Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel.

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel.

Dr. Ulrich Geiger, ein Arzt, Freund Butzers, war ein diplomatischer Unterhändler Straßburgs.

Von der Einigung in Genf, der Politik in Deutschland und der Verfolgung in Frankreich. Über die Abendmahlsprüfung.

Um mein neuliches Versprechen, dir über Alles ausführlich zu schreiben, wenigstens teilweise zu halten, bestimme ich dir den ganzen heutigen Tag. Du sollst also einen vollen, gewichtigen Brief bekommen, wenn mich nicht etwa Geschäfte unerwarteter Weise abrufen. Vom Zustand der Genfer Kirche wollen wir mehr reden, wenn du kommst; mir war jedenfalls die Botschaft äußerst angenehm, zu hören, welches Ende nun der Uneinigkeit und dem Zank gesetzt ist. Denn nichts glaubte ich für die arme Stadt hoffen zu dürfen, solang sie na diesem Übel litte. Nur wünschte ich, sie hätten sich im Herrn geeinigt; denn, wie auch du sagest, wenn nicht Christus das Band unserer Eintracht ist, wird sie verflucht sein. Denn wohin soll es führen, außer in Christo gemeinsame Sache zu machen, wenn wir doch hören, dass alle Vereinigungen der Art vom Herrn zerstreut werden sollen? Ich sehe aber noch nicht, dass sie auf den Herrn schauen, wie es sich gehörte, noch genug bedenken, was sie getan, noch ihren Sinn auf Besserung dessen, was sie gefehlt, richten. Es besteht also die Gefahr, dass sie zu sicher auf die Versöhnung, die sie untereinander geschlossen haben, vertrauend sich nicht genug darum kümmern, auch mit Gott Frieden zu machen, und schließlich schwer gestraft werden für diese Sicherheit. Ferner, wenn sie auch etwas klüger geworden und aus ihren Zwistigkeiten heraus zum Frieden gekommen sind, so haben sie doch die Gesinnung noch nicht erlangt, die man ihnen wünschen möchte. Aber immerhin ist es schon etwas, dass sie doch Spuren von Heilbarkeit zeigen, wenn sie auch noch nicht ganz geheilt und wiederhergestellt sind. Von ihren Predigern wage ich noch nichts zu sagen, als dass ich immer noch viel an ihnen zu wünschen habe. Denn wenn du das, dass meine Antwort an Sadolet in Genf herausgegeben werden konnte, als ein Zeichen einer mir nicht übel wollenden Gesinnung ansiehst, so täuschst du dich darin, wie mir Andere schrieben. Denn man meldete mir, sie hätten widerstrebt, soweit es die Sache selber möglich machte; der Rat aber habe es wider ihren Willen erlaubt. Doch ficht mich das wenig an. Wenn sie nur ihre Pflicht täten, dass sie mir und allen Andern jede Möglichkeit zu handeln vorweg nähmen! Denn wie es ja auf mich nicht ankommt, so kümmere ich mich auch wenig darum, durch wen Gottes Werk getan wird, wenn es nur gut getan wird. Darin aber täuschen sie sich natürlich, dass sie glauben, es ohne Hilfe Anderer machen zu können, da sie doch kaum den halben Weg werden zurücklegen können, obwohl ihnen ja jetzt schon Viele helfen. Du weißt, dass ich Gründe genug dazu habe, wenn ich immer sage, es schaudere mich schon bei der Erwähnung einer Rückberufung. Nicht das allein schreckt mich ab, dass sie von dir so beharrlich nichts wissen wollen; obwohl es mir die Hauptsache ist, das muss ich gestehen. Aber es kommt viel anderes dazu, was ich nicht zu erwähnen brauche, und besser bis auf dein Kommen verschiebe. Je weiter ich komme, desto klarer sehe ich, aus welchem Wirbelsturm mich der Herr [durch die Entfernung von Genf] befreit hat.

Der Konvent der Fürsten und Städte [zu Schmalkalden] hatte folgendes Resultat: Als man sich zu allen billigen Bedingungen bereit erklärt hatte, wenn nur der Kaiser eine Reichssynode einberufen wolle, erhielt man ein zweideutige Antwort. Unterdessen erfuhr der Kaiser von den Gegnern, sie wollten kein Haarbreit von ihrer Meinung weichen, vielmehr jedes Mittel versuchen, die Andern auf ihre Seite herüberzuziehen. So denkt er sich also eine Art aus, beide Parteien zu befriedigen, die Papisten und die Unsern. Deshalb hat er seinen Kanzler Granvella und zwei Grafen angestellt, sich den Unsern gleichsam als Vermittler anzutragen und ihre Gesinnung zu erforschen, um dadurch beim Kaiser leichter erläutern und erlangen zu können, was recht wäre. Wenn du die List noch nicht merkst, so musst du wissen, dass die Unsern in allem Eifer auf die ihnen versprochene Zusammenkunft drangen; während andrerseits die Papisten Lärm schlugen und schrieen, es sei unwürdig, dass der Kaiser noch länger die Weigerungen der Unsern ertrage. Der Kaiser aber ist in allem seinen Handeln gehindert, da er weder zu den Waffen zu greifen wagt, noch ohne Erschütterung von ganz Deutschland eine Synode halten zu können glaubt. So sucht er nun die Wut der Papisten zu dämpfen, indem er vorgibt, er wolle sorgen, dass sie nicht durch allzu kühnes und unzeitiges Dreinfahren ihn samt ihnen in Krieg verwickelten; den Unsern aber gesteht er nichts zu. Obwohl sie nun sahen, er treibe durch solche Verstellung sein Spiel mit ihnen, so beschlossen sie doch, nichts zu verweigern, was er zum Frieden und zur Ruhe der Kirche zu unternehmen schiene. Sie gaben deshalb Granvella eine schriftliche Antwort, aus der du ersiehst, wie mutig sie sind. Da der Kaiser weder lateinisch noch deutsch kann, so schien es ihnen am besten, ihm französisch zu schreiben. Ich schicke dir die Schrift, aber nur unter der Bedingung, dass du sie ja nicht in der Öffentlichkeit verbreitest. Nur zwei Exemplare existieren außer dem, das du erhältst; eines wird dem Kaiser geschickt; das andere brachte Dr. Ulrich nach Solothurn, damit es durch Vermittlung des Gesandten an den König [von Frankreich] gelange. Also möchte ich, dass du es nur ganz wenigen zeigst; abschreiben lass es ja von Niemand, das beschwöre ich dich um Alles. Die allgemeine Stimmung ist, falls man weiter gereizt werde, sofort und ohne zu warten dem entgegen zu treten, wenn das Gewissen es erlaube. Da ist keiner, der nicht ganz bereit wäre, eher allen Gefahren zu trotzen, als dass Christo der Weg versperrt werde. So weit sind sie davon entfernt, ihn etwas nehmen zu lassen.

Unser Rat hat durch einen Gesandten das Urteil des Reichskammergerichts zurückgewiesen. Fahren sie fort mit ihren leeren Schreckmitteln, so werden sie noch große Erregung verursachen. Die Zwistigkeiten zwischen dem Kaiser und dem König sind noch nicht geschlichtet. Das ist auch der Grund, weshalb der Kaiser zögert, uns anzugreifen. Die Papisten sind eifrig am Werk, ihn aus allen anderen Verwicklungen frei zu machen, damit er sich rüste zum Angriff gegen uns. Vor allem der Braunschweiger, der ihm [den Herzog] von Geldern zuführte, damit sie Frieden schlössen über das Herzogtum. Die Unsern aber sind ihrer Kraft so sicher, dass sie sich durch solche Machenschaften nicht schrecken lassen. – – –

Ich schaudere, [wenn ich höre], dass die Frommen in Frankreich so grausam gequält werden, besonders in dieser Zeit, da wir ihnen so gar keine Hilfe bringen können. Und jedenfalls sind gerade die Besten in der größten Gefahr. Denn je mutiger und standhafter einer Christum verkündet, desto weniger kann ihn der Satan ertragen. Doch kommt es zuweilen auch vor, dass der Herr die Besten sicher schützt, wenn andere aufs Schaffot geschleppt werden. Der Landsmann des Jacques, der zu Sedan oder Melun verbrannt worden ist, war letztes Jahr hier und bat mich um ein aufmunterndes Schreiben an die Brüder jener Gegend; nachher erfuhr ich als sicher, dass er von wiedertäuferischen Irrlehren angesteckt war, ja von ihnen allen die ungesundesten Ansichten hatte. Es reute mich also, dass ich ihm durch meinen Brief den Zutritt zu vielen guten Leuten verschafft habe. Ich fürchte, dass sein Tod dem Evangelium eher Schmach als Nutzen bringt. Was ich sage, habe ich nicht aus unbestimmten Gerüchten, sondern von seinen Verwandten. Der Mann seiner Schwester macht kein Hehl daraus, was sein Schwager war. Über den Tod Micheliers stimmen die Erzählungen eines Augenzeugen mit deinem Brief nicht ganz überein. Aber ich glaube, wir müssen uns an die Regel halten, dass wir von denen, die um des Zeugnisses des Evangeliums willen gelitten haben, so gut wie möglich denken und reden. Nur nicht zu viel, wo es nicht deutlich feststeht, wie sie sich im Leben und besonders beim Sterben benommen haben.

– – – Dass unsere Abendmahlsprüfung, von der ich schrieb, unserm guten Bruder Bedenken macht, wundert mich nicht. Denn es ist mir nicht neu, dass gute Seelen Angst haben, wir glitten wieder in irgendeinen Aberglauben zurück, sobald sie hören, dass wir etwas einrichten, was irgendeine Verwandtschaft oder Ähnlichkeit mit papistischen Erfindungen hat. Wie ich aber ihnen diese Sorge nicht nehmen möchte (denn wir können in dieser Beziehung nie aufmerksam genug sein), so wünschte ich doch auch, sie wären vorsichtiger in der Scheidung des Weizens von Spreu und Unrat. Ich habe es dir oft bezeugt, dass es mir nicht gut scheint, wenn die Kirchen die Beichte abschaffen, ohne dass das, was ich neulich eingeführt habe, an ihre Stelle tritt. Um dir meinen Grund besser darzulegen, muss ich zuerst rasch zeigen, was es eigentlich ist. Sobald der Abendmahlstag bevorsteht, zeige ich an, dass die, die zu kommunizieren wünschen, sich mir vorstellen mögen, und füge zugleich bei, zu welchem Zweck; nämlich die noch Ungebildeten und in der Religion Unwissenden sollen besser unterrichtet werden; die, die einer besondern Ermahnung bedürfen, sollen sie hören; schließlich soll, wer etwa durch irgendeine Unruhe seines Gewissens gequält wird, Trost empfangen. Weil nun aber Gefahr besteht, dass das Volk, das keinen Unterschied macht zwischen dem Joch Christi und der Tyrannei des Antichrists, glaubt, es solle in eine neue Knechtschaft geführt werden, so trete ich gleich diesem Verdacht entgegen. Ich bezeuge nicht allein, dass ich die papistische Beichte missbillige, sondern zeige auch deutlich die Gründe, warum sie mir missfällt, und verkünde dann ganz allgemein, dass wir nicht nur die Missbräuche scheuen müssen, die mit ihr verbunden sind, sondern überhaupt jedes Gesetz, das unser Gewissen in Fesseln legen will. Denn Christus sei unser einziger Gesetzgeber, dem wir Gehorsam schuldig sind. Dann belehre ich sie, dass ich unsrer Freiheit nicht Abbruch tun will, da ich nichts aufbürden wolle, was nicht Christus selbst befohlen hat. Denn wie unverschämt wäre es, die Kirche nicht für würdig zu erachten, dass sie deinen Glauben prüfe, deren Abendmahlsgemeinschaft du doch begehrst? und welche klägliche Lage der Kirche wäre es, wenn sie zur Gemeinschaft eines so heiligen Sakraments Leute aufnehmen müsste, die sie gar nicht kennt, oder die ihr vielleicht verdächtig vorkommen. Ja, von der Kirche zu schweigen; wie soll der Pfarrer, dem die Spendung solchen Gnadengeschenks anvertraut ist unter der Bedingung, dass er es nicht für Hunde oder Schweine entweihe, nicht ohne Unterschied an Würdige und Unwürdige verschleudere, wie soll er dieses Amt verwalten, wenn er nicht ein bestimmtes Mittel hat, die Würdigen von den Unwürdigen zu scheiden? Aber ich bin töricht, das noch länger bei dir auszuführen. Außerdem würde mir die Zeit fehlen. Denn es ist gekommen, was ich gefürchtet habe, ich bin mehr als einmal vom Schreiben weggerufen worden. Zuletzt erkläre ich die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Einrichtung, wie ich möchte, dass du es nach meiner Erklärung dem guten Manne ausrichtest.

Die drei adligen jungen Leute, die du in deine Gastfreundschaft aufgenommen, rühmen deine Freundlichkeit und Freigebigkeit, umso mehr, als du dich noch sorglich entschuldigst, du hättest nicht geleistet, was du wolltest. Sie meinen, du wollest sie verspotten, dass du dein Wohlwollen gegen sie so klein machst. Capito, Butzer, Sturm, Bedrot, Claude und alle Franzosen grüßen dich freundlichst. Keiner ist unter ihnen, der nicht auf dein Kommen begierig wartet; nicht weniger um meinetwillen, als um deine Gegenwart zu genießen. Weil sie uns beide lieben, denken sie an beide. Nicolas und Henri studieren nun eifrig. Besonders Nicolas ist Feuer und Flamme. Jacques will ich in diesen Tagen zu mir [ins Haus] nehmen. Auch sie alle grüßen dich ehrerbietig, ebenso mein Bruder. Alle Brüder sollst du mir meinerseits grüßen und sollst ihnen mit meinen Worten sagen, wie sehr sie in meinem Herzen wohnen. Mein alter Lehrer Cordier und Michel werden mich entschuldigen oder wenigstens mir verzeihen, wenn sie von mir keine Briefe erhalten. Lebwohl, liebster Bruder. Vergiss mir auch deine Familie nicht [zu grüßen].

[Mai 1540.]
Ganz der Deine
Calvin.

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