Luther, Martin – An Barbara Lischnerin.

Luther, Martin – An Barbara Lischnerin.

30. April 1531.

Gnade und Friede in Christo. Tugendsame liebe Frau! Es hat mir euer lieber Bruder, Hieronimus Weller, angezeigt, wie ihr hoch bekümmert seid mit der Anfechtung von der ewigen Vorsehung; das ist mir wahrlich leid. Christus, unser Herr, wolle euch davon erlösen, Amen.

Denn ich kenne die Krankheit wohl und hab‘ bis auf den ewigen Tod in dem Spital gelegen. Nun wollt‘ ich über mein Gebet euch gern rathen und trösten; so ist’s mit Schriften in solchen Sachen ein schwach Ding, aber so viel ich kann, soll ich’s nicht lassen, ob Gott Gnade wollte dazu geben. Und will euch anzeigen, wie mir Gott davon geholfen und mit welcher Kunst ich auch noch täglich mich dawider erhalte.

Erstlich müsset ihr fest in euer Herz fassen, daß solche Gedanken gewißlich des leidigen Teufels Einblase und feurige Pfeile sind. Solches sagt die Schrift, wie Sprüchw. 25, (27.) spricht: Wer der Majestät Höhe forschet, der wird unterdrückt. Nun sind solche Gedanken eitel Forschung der göttlichen Majestät und wollen seine hohe Vorsehung forschen, und Jesus Sirach 3, (22) spricht: Du sollst nicht forschen, das dir zu hoch ist; sondern was dir Gott geboten hat, deß nimm dich an. Denn es frommt dir Nichts, daß du gaffest nach dem, das dir nicht befohlen ist. Und David klagt auch Ps. 131, (2.), daß er übel angelaufen sei, wenn er hohe Ding hat wollen forschen.

Darum ist’s gewiß, daß nicht aus Gott, sondern aus dem Teufel kommt: der plagt ein Herz damit, auf daß der Mensch Gott feind werden und verzweifeln solle; welches doch Gott alles im ersten Gebot hart verboten hat und will, daß man ihm trauen, lieben und loben soll, davon wir leben.

Zum andern: wenn nun solche Gedanken einfallen, sollt ihr lernen bei euch selber fragen: Lieber, in welchem Gebot steht’s daß ich davon gedenken soll, oder handeln? Wenn sich kein Gebot findet, so lern sprechen: Ei so hebe dich, du leidiger Teufel! du willst mich dahin treiben, daß ich soll für mich sorgen, so doch Gott allenthalben spricht: Ich soll ihn lassen für mich sorgen, und sagt: Ich bin dein Gott, das ist: Ich sorge für dich, halt mich dafür und warte, was ich heiße, und lasse mich sorgen; wie St. Petrus lehret (1 Petr. 5, 7): Werfet alle eure Sorge auf ihn, denn er sorget für euch; und David (Psalm 55, 23): Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen.

Zum dritten: ob nun wohl die Gedanken so bald nicht ablassen (denn der Teufel ungern abläßt), so müsset ihr wiederum auch nicht ablassen und immer das Herz davon wenden und sagen: Hörest du nicht, Teufel, daß ich solche Gedanken nicht haben will? Und Gott hat sie verboten, heb‘ dich; ich muß itzt an seine Gebote denken und laß ihn dieweil für mich selbst sorgen. Bist du ja so klug in solchen Sachen, so fahre hin gen Himmel und disputire mit Gott selbst, der kann dir genug antworten. Und sollt‘ also ihn immerdar von euch weisen und das Herz auf Gottes Gebot kehren.

Zum vierten: unter allen Geboten Gottes ist das höchste, daß wir seinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, sollen für uns bilden, der soll unsers Herzens täglicher und fürnehmster Spiegel sein, darin wir sehen, wie lieb uns Gott hat, und wie er so hoch, als ein frommer Gott, für uns hat gesorget, daß er auch seinen lieben Sohn für uns gegeben hat.

Hie, hie, sage ich, lernet man die rechte Kunst von der Vorsehung und sonst nirgends; da wird sich’s finden, daß ihr an Christum glaubet. Glaubet ihr, so seid ihr berufen; seid ihr berufen, so seid ihr auch versehen gewißlich. Diesen Spiegel und Thron der Gnaden laßt euch nicht aus den Augen des Herzens reißen; sondern wenn solche Gedanken kommen und beißen, wie die feurigen Schlangen, so sehet ihr ja nicht den Gedanken, noch Schlangen zu, sondern kehret euere Gedanken immer ab und schauet die eherne Schlange an, daß ist Christum, für uns gegeben, so wird’s besser werden, ob Gott will.

Es muß aber (wie gesagt) gestritten sein und immer von den Gedanken gelassen. Fallen sie ein, so laßt sie wieder ausfallen, gleichwie Einer flugs ausspeiet, so ihm Koth in’s Maul fiel. Also hat mir Gott geholfen, denn es ist Gottes ernst Gebot, daß wir den Sohn uns einbilden, damit er sich reichlich erzeiget hat, daß er unser Gott sei (wie das erst Gebot lehret), der uns helfe und für uns sorge. Daum will er nicht leiden, daß wir uns selber helfen, oder für uns sorgen. Denn das heißt Gott und das erste Gebot und Christum dazu verläugnen.

Der leidige Teufel, der Gott und Christo feind ist, der will uns mit solchen Gedanken, wider das erste Gebot, von Christo und Gott auf uns selbst und auf unsere Sorge reißen, daß wir uns sollen Gottes Amt (welches ist für uns sorgen und unser Gott sein) unterwinden, wie er Adam im Paradies auch wollt‘ zum Gott machen, daß Adam selbst sein Gott sein und selbst für sich sorgen sollt‘ und Gott solche Sorge und göttlich Werk rauben, darüber Adam auch so gräulich gefallen ist.

So viel will ich dießmal euch gerathen haben und habe Hieronymo Weller, euerm Bruder, angezeigt, daß er euch ja mit Fleiß warne und vermahne, daß ihr lernet von solchen Gedanken lassen und dem Teufel heimschicken, daß er sie ausgründe; der weiß wohl, wie es ihm darüber gegangen ist, nämlich, daß er vom Himmel in Abgrund der Hölle gefallen ist. Summa, was uns nicht geboten ist, das soll uns nicht irren, noch bekümmern, es ist des Teufels Getrieb und nicht Gottes. Unser lieber Herr Jesus Christus zeige euch seine Füße und Hände und grüße euch freundlich im Herzen, auf daß ihr ihn allein ansehet und höret, bis ihr fröhlich in ihm werdet. Amen.

Ultima Aprilis, anno MDXXXI.

D. Martinus Luther

Quelle:
Dr. Martin Luthers Briefe an Frauen als Pfingstgabe für die deutsche protestantische Frauenwelt. zusammengestellt von Dr. K. Zimmermann Darmstadt Buchdruckerei von Heinrich Brill 1854

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