Vermigli, Peter Martyr – An seine Gemeinde zu Lucca

Vermigli, Peter Martyr – An seine Gemeinde zu Lucca

Pisa, 1548.

Gottes Dasein wird uns durch den Begriff, den die Bibel von ihm gibt, daß er der Inbegriff alles Guten sei, hinreichend bewiesen. Vater ist er, insofern er Christus gesandt, und auch unser Vater ist, da er uns seine Erbschaft, d. h. einen Antheil seiner Natur austheilt. Die Geburt Christi von der Maria war durch den h. Geist bewirkt, und Christus frei von Erbsünde geboren. Dieß sollte unsre Seelen von irdischen Begierden entfernen, da die Heiden dichteten, daß Götter in die sündigen Leiber herabstiegen und sich mit der Menschen Verbrechen befleckten, unsere Religion uns lehrt, daß Gott den menschlichen Leib verherrlicht, indem er ihn zu seiner heiligen Natur emporzog. Christi Leiden sollen uns Standhaftigkeit und Geduld in Anfechtungen lehren, daher wir uns über de verwundern müssen, die um der Wundenmale des h. Franciskus willen weite Wanderungen unternehmen, und den geringsten Schaden, den sie um der Religion willen an ihren Gütern erleiden, so bitterlich beklagen. Die Himmelfahrt deutet auch den sinnlichsten Menschen ihr wahres Vaterland an; das Wiederkommen Christi zum Gericht ist nicht um der Unglaubigen willen, denn die sind schon gerichtet, sondern, um allen Menschen offenbar werden zu lassen, warum viele, die den Namen Christen geführt, zur Verdammniß und andere zur Seligkeit bestimmt gewesen seien, da Gott nicht will, daß seine Gerechtigkeit, welche auf Erden Vielen verborgen ist, es auch auf immer bleibe.

Der Geist Gottes selbst will uns zum Guten bekehren, und dem der Seligkeit entgegenstehenden Zustande des Zweifelns ein Ende machen. Dieß kann uns in den Versuchungen der Welt und unsres Fleisches stärken, und, wenn man uns verfolgt, zu einem ruhigen und frohen Leben verhelfen, da wir voll des h. Geistes des ewigen Lebens schon im Voraus genießen. Die Ketzer sind keine christliche Kirche, weil sie nicht bei der Schrift bleiben. Auch die römische Kirche ist davon abgewichen, weil sie heidnische Gebräuche dem Christenthum einverleibte, und sich herausnahm, diese mit Gewalt andern aufzudringen. Die Kirche kann nicht bestehen, so lange sie noch Schätze sucht, zeitliche Herrschaft hat, Kriege führt, denn ihre Waffen sind nicht weltliche, sondern geistliche, sie sollen die Seele nach Oben führen, nicht durch Einmischen des Zeitlichen in das Ewige sie zur Erde drücken. Die Kirche kann nur Ein Haupt haben, dieß ist Christus. In der Kirche sollen der Gesetze nicht so viele sein, daß dadurch die christliche Freiheit gestört, und Christen durch Furcht des ewigen Todes zu einer knechtischen Tugend genöthigt werden. Die Kirche soll übrigens selbst ihre Gesetze festsetzen und auch abändern können, wenn aus einem derselben Nachtheile für die Glieder der Kirche fließen. Die Sündenvergebung wird nur denen zu Theil, die durch den Glauben mit Christo, dem Haupte seiner Gemeinde, vereinigt sind; zu diesem Glauben führt uns nur der Geist Gottes. Die Kirche, welche durch ihre Diener beständig das göttliche Wort predigt, und darin die Versöhnung mit Gott durch Christum anbietet, schenkt Vergebung der Sünden, sofern sie dieselbe durch die Worte der Schrift empfindlich macht, so daß durch unser Ohr wie durch einen Canal Gnade und Geist Christi in unsere Herzen strömen. Die Lehre von der Auferstehung des Leibes zeigt uns, daß die Kirche ein von Gottes Geist belebtes Ganze sei, welches nicht, wie der thierische Körper allmälig wächst, sondern stufenweise vollkommen wird. Dieser Gedanke aber kann uns trösten, und willig machen, die Leiden des Lebens gern zu ertragen, da ein vollkommenerer Leib uns wie Christo nach seiner Auferstehung zu Theil werden soll. Die Lasterhaften und Weltlich gesinnten glauben dieß nicht, weil sie Gottes Macht nach dem messen, was sie täglich unter uns sehen; die Frommen, die wissen, wie schwer uns der Körper oft drücke, setzen aber darauf ihre einzige Hoffnung. Auch ich hoffe auf des Herrn Reich, daß ich bald dorthin wandle, wenn es der Ehre Gottes und seiner Majestät also zuträglich ist. Die angenehmen Bilder einer frohen Zukunft können uns in vielen Leiden erquicken und unsern Geist erheben.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

 

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