Calvin, Jean – An Laurent de Normandie in Genf.

Calvin, Jean – An Laurent de Normandie in Genf.

Seinem Freund, Laurent de Normandie, einem Refugianten aus Noyon, widmete Calvin die Schrift von den Ärgernissen, eine Mahnung an die französischen Hugenotten zur Auswanderung.

Refugiantenspiegel.

Da ich aus mancherlei Gründen die Absicht hatte, dir eines meiner Werke zu widmen, so habe ich nun dieses Werkchen vor andern dazu ausersehen, weil zur Betätigung der Glaubenstreue, die sein Inhalt fordert, dein Beispiel als nicht geringe Stärkung dienen kann. Denn dass du, seitdem du dein Vaterland verließest, um als freiwillig Verbannter zu uns zu ziehen, vom Satan mit vielen, heftigen Ränken angegriffen wurdest, dafür sind wir zwei zwar die besten Zeugen, aber auch andere wissen es wohl. Vier Monaten nach deinem Abschied wurde dir der Tod deines Vaters gemeldet. Nun lag der Gedanke nahe, und übelgesinnte Leute sprachen ihn auch aus, sein Tod sei dem Schmerz um dich zuzuschreiben, so dass alle Vorwürfe sich über dich ergossen. Es folgte kurz darauf der schwerste Schlag; deine Frau, wie sich der beste Mann keine bessere hätte wünschen können, wurde dir in der Blüte ihrer Jahre entrissen. Auch da konnte es gar nicht anders sein, als dass mancherlei Versuchung den Geist eines nicht stumpf empfindenden Mannes erschütterte. Schon wieder drangen Lästerreden der Bösen an dein Ohr, unter unglücklichen Verhältnissen sei sie vom Heimatboden losgerissen worden und habe drum ihr armes Leben in fast fremdem Lande aufgeben müssen. Doch dein Herz bedrängte ein anderer Gedanke mehr; ob sie nicht recht hätten, wenn sie sagten, der traurige Ausgang sei ein Zeichen des Fluches Gottes über deinen Plan. Ich will nicht reden von den ungezählten Stichen, die du im Innern spüren musstest. Denn wenn verwitwet zu sein schon an sich ein schweres Leid ist, einer solchen Lebensgefährtin beraubt zu werden, musste für dich mehr als traurig sein. Auch kam zuletzt noch der Tod deines Töchterchens zu dem übrigen Berg von Leid. Unterdessen führte Satan auch in anderer Richtung alle möglichen Angriffe gegen dich, um dein wundes Herz damit noch ganz zu vernichten. So hast du in einem halben Jahre mehr Schweres hinunterwürgen müssen, als manche Helden, deren Charaktergröße gefeiert wird, in ihrem ganzen Leben ertragen mussten. Das war der Damm von Ärgernissen, die Satans List dir am Beginn deiner Laufbahn in den Weg legte, um dich zur Umkehr zu zwingen. Aber im Vertrauen auf die unbezwingliche Macht des Geistes Gottes wurdest du allen andern zum Beweis, dass kein Hindernis zu groß und schwer ist, um nicht unter diesem Schutz überwunden zu werden. Und zugleich durftest du erfahren, mit welchen Waffen der Herr die Seinen zum Widerstand wappnet, so oft er sie in den Kampf ruft. Ich erinnere mich, als ich dir als erster die Nachricht vom Tode deines Vaters geben musste, führte ich dir das Beispiel Abrahams an, den seine Zeitgenossen auch den Mörder seines Vaters nennen konnten, weil Thara dem wegziehenden Sohne folgte und dann auf der Reise starb [1. Mose 11, 31. 32]. Da antwortetest du gleich, da du Gott zum Zeugen deines Tuns habest und er es billige, so machten dir die Lästerreden der Bösen nichts; nur tue es dir leid, nicht auch darin dem Abraham zu gleichen, dass der Vater sich der Reise angeschlossen habe, auch seiest du nicht so hoch und stolz, dass du nicht Abrahams Genosse sein oder die Schmach vermeiden wolltest, die Gott mit dem höchsten Lob bedacht habe. Im Übrigen hat auch deine Frau die Trauer um ihren Tod, in der sie uns zurückließ, selbst wunderbar erleichtert und gemildert. Denn kein besseres Mittel konnte man sich dagegen wünschen, als die Heldenworte, die sie in ihren letzten Augenblicken sprach. Wie sie meine Hand erfasste und Gott dankte, dass er sie an einen Ort gebracht, wo sie ruhigen Herzen sterben könne! Wie sie ihr früheres Lebenslos von Herzen beklagte und sich doppelt glücklich pries, dass sie, eben erst aus der fluchwürdigen babylonischen Gefangenschaft befreit, nun auch aus dem elenden Kerker des Leibes loskommen dürfe! Wie sie aus lebendigem Gewissen heraus von ihren Sünden, dem Netz des ewigen Todes, dem furchtbaren Urteil Gottes sprach, nicht weibisch [klagend], sondern die Gnade Christi großartig preisend, und sich an ihr demütig zugleich und glaubensvoll wie an einem heiligen Anker festhaltend! Wie sie diese Worte nicht nur klar und deutlich, sondern mit ungewöhnlicher Energie während ihrer letzten Atemzüge aussprach, daran erinnere ich mich so gut, dass ich jetzt noch dabei zu sein glaube. Als ich dich dabei mir gegenüber sah, tapfer ringend mit deiner Traurigkeit, da wunderte ich mich nicht so sehr, dass ein Mann, der solche und so reichliche Hilfe fand, stark sei im Schmerz. Ich will nicht mehr aufzählen. Nur das sage ich, als Satan dir ein verworrenes Irrsal angerichtet hatte durch ungeheure Häufung der Ärgernisse, da hast du alles so überwunden, dass du nicht nur andere gut mahnen und ihnen zureden kannst, sondern dass auch solche, die schon schwächer sind, von deinem Beispiel angeregt nach neuer Festigkeit trachten. Denn wie eine feste Burg ist wohl bewehrt die gleichmäßige Ruhe deines Geistes; davon hast du wie in all den andern Dingen auch darin besonders eine glänzende Probe abgelegt, dass du im Vaterland zurückgelassen hast, was die einen zu ehrgeizigen Plänen hinreißt, andere durch Verlockung festhält, und keine Lust danach rührt dich mehr. Es liegt zu Tage, dass du jetzt alle diese Dinge ebenso gleichmütig und ruhig entbehrst, als du leicht einmal darauf verzichtetest. Da ich von deiner Frömmigkeit nicht geringe Frucht und Freude habe, so ists natürlich, dass ich wünsche, auch andere möchten Teil daran haben. Denn wie ich dich noch vor kurzem, als du in meiner Vaterstadt [Noyon] königlicher Statthalter und unser Bürgermeister warst, doch als fern von Christo beklagte, so nenne ich dich jetzt, seit du dich ganz Christo zugesagt hast, erst recht mein und umfasse dich sozusagen im allgemeinen Schoß der Kirche. Ich wünschte, dieses Büchlein würde auch für die, die dich nicht kennen, ein Zeugnis dafür, wie ich dich liebe. Denn du selbst verlangst kein Pfand. Es gibt ja unter uns Menschen mancherlei Bande innigen Zusammenhangs, aber keine Blutsverwandtschaft, keine andere menschliche Verbindung kann unsere Liebe übertreffen. Mein einziger Bruder sieht es nicht ungern, dass du mir gleich nahe stehst wie er; denn er spürts, dass er zur Vergeltung dafür von dir in gleicher Weise geliebt wird.

Wenn nun dieses Buch später erscheint, als viele es wünschen, so möge es nach dem alten Sprichwort gehen, das ich am Anfang des Buches anführe: Wenns gut genug ist, ists auch früh genug. Aber ich fürchte, viele, die teils der großen Bedeutung des Stoffes, teils der langen Wartezeit wegen, sich irgendetwas Großartiges versprochen haben, werden sich über die Enttäuschung ihrer Hoffnung ärgern, wenn sie sehen, dass ein Stoff, der Ausführlichkeit, glänzende Darstellung, leidenschaftliches Pathos, ja alle Blitze der Beredsamkeit verdiente, knapp und nüchtern behandelt wird. Ich habe ihnen nichts anderes zu antworten, als dass ich die Behandlungsart wählte, die ich für die beste hielt. Dass sie darin mit mir gleicher Meinung seien, verlange ich nicht, nur, dass sie mir verzeihen, wenn ich auch anderer Meinung bin als sie. Lebwohl, trefflicher Mann und mir im Herrn eng verbundener Bruder.

Genf, am 10. Juli, meinem Geburtstag, 1550.

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