Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (150).

Calvin, Jean – An Viret in Lausanne (150).

Jean Ferron, Pfarrer der Genfer Vorstadt St. Gervais, lebte in den kümmerlichsten ökonomischen Verhältnissen; auf welche Stelle er kommen wollte, ist nicht klar. Der niederländische Refugiant Jean de St. Andre wurde zum Pfarrer in Thonon gewählt. Textor ist Calvins Hausarzt.

Fürsorge für Freunde.

Der Überbringer dieses Briefes ist unser Bruder Ferron, über den wir kürzlich miteinander gesprochen haben. Du weißt, dass ich dir mein Bedauern darüber ausgesprochen habe, dass er ein etwas unruhiger Kopf sei. Doch kommts mir vor, die Last, die ihn gegenwärtig drückt, liege auf meinen eigenen Schultern. Denn es hätte sich vielleicht schon eine Hilfe finden lassen, wenn ich gleich von Anfang an gemerkt hätte, dass seinem Wunsch nicht anders Genüge getan werden könne, als wenn er aus dem Stadtquartier, wo er jetzt wohnt, zu uns herüber versetzt werde. Jetzt ist es zu spät zu diesem Heilmittel, wenn ich nicht Ursache zu unaufhörlichem Hader geben will. Von Anfang an hatte er den Verdacht, ich sei seinen Wünschen nicht sehr günstig gestimmt. Tatsächlich hielt ich mich aber ganz neutral, wie es mir meine Pflicht zu sein schien. Jetzt kann mich freilich nichts dazu bringen, dass ich gewaltsam einen andern aus seinem Posten hinaus stoße, weil ich das nicht für gut hielte. Indessen leidet er allerdings außerordentlich, und es ist nicht zu hoffen, dass er anders als durch einen Stellenwechsel zur Ruhe kommt. Einem Bruder aber, der in so beängstigenden Verhältnissen steckt, nicht herauszuhelfen, wenn es leicht zu machen wäre, ist unmenschlich. Besonders einem Bruder, dessen man sich um der vorzüglichen Gaben willen, durch die er sonst ausgezeichnet ist, mit möglichst großem Wohlwollen annehmen muss. Nun bin ich im Zweifel, wie wir seinen Wünschen Rechnung tragen können, um ihm zur Ruhe zu helfen. Ihm würde am besten die Lösung gefallen, wenn er an Jeans Stelle käme. Seine Gründe dafür wird er dir besser mündlich auseinandersetzen. Ich sehe wohl, dass die Sache schwer zu machen ist. Sein heißer Wunsch aber lässt sie ihm, doch möglich scheinen. Ich will nicht mehr davon schreiben. Ich weiß ja, wie du ihm alles Gute wünschest, und du weißt, dass es mir sehr lieb wäre, wenn er aus seiner Bedrängnis befreit würde. Denn obwohl ich gegen solche Veränderungen eine Abneigung habe, und auch Ferron nicht gerne von uns gehen lasse, weil ein solcher Mann nicht leicht wieder zu finden ist, so liegt mir doch ein sorgenloseres, ruhiges Leben für ihn so am Herzen, dass ich alles andere darüber vergesse. Hilf ihm, wenn es irgend geht mit Rat und Tat; darum möchte ich dich wieder und wieder gebeten haben.

Auch Jean de St. Andre reist auf meinen Rat zu dir. Christophe hat mir erzählt, was die Brüder von Thonon über de St. Andre beschlossen haben, ohne dass er daran dachte. Nun ist der gute Mann fast erschrocken vor Überraschung und unschlüssig. Fürchtete er nicht, einen Ruf Gottes zurückzuweisen, so bliebe er lieber, wenigstens noch eine Zeitlang, ohne solche Stellung. Doch überlässt er sich der Leitung Gottes und ist bereit, zu folgen, wohin er ihn auch führt. Ich könnte ihm keinen bessern Rat geben, als zu dir zu gehen und nach deiner Meinung die Sache mit Christophe abzumachen. Wenn du dafür bist, kann er auch bis nach Lausanne kommen. Er ist ein gescheiter Mensch und von außerordentlicher geistiger Gewandtheit, wohl geübt in der Schrift, vorsichtig und doch mutig. Ich möchte nicht, dass solche Talente auf meine Veranlassung hin vergraben blieben, und man mir die Schuld daran zuschöbe. Lebwohl, lieber Bruder und trefflichster Freund. Der Herr sei stets mit dir und halte dich aufrecht durch den Trost seines Geistes in all der Heimsuchung in deinem Haus. Ich habe mit Textor gesprochen, er solle deine Frau besuchen. Seine Liebe zu dir ist so groß, dass er nicht zögert, alles, was ihn abhielte, hintanzusetzen. So wird er morgen reisen, wie ich hoffe.

3. Januar 1546.
Dein
Johannes Calvin.

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