Luther, Martin – Eine Vermahnung an die Drucker.

Luther, Martin – Eine Vermahnung an die Drucker.

1525

Gnad und Friede. Was soll doch das sein, meine lieben Druckerherrn, daß einer dem andern so offentlich raubt und stiehlt das seine, und unternander euch verderbt? Seid ihr nu auch Straßenräuber und Diebe worden? oder meinet ihr, daß Gott euch segenen und ernähren wird durch solche böse Tücke und Stücke? Ich habe die Postillen angefangen von der heiligen drei Künige Tage an, bis auf Ostern, so fähret zu ein Bube, der Setzer, der von unserm Schweiß sich nähret, stiehlet meine Handschrift, ehe ichs gar aus mache, und trägts hinaus und läßt es draußen im Lande drucken, unser Kost und Erbeit zu verdrucken. Wohlan, Gott wirds finden. Was du dran gewinnest, da schmiere die Schuch mit. Du bist ein Dieb und für Gott schuldig die Widderstattung. Nu wäre der Schaden dennoch zu leiden, wenn sie doch meine Bücher nicht so falsch und schändlich zurichten. Nu aber drucken sie dieselbigen und eilen also, daß, wenn sie zu mir widder komen, ich meine eigene Bücher nicht kenne. Da ist etwas außen, da ists versetzt, da gefälscht, da nicht corrigirt. Haben auch die Kunst gelernt, daß sie Wittemberg oben auf etliche Bücher drucken, die zu Wittemberg nie gemacht noch gewesen sind. Das sind ja Bubenstück, den gemeinen Mann zu betriegen, weil von Gotts Gnaden wir im Geschrei sind, daß wir mit allem Fleiß, und kein unnützes Buch auslassen, so viel uns müglich ist. Also treibt sie der Geiz und Neid, unter unserm Namen die Leute zu betriegen und die unsern zu verderben. Es ist je ein ungleich Ding, daß wir erbeiten und Kost sollen drauf wenden, und andere sollen den Genieß und wir den Schaden haben. So sei nu jedermann gewarnet für der Postillen von den sechs Sonntagen, und lasse sie untergehen. Ich erkenne sie auch nicht für die meinen. Denn im Corrigiren muß ich oft selbs ändern, was ich in meiner Handschrift habe ubersehen und unrecht gemacht, daß auf meiner Handschrift Exemplar nicht zu trauen ist. Will sie aber ja jemand haben, daß er sie doch nach diesem Exemplar bessere und corrigire. Man kennet ja unseren Buchstaben wohl, darnach man sich richten und falsche Bücher von den rechten scheiden müge. Wiewohl meinethalben ichs zufrieden wäre, daß ich nimmer kein Buch dürfte auslassen gehen. Es kostet mich doch eitel Mühe und Erbeit. Derhalben seid gewarnet, meine lieben Drücker, die ihr so stehlet und raubet. Denn ihr wisset, was S. Paulus sagt zun Thessalonicern: Niemand vervortheile seinen Nähisten im Handel, denn Gott ist Rächer uber solchs alles. Dieser Spruch wird euch auch einmal treffen. Auch so werdet ihr solcher Räuberei nicht reicher, wie Salomo spricht: Im Hause des Gottlosen ist eitel Verschleißen, aber des Gerechten Haus wird gesegenet. Und Esaias: Der du raubest, was gilts, du wirst widder beraubt werden. Sollt nicht ein Drucker dem andern aus christlicher Liebe ein Monden odder zween zu gut harren, ehe er ihm nach drucket? Solls aber je gegeizt sein, und wir Deutschen doch Bestien sein wollen, so geizt und tobet immer hin, nicht in Gotts Namen. Das Gericht wird sich wohl finden. Gott gebe Besserung in der Zeit. Amen.

Quelle:

Dr. Martin Luthers Briefe, Sendschreiben und Bedenken, vollständig aus den verschiedenen Ausgaben seiner Werke und Briefe, aus andern Büchern und noch unbenutzten Handschriften gesammelt, kritisch und historisch bearbeitet von Wilhelm Martin Leberecht de Wette / Johann Karl Seidemann, Sechster Theil. 
Berlin, Georg Reimer, 1856
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