Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel und Viret in Lausanne (286).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel und Viret in Lausanne (286).

Vor Calvins erster Ankunft in Genf wirkten dort Farel und Viret. Farel hielt Calvin dort fest, als Viret nach Neuchatel und später nach Lausanne ging; bis 1538 war Calvin mit Farel in Genf; nach der Rückkehr aus Straßburg 1541 ein Jahr lang mit Viret; Calvin widmet mit diesem Brief den Freunden seinen Kommentar zum Titusbrief.

Ein Freundschaftsdenkmal.

Dass dieser mein Kommentar mit der Widmung an Euch in die Öffentlichkeit tritt, ist zwar ein kleines, aber hoffentlich Euch nicht unangenehmes Geschenk, weil mich schon der Inhalt dieses Briefes mahnte, so zu handeln. Übernahm Titus in Kreta die Aufgabe, die letzte Hand anzulegen an dem Bau, den Paulus unvollendet zurückgelassen, so habe ich zu Euch fast die gleiche Stellung. Denn als Ihr begonnen hattet, mit großen Mühen, ja sogar Gefahren, die Genfer Kirche aufzubauen, kam ich nach einiger Zeit zuerst als Euer Helfer dazu, blieb dann als Euer Nachfolger hier und sollte das von Euch mit Geschick und Glück begonnene Werk nach meiner Kraft zu fördern suchen. Das zu tun, ist auch heute mein und meiner Kollegen Bestreben, und wenn auch der Erfolg kleiner ist, als wir wünschten, so geschiehts doch von Herzen und treulich, soviel eben unsere mittelmäßige Begabung vermag. Doch zu Euch zurück: Da ich dieselbe Stellung, die Paulus dem Titus anwies, Euch gegenüber einnehme, so schien mich diese Ähnlichkeit einzuladen, Euch in erster Linie zu wählen zur Widmung dieses meines Werkes. Dabei wird es auch wenigstens in gewissem Sinn ein Zeugnis sein für die heilige Verbindung, die zwischen uns besteht, für unsere Zeit und vielleicht auch für die Nachkommen. Ich glaube, dass nie ein Freundespaar so treu unter sich verbunden, in solcher Gemeinschaft des Lebens miteinander stand, wie wir in unserm Amtsdienst. Mit jedem von Euch beiden habe ich hier das Pfarramt geführt. Es war so gar kein Schein von Eifersucht da, dass ich mir völlig eins mit Euch schien. Später wurden wir getrennt, dem Orte nach; denn dich, lieber Farel, berief die Kirche von Neuchatel, die du aus der Tyrannei des Papsttums Christo zurück gewonnen hattest, wieder zu sich. Dich Viret hält die Kirche von Lausanne mit gleichem Recht in Pflicht. Übrigens steht jeder von uns so auf seinem Posten, dass durch unsere Einigkeit die Kinder Gottes zu Christi Herde gesammelt werden, ja zu seinem Leib zusammenwachsen, die Feinde aber zerstreut werden, nicht nur die äußern Feinde, die von Berufswegen mit uns Krieg führen, sondern auch die in unserer Nähe, die Hausfeinde, die uns in unserer Kirche auf die Probe stellen. Denn auch das zähle ich zum Guten an unserer Verbindung, dass die unreinen Hunde, deren Beißen unsere Freundschaft nicht spalten und zerreißen kann, sie auch mit ihrem Gebell ganz umsonst schmähen. Wohl muss ihre Frechheit in unserm Gemüt das Unterste zu oberst bringen; aber wir dürfen uns doch wahrhaftig vor Gott rühmen und habens vor den Menschen mit reichen Beweisen erhärtet, dass wir in keinem andern Sinne Genossenschaft oder Freundschaft pflegen, als dass unsere von Christo geheiligte Eintracht seiner Kirche bisher von Nutzen war und sie nichts anderes bezweckt, als dass alle in ihm mit uns eins würden. Lebt wohl, beste, trefflichste Brüder. Der Herr Jesus fahre fort, Euer frommes Wirken zu segnen.

Genf, 30. November 1549.

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