungslehre wird noch in andern Händeln elendiglich zerpflückt.

Hier in Genf stehts nicht besser als gewöhnlich. Endlich kam eine Antwort von Bern; darin wird mit unserer Beschwerde ganz lustig Spott getrieben. Morgen geht aber, wie ich hoffe, wieder eine Botschaft von uns ab, die sie nochmals am Ohr zupfen soll. Die Verteidigung unseres Consensus, wie ich sie den Zürchern zu lieb verbessert habe, lies, und lass sie dann für unsern verehrten Bruder, Herrn Blaurer, abschreiben. Grüße ihn auch herzlich von mir. Sind die Zürcher nicht allzu eigensinnig, so sind sie hoffentlich jetzt zufrieden. Ich glaubte, rechtzeitig dafür sorgen zu müssen, dass sie mich nicht allzu hartnäckig drängen. Lebwohl, bester, trefflichster Bruder. Der Herr sei stets mit dir, er leite dich mit seinem Geiste und segne dein frommes Wirken. Die Freunde lassen dich grüßen, grüße du deinerseits die Brüder in Neuchatel.

27. November 1554.
Dein
Johannes Calvin.

P. S. Ich musste diesen Brief diktieren eines Kopfwehs wegen, oder wenigstens einer Benommenheit, die mich seit dem Mittagessen belästigt.

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