Luther, Martin – An einige Klosterjungfrauen. 1524

Luther, Martin – An einige Klosterjungfrauen. 1524

Wittenberg. 6 August 1524.

Den freien Klosterjungfrauen, meinen lieben Schwestern in Christo, geschrieben freundlich:

Gnad und Fried in Christo Jesu unserm Heiland! Liebe Schwestern, ich habe eure Schriften jenes mal und das Mal empfangen, und euer Anliegen vernommen, hätte auch längst Antwort geben, wo ich wäre angeregt und Boten vorhanden gewesen wären, denn ich sonst viel zu tun habe.

Erstlich habt ihr recht wohl verstanden, daß zwo Ursach sind, Klosterleben und Gelübde zu verlassen: die eine ist, wo man die Menschengesetz und Klosterwerk mit Zwang fordert, und nicht frei lässet, sondern will damit die Gewissen beschweret haben; hier ist’s Zeit, das man auslaufe, und lasse Kloster und alles fahren. Ist’s nun bei euch also, daß man euch der Klosterwerke nicht will frei lassen, sondern die Gewissen damit zwingen, so ruft euere Freunde an, und laßt euch heraus helfen, und bei sich (so es die Obrigkeit leiden will) oder anderswo versorgen. Wollen die Freunde oder Eltern nicht, so laßt euch sonst gute Leute dermaßen helfen, unangesehen, ob die Eltern darüber sollten zürnen, sterben oder genesen. Denn der Seelen Heil und Gottes Wille soll über alles gehen, wie Christus spricht. [Matth. 10:37]: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.“

Wollen euch aber die Schwestern frei lassen, oder zum wenigsten das Wort Gottes lassen lesen oder hören, so müßt ihr wohl darinne bleiben, und das Klosterwerk mit ihnen tun und halten, gleich als Spinnen, Kochen und dergleichen, daß ihr kein Vertrauen drein setzet.

Die ander Ursach ist das Fleisch: wiewohl hierin das Weibervolk sich schämet, solches zu bekennen, so gibt’s doch die Schrift und Erfahrung, daß unter viel tausend nicht Eine ist, Der Gott Gnade gibt, reine Keuschheit zu halten, sondern ein Weib hat sich selber nicht in der Gewalt. Gott hat ihren Leib geschaffen bei einem Mann zu sein, Kinder tragen und ziehen, wie die Worte klar lauten 1 Mos. 1, und die Gliedmaß des Leibes, von Gott selbst dazu verordnet, ausweisen. So nämlich als Essen, Trinken, Schlafen und Wachen ist von Gott also geschaffen: also will er auch natürlich, daß Mann und Weib bei einander ehelich sein sollen; darum ist dieses genugsam, und soll sich niemand des schämen, dazu ihn Gott geschaffen und gemacht hat, wo sich’s befände [Von uns ergänzt], daß es die hohe seltsame Gnade nicht hat, herauszugehen und tun, wozu sich’s findet geschaffen. Solches werdet ihr alles reichlich und genugsam lesen und lernen, wenn ihr heraus kommt, und rechte Predigten hören werdet. Denn ich hab’s jetzo überflüssig in dem Buch von Klostergelübden, item, von Menschenlehre zu meiden, item, im Sermon vom ehelichen Leben, item, in der Postilla, bewäret und beweiset, welche so ihr leset, werdet ihr aller Sachen, es sei Beicht, oder ander Ding, Unterricht genug finden, daß es viel zu lang und nicht nötig ist zu schreiben, weil ich mich versehe, ihr werdet aus dem Kloster ziehen, so diese zwo Ursachen oder Eine euch trifft, wie ihr denn klagt in der ersten. Ist’s Sache, daß das Kloster einmal zu rechter Freiheit kommt, kann wohl einziehen, welche Gnade und Lust dazu hat, gleichwie jetzt der Rat zu Bern in Schweizern hat das berühmteste Kloster Königfelden aufgetan, und lassen frei herausgehen, bleiben und einziehen, welche Jungfrau will, und geben ihr mit, was sie mit hineingebracht haben. Hiermit Gott befohlen, und bittet für mich. Geben zu Wittenberg, am Tage Sirti Martyris 1524.

 

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