Dieterich, Veit – Brief an Katharina von Bora

Dieterich, Veit – Brief an Katharina von Bora

Gnade und Friede von Gott, freundliche, günstige, liebe Frau Doctorin.

Wisset, dass der Herr und wir mit ihm noch frisch und gesund von Gottes Gnaden sind. Gott gebe euch auch alles Gute mit euern Kindern. Ihr habt ein sehr gut Werk gethan, dass ihr dem Herrn Doctori die Contrafactur geschickt habt, denn er über die Maassen viel Gedanken mit dem Bilde vergisset; er hat’s gegen den Tisch über an die Wand geklebet, da wir essen in des Fürsten Gemach. Da er’s am Ersten ansah, konnte er sie lange nicht kennen. Ei, sprach er, die Lene ist ja so schwarz; aber jetzund gefällt sie ihm wohl, und dünkt ihn je länger, je mehr, es sei Lenchen. Sie sieht dem Hänschen über die Maassen gleich mit dem Mund, Augen und Nase, in Summa mit dem ganzen Angesicht und wird ihm noch gleich werden. Das habe ich euch auf dies Mal schreiben wollen.

Liebe Frau Doctorinn, ich bitte, ihr wollet euch um den Herrn Doctor nicht härmen; er ist Gott Lob frisch und gesund, hat des Vaters in den ersten zweien Tagen vergessen, wiewohl es ihm sehr sauer ward. Alsbald er Hans Reinkens Brief ansiehet, sagt er zu mir: Wohlan, mein Vater ist auch todt! Darnach flugs drauf nimmt er seinen Psalter, geht in die Kammer und weint ihm genug, dass ihm der Kopf des anderen Tages ungeschickt war. Seitdem hat er sich Nichts lassen merken. Der Sonnabend vor Exaudi war der Kastner bei uns auf den Abend zu Gaste, da der Doctor unter Anderm sagte, wie ihm ein grosser Zahn wäre ausgefallen, so gross, dass er sich nicht genug hätte können verwundern. Am Sonntag darnach war der Vater todt. Das hab‘ ich euch nicht unangezeigt wollen lassen. Bitte, wollet meinen Dienst im Besten aufnehmen.

Damit seid Gott mit Hänschen und Lenchen und dem ganzen Hausgesinde befohlen. Mein Georg wird euch drei Gulden geben. Die nehmt dieweil, bis dass wir mehr kriegen. Am Sonntage S. Veiten, zu Koburg, M. Veit Diedrich von Nürnberg.

Quelle:
Die bedeutendsten Kanzelredner der lutherschen Kirche des Reformationszeitalters, in Biographien und einer Auswahl ihrer Predigten dargestellt von Wilhelm Beste, Pastor an der Hauptkirche zu Wolfenbüttel und ordentlichem Mitgliede der historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig Leipzig, Verlag von Gustav Mayer. 1856

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