Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (298)

Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (298)

Das Leipziger Interim hatte mit Zustimmung Melanchthons manche katholischen Kultusformen, vor allem den katholischen Priesterornat, als unwichtige Äußerlichkeit (Adiaphoron) erklärt; deswegen wurden die Wittenberger Theologen von den in Magdeburg sich haltenden Interimsgegnern scharf bekämpft; diese Stadt wurde von Moritz von Sachsen als Vollstrecker der Reichsacht belagert.

Vorwürfe wegen Melanchthons Stellung in der Interimszeit.

Der alte Satirendichter sagt: Wems die Natur nicht erlaubt, den macht die Entrüstung zum Dichter. Mir geht’s jetzt aber ganz anders. Der Schmerz, den ich eben empfinde, macht mich so wenig beredt, dass mir vielmehr die Sprache fast versagt. Denn abgesehen davon, dass mir die Worte fehlen, meine Gemütsbewegung auszudrücken, erschreckt mich schon allein der Gedanke an die Sache, über die ich schreiben muss, derart, dass ich fast stumm bin. Ich möchte, dass du, was ich sage, eher als ein Stöhnen denn als ein Reden ansehest. Wie die Feinde Christi Euer Kampf mit den Magdeburgern belustigt, ist aus ihren Späßen und Karikaturen bekannt genug. Sicher ein hässliches und für Gott und seine Engel, aber auch für die ganze Kirche abscheuliches Schauspiel wird da geboten. Da, mein lieber Philippus, wäre es, auch wenn keine Schuld an dir haftete, die Pflicht deiner Klugheit und Rechtlichkeit, entweder ein Mittel zur Hebung oder doch eines zur Linderung des Übels zu finden. Aber verzeih, wenn ich auch dich nicht von aller Schuld freispreche. Du kannst daraus den Schluss ziehen, wie hart das Urteil anderer Leute über dich ist, und wie ungünstig und gehässig von dir gesprochen wird. Erlaube daher, mein lieber Philippus, dass ich durch eine freimütige Ermahnung meine Pflicht als dein wahrer Freund tue, und wenn ich ein wenig scharf mit dir spreche, so glaube nicht, es sei in meinem alten Wohlwollen und meiner Verehrung für dich nur das Geringste anders geworden. Auch das wird dir nicht neu und ungewohnt sein, dass ich lieber durch derbe Offenheit Anstoß gebe, als dass ich schmeichlerisch irgendeinen Menschen zu Liebe rede. Weil ich meinerseits erfahren habe, dass dir nichts lieber ist als Ehrlichkeit, so bin ich auch nicht ängstlich, du könntest meinen Tadel übel nehmen, wenn meine Missbilligung berechtigt ist. Freilich wünschte ich, alles, was du tust, fände ausnahmslos meine und anderer Leute Billigung. Nun aber klage ich dich bei dir selbst an, um nicht denen beipflichten zu müssen, die dich ungehört verurteilen.

Du verteidigst dich hauptsächlich damit, wenn nur die reine Lehre festgehalten werde, so dürfe man über Äußerlichkeiten nicht hartnäckig kämpfen. Wenn aber wahr ist, was allgemein als gewiss behauptet wird, so dehnst du den Begriff der neutralen, unwichtigen Dinge recht weit aus. Du weißt wohl, dass der Gottesdienst bei den Papisten auf tausend Weisen entstellt ist. Die unerträglichsten Verderbnisse haben wir aufgehoben. Jetzt gebieten die Gottlosen, um über das Evangelium triumphieren zu können, wir sollen sie wieder einführen. Wenn jemand ohne Zögern sich weigert, das zu tun, schreibst du das seiner Hartnäckigkeit zu? Wie fern das deiner maßvollen Art läge, weiß ich. Wenn du bereitwilliger warst im Nachgeben, so darfst du dich nicht wundern, dass das dir vielmehr von vielen als Fehler angerechnet wird. Rechne noch dazu, dass von den Dingen, die du unwichtig nennst, einige in offenem Widerspruch zu Gottes Wort stehen. Vielleicht wird ja einiges von andern allzu streng genommen, und wie es in der Polemik geht, manches gehässig übertrieben, was nicht so schlimm ist. Aber wenn ich etwas von göttlichen Dingen verstehe, so durfte doch so viel den Papisten von dir nicht zugestanden werden, teils weil du freigegeben hast, was der Herr durch sein Wort festgelegt hat, teils weil du Anlass botest zu übermütiger Verhöhnung des Evangeliums. Hat nicht Paulus, als die Beschneidung doch noch erlaubt war, diesen von Gott gestifteten Brauch hartnäckig abgelehnt, weil listige, böswillige Vogelsteller damit der Freiheit der Christen eine Falle stellen wollten? Ja, er rühmt sich, keinen Augenblick ihnen nachgegeben zu haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bestünde bei den Heiden [Gal. 2, 5]. Heute belästigen uns unsere Feinde und nicht wegen der Beschneidung; sondern um nichts unverfälscht zu lassen, durchsäuern sie die Lehre und alle frommen Übungen mit ihrem faulen Sauerteig. Wenn du sagst, die Magdeburger zankten nur um den linnenen Chorrock, so weiß ich nicht, was das bedeutet. Der Gebrauch des linnenen Chorrocks samt vielen andern Torheiten ist doch, wie ich glaube, bei Euch wie bei ihnen bisher beibehalten worden. Aber überall seufzen gute, fromme Leute, du habest auch zu viel ärgeren Verderbnissen die Hand geboten, die offen dazu führten, die Reinheit der Lehre zu verderben und die Kirche ins Wanken zu bringen. Hast du vergessen, was ich dir einst gesagt, so will ich dir es jetzt wieder ins Gedächtnis rufen: Viel zu teuer ist uns die Tinte, wenn wir zögern, das wenigstens schriftlich zu bezeugen, was so viele mitten aus der Gemeinde der Laien heraus als Märtyrer Tag für Tag mit ihrem Blute besiegeln. Und so sprach ich zu einer Zeit, als wir noch weit vom Geschoß zu sein schienen; jetzt, da uns der Herr in den Kampf geführt hat, müssen wir umso mannhafter kämpfen. Du weißt, deine Stellung ist anders als die vieler anderer. Viel schmachvoller ist die Angst eines Führers oder Bannerherrn, als die Flucht der gemeinen Soldaten. Also anderer Furchtsamkeit kann man schonen, wenn du aber kein stets sich gleich bleibendes Beispiel unbezwinglicher Festigkeit gibst, so sagt jedermann, an einem solchen Mann sei ein Schwanken schon unerträglich. So hast du mit einem bisschen Zurückweichen mehr Klagen und Seufzer hervorgerufen, als hundert mittelmäßige Leute durch offenen Abfall. Freilich bin ich fest davon überzeugt, dass Todesgefahr dich nie dazu bringen könnte, auch nur um eines Nagels Breite vom rechten Wege abzuweichen; aber ich vermute, es konnte geschehen, dass eine andere Art Furcht deinen Mut erschreckte. Denn ich weiß, wie sehr du den Vorwurf unmenschlicher Strenge scheust. Aber du musst auch bedenken, Knechte Christi dürfen um ihren Ruf nicht ängstlicher sein als um ihr Leben. Denn wir sind nicht besser als Paulus, der durch Schmach und Schande sicher vorwärts schritt. Wenn man uns für Starrköpfe und Fanatiker hält, die lieber die Welt in Trümmer gehen lassen, als dass sie sich zu einer Ermäßigung [ihrer Forderung] herbeilassen, so ist das bitter und hart. Aber an solche Namen muss sich dein Ohr schon früher gewöhnt haben. Denn weder bist du mir so schlecht bekannt, noch bin ich dir gegenüber so ungerecht, dass ich die Meinung hätte, du gingest nach der Ehrgeizigen Art mit der Volksgunst. Aber ohne Zweifel machen dich zuweilen solche Vorwürfe wankend: Was, ziemt es einem klugen, bedächtigen Mann, um kleiner, fast abgeschmackter Dinge willen eine Kirchenspaltung zu veranlassen? Sollte man den Frieden nicht mit einem noch erträglichen Nachteil erkaufen? Ists nicht verrückt, immer so auf die Extreme zu sehen, dass die Hauptsache des ganzen Evangeliums vernachlässigt wird? Als einst diese und ähnliche Sätze von schlauen Leuten ausgestreut wurden, da glaubte ich zu bemerken, wie du dich stets mehr als recht davon bewegen ließest, und ich sage dir das ehrlich, damit nichts deine wahrhaft göttliche Geistesgröße hindere, mit der ich dich sonst reichlich ausgerüstet weiß. Der Grund dieser meiner Heftigkeit ist dir nicht verborgen; ich wollte hundertmal lieber mit dir sterben, als dich die von dir verratene Lehre überleben sehen. Ich sage das nicht, weil Gefahr bestünde, die durch deinen Dienst geoffenbarte Wahrheit Gottes könnte untergehen, oder weil ich irgendwie deiner Standhaftigkeit misstraute, sondern nur, weil du dich nie genug hüten kannst, dass die Gottlosen die Gelegenheit zu sticheln, nach der sie trachten, nicht aus deiner Bereitwilligkeit schöpften. Die böse Geschichte mit den Magdeburgern habe ich noch gar nicht berührt. Der sie schützen sollte mit seinen Mitteln an Geld und Macht [Moritz von Sachsen], entblößt sie nicht nur treulos aller Hilfe, sondern ist ihr grausamer Feind. Dass du so frevelhafte Wut durchaus nicht billigst, das brauchst du mir nicht erst entschuldigend zu sagen. Ja, du brauchst mir auch nicht zu bezeugen, wie heftig sie dich plagen; aber wenn du zu manchem schweigst, was du nicht ändern kannst, oder nicht scharf und mutig genug widerstehst, und sie dann finden, das passe nicht zu deiner Menschlichkeit, so wundere ich mich darüber nicht. Denn du weißt wohl, wie besorgt man für Brüder in solcher Lage eintreten müsste. Wenn du meinst, deine Sache sei das nicht, so glaube ja nicht, gute Leute damit zufrieden stellen zu können. Absichtlich lasse ich manches beiseite, um des willen Böswillige oder allzu Leichtgläubige dich tadeln. Z. B. dass du freiwillig in das Gebiet dessen gezogen bist, den du aus manchen Gründen hättest fliehen müssen. Da du aber sicher einen guten Grund gehabt hast, dich so zu entschließen, so will ich, wie gesagt, es unterlassen, solche Urteile über dich wiederzugeben. Aber das muss auch dem sehr billig Denkenden missfallen, dass, während mit bestialischer Wut gegen die Brüder vorgegangen wird, Philippus im feindlichen Lager sitzt und schweigt. Zwar zweifle ich auch nicht, dass den Magdeburgern manches Wort entfahren ist, das dich erbittern musste; aber da du anfänglich genügend einsahest, dass sie wegen der evangelischen Lehre fälschlich angegriffen wurden, so meinten sie, es sei deine Pflicht, aus solchem Grund keine Zertrennung aufkommen zu lassen. Dass sie ungeduldig wurden, als du sie verließest, wundert mich nicht. Kennst du doch das Wort: Wer im Unglück ist, empfindet Alles als Kränkung! Jetzt, da dieser unglückselige Streit weithin ausgebrochen ist und zum großen Schaden der Kirche und zum Schmerz aller Guten wütet, müssen wir alle ein Heilmittel dafür suchen. Ist keins mehr möglich, so verzeih, dass ich diese mehr klagenden als zornigen Seufzer vor dir ausschütte. Lebwohl, hochberühmter und stets von Herzen verehrter Mann. Der Herr fahre fort, dich mit seinem Geiste zu leiten, halte dich aufrecht durch die Kraft seines Geistes und behüte dich mit seinem Schutz. Amen. Grüße, bitte, die Freunde von mir, wenn etwa solche bei dir sind. Hier sind sehr viele, die dich ehrerbietig grüßen lassen. Denn viele fliehen, um den Götzendienst zu meiden, aus Frankreich zu uns in eine freiwillige Verbannung.

[20. Mai 1550.]

Kommentare sind geschlossen.