Luther, Martin – Sendschreiben an Hartmuth von Cronberg.

Luther, Martin – Sendschreiben an Hartmuth von Cronberg.

Hartmuth von Cronberg, ein rheinischer Ritter und Herr des Städtchens Cronberg in der Nähe von Frankfurt a. M., war einer der ersten aus dem deutschen Adel, die sich zu Luthers Lehre öffentlich bekannten. Im Jahre 1521 während des Reichstages zu Worms ließ er dem Kaiser, von dem er noch gute Hoffnung hegte, eine Schrift überreichen, wie einigen in der Kirche eingerissenen Mißbräuchen zu steuern sey. Auch an den gesammten Orden der Bettelmönche richtete er eine Schrift, um ihm die Irrthümer der römischen Kirche vorzustellen. Selbst an den Pabst, Hadrian, schrieb er, wünschte ihm die Erkenntniß Gottes und seiner selbst und zeigte ihm die Ursachen an, warum er sich von der päbstlichen Kirche getrennt habe. In einem Kriege, den sein Vetter, Franz von Sickingen, gegen den Erzbischof von Trier führte, wurden ihm alle seine Güter genommen und er selbst verjagt. Gleichwohl konnte ihn dies alles nicht bewegen, von der erkannten Wahrheit abzulassen. Mit Luthern stand er in häufigem Briefwechsel und bezeugte in seinen Briefen einen glühenden Eifer für dessen Lehre, für welche er selbst den Tod zu leiden sich bereit erklärte. Er starb im 61. Jahre seines Alters 1549. Luthers Sendschreiben an ihn, im März 1522, kurz nach seiner Rückkehr von der Wartburg, geschrieben, ist ein herrliches Zeugniß von des Mannes Gottes Glaubensmuth und Freudigkeit und ist nicht nur allen denen, die um Christi und seines Wortes willen Verfolgung leiden, sondern auch allen Gottseligen, mit was für Anfechtung sie auch beladen sind, nützlich und tröstlich zu lesen.

Ausg. Wittenb. VI. 363. VII. 485. Jena II. 66. Altenb. N. 116. Leipz. XVIII. 226. Walch. XV. 1979. De W. II. 161. Erlang. l.m. 119.

Gunst und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesu Christo, sey euch gewünscht, günstiger Herr und guter Freund in Christo. Ich habe eurer Schriften zwo, eine an Kaiserliche Majestät, die andere an die Bettelorden gethan, mit großer Freude erfahren und gelesen, und danke meinem Gott für die Gunst und Gabe, so euch gegeben ist, an der Erkenntniß der christlichen Wahrheit, dazu auch die Lust und thätige Liebe zu derselbigen. Dann man spüret wohl, daß eure Worte aus Herzens Grund und Brunst quellen, und beweisen, daß nicht, wie in Vielen, das Wort Christi allein auf der Zunge und in den Ohren schwebe, sondern ernstlich und gründlich im Herzen wohne, also daß es auch seine Art angezogen, und so gar freudig und unschüchtern macht, dasselbige zu preisen und zu bekennen, nicht allein mit dem Munde, sondern auch mit der That und Schrift, für und gegen alle Welt, zuvor gegen solche hohe und kluge Geister. Wie groß aber und überschwänglich solche Gabe sey, kann Niemand genugsam bewegen, denn der den Geist hat, der uns verkündiget, was uns gegeben sey, und uns lehret. Geistliches gegen Geistliches achten, wie Paulus sagt 1 Cor 2,12. Denn es geht nicht zu Herzen den viehischen Menschen.

Darum ichs nicht habe mögen unterlassen, euch mit dieser Schrift zu besuchen im Geist, und meine Freude euch kund zu thun. Denn das kann ich ohne alle Lügen rühmen, daß michs nicht so sehr kränkt, noch betrübt, daß mich der Pabst mit aller Welt verdammt und verfolgt, so fast mich stärkt und erfreuet, wenn ich höre, daß ein Mensch die zarte Wahrheit fähet und preiset. Wie vielmehr aber tröstet mich das, daß ich erfahren habe und täglich erfahre, daß sie in euch und eures gleichen so herzlich erkennet und frei bekennet wird, welches mir auch Gott aus Gnaden zu Trost thut, auf daß mein Glaube desto stärker werde, und nicht eitel Betrübniß habe, wenn er mich sehen läßt, daß sein Wort nicht vergeblich ausgeht, wie er sagt durch Jesaiam am 55, 11. Wiederum, daß sich dawider setzt alle Welt, wie er auch sagt Matthäi am 24, 9.: Ihr müsset allen Menschen hälfig seyn, um meines Namens willen. Also daß die Art ist des göttlichen Worts, daß es von Wenigen aufs allerherzlichste empfangen, und von Vielen aufs allergräulichste verfolget wird. Wölfe und Bären und Löwen verfolgen es nicht, sondern Menschen, und alle Menschen, spricht Christus. Was ists denn nun‘ Wunder, ob die Welt voll Menschen, das ist, Verfolger Christi ist? Was ist die Welt, denn lauter Menschen? Das Wort aber macht aus Menschen Götter, wie der 82. Psalm V. 6. sagt: Ich habe gesagt, ihr send Götter, und allesammt Kinder des Allerhöchsten. Welches Christus selbst auslegt Joh. 10, 35. und spricht: Die Schrift nennet die Götter, zu welchen das Wort Gottes geschah. Und Joh. 1, 12.: Er hat ihnen Macht gegeben, Gottes Kinder zu werden, die da gläuben an seinen Namen. Also bleibts, was Mensch ist, das verfolgt Gottes Wort und Gottes Kinder.

Doch bringt das edle Wort natürlich mit ihm den heißen Hunger und unsättigen Durst, daß wir nicht Können satt werden, ob gleich viel tausend Menschen daran gläubten; sondern wollten gern, daß kein Mensch sein mangeln müßte. Solcher Durst ringet und ruhet nicht, und treibt uns zu reden, wie David spricht Ps. 116, 10.: Ich bin gläubig worden, darum rede ich. Und wir haben (sagt St. Paulus 2 Cor. 4, 13.) denselben Geist des Glaubens, darum reden wir auch, bis daß wir Jedermann in uns drücken und leiben, und einen Kuchen mit uns machen, wenn es möglich wäre. Aber der Durst thut nicht allein einen großen Fehlgriff mit seinem Reden, sondern wird auch mit Galle und Essig getränkt, wie Christus am Kreuz, Joh. 19, 28. Solchen Durst hatte St. Paulus Apg. 26, 29., da er wünschet, daß Jedermann wäre, wie er selbst war, ausgenommen seine Bande. Röm. 9,3. wünschet er von Christo verbannet zu seyn um seiner Brüder, der Juden willen. Sehet, solchen Durst nach brüderlicher Seligkeit habt ihr nun auch empfangen, zum gewissen Zeichen eines grundguten Glaubens. Was ist nun hinterstellig, denn daß ihr gewärtigen müsset der Gallen und des Essigs, das ist, der Verlästerung, Schmach und Verfolgung, um eurer durstigen Rede willen? Es thut es nicht anders, wo Christus ist, da muß seyn Judas, Pilatus, Herodes, Caiphas, Annas, dazu auch seyn Kreuz; oder ist nicht der rechte Christus.

Daher wir auch nicht unsers Trübsals, sondern der Verfolger Jammers halben uns bekümmern; sintemal wir genug haben für uns, und gewiß sind, daß sie uns keinen Abbruch thun mögen, sondern je mehr sie toben, je mehr sie sich verderben, und uns fördern müssen. Wie St. Paulus sagt Phil. 1, 25. Denn wer mag uns leid thun, so wir einen solchen Herrn haben, der den Tod und aller Widersacher Leben in seiner Hand hat? Röm. 14, 9. und uns so tröstlich in unser Herz spricht, Joh. 16, 33.: Send getrost, ich habe die Welt überwunden. Sie dräuen uns mit dem Tode. Wenn sie so klug wären, als sie thöricht sind, sollten sie uns mit dem Leben dräuen. Es ist ein spöttisches, schimpfliches Dräuen, daß man Christum und seine Christen mit dem Tode schreckt, so sie doch Herren und Siegmänner des Todes sind. Gleich als wenn ich wollte einen Mann damit erschrecken, daß ich ihm sein Roß aufzäumete, und ihn darauf reiten ließe. Aber sie gläuben nicht, daß Christus auferstanden von den Todten, und ein Herr des Lebens und des Todes sey; er ist bei ihnen noch im Grabe, ja noch in der Höllen. Wir aber wissen, trotzen, und sind freudig, daß er ist auferstanden, und der Tod nichts mehr sey, denn ein Ende der Sünde, und seiner selbst. Denn das Leben in diesem Fleisch klebt noch an und in den Sünden, und kann nicht ohne Sünde seyn, des Fleisches halben. Darum schreiet der angefangene Geist in uns: Komm, Tod und jüngster Tag, und mache beide, der Sünde und des Todes ein Ende, Amen, wie St. Paulus Röm. 7, 18,19. und c. 8, 22. 23. schreibt.

Solche Freude und Freudigkeit in Christo erkennen die elenden Feinde nicht, und zürnen mit uns, daß wir ihnen davon sagen, und sie ihnen anbieten, wollen uns um des Lebens willen tödten. Ach Gott! es ist die allmächtige Auferstehung Christi ja zu vielmal ein größerer Trotz, denn daß er sich sollte lassen scheuchen und feige machen durch ihre augenblickliche Gewalt der strohernen und papiernen Tyrannei. Der eine ist vornehmlich die Wasserblase N.1), trotzt dem Himmel mit ihrem hohen Bauch, und hat dem Evangelio entsagt; hats, auch im Sinn, er wolle Christum fressen, wie der Wolf eine Mücke; läßt sich auch dünken, er habe ihm schon nicht eine kleine Schramme in den linken Sporen gebissen, und tobet einher vor allen andern. Ich habe zwar mit ganzem Herzen für ihn gebeten, und mich seines gräulichen Anlaufs fast erbarmet; aber ich besorge, es drücke ihn sein Urtheil, vorlängst verdient. Ich bitte, ihr wollt ihn mit den euern auch im Gebet dem Herrn befehlen; wie wir denn schuldig sind, den Widersachern aus Herzen günstig zu seyn, ob sie es auch nicht leiden wollen, daß man ihnen wohl thue; ob er dermaleins aus des Drachen Mund möchte errettet werden, und für einen Saulus einen Paulus geben. Denn mit solcher elenden Leute Verderben uns nichts geholfen ist. Ich wollte euch wohl ermahnen, daß ihr dergleichen Schrift an ihn thätet; wollte aber auch nicht gern das Heiligthum für die Hunde und die Perlen für die Saue werfen lassen (Matth. 7, 6.). Denn da ist kein Hören noch Bedenken, daß ich nichts denn das Gebet weiß für ihn zu thun. Er verdirbt viel Seelen, und sammelt ihm einen Schatz auf den Tag des Zorns, der groß ist (Röm. 2, 5.). Doch ich stelle das heim euerm Geist. Wir wollen doch leben, ob sie uns tödten, oder alles Unglück anthun. Aber noch ein Härteres ist jetzt neulich an unsern Glauben gelaufen. Satanas, der sich allezeit unter die Kinder Gottes mengt (Hiob l, 6.), hat uns, vornehmlich mir, ein fein Spiel zu Wittenberg angerichtet, und den Widersachern einmal ihre Lust an uns gebüßet, und das Maul weit aufgesperret, das Evangelium zu schmähen. Alle meine Feinde, sammt allen Teufeln, wie nahe sie mir gekommen sind vielmal, haben sie mich doch nicht getroffen, wie ich jetzt getroffen bin von den Unsern; und muß bekennen, daß mich der Rauch übel in die Augen beißet, und kitzelt mich fast im Herzen. Hie will ich (dachte der Teufel) dem Luther das Herz nehmen, und den steifen Geist matt machen, den Griff wird er nicht verstehen, noch überwinden2).

Wohlan, ich denke, ob nicht solches auch geschehe zur Strafe etlicher meiner vornehmsten Gönner und mir. Meinen Gönnern darum; denn wiewohl sie glauben, Christus sey auferstanden, tappen sie doch noch mit Magdalena im Garten nach ihm, und er ist ihnen noch nicht aufgefahren zum Vater (Joh. 20,17.). Mir aber darum, daß ich zu Worms guten Freunden zu Dienst, auf daß ich nicht zu steifsinnig gesehen würde, meinen Geist dämpfete, und nicht härter und strenger meine Bekenntnisse für den Tyrannen that; wiewohl mich doch die ungläubigen Heiden seit der Zeit hochmüthig im antworten gescholten haben. Sie richten, wie Heiden (als sie sind) richten sollen, die keines Geistes noch Glaubens jemals empfunden haben. Mich hat meine dieselbige Demuth und Ehrerbietung vielmal gereuet.

Es sey aber an dem, wie es wolle, es sey gesündigt, oder wohl gethan, darum unverzagt und unerschrocken. Denn wie wir auf unsere Wohlthat nicht trotzen, also zagen wir auch nicht in unsern Sünden. Wir danken aber Gott, daß unser Glaube höher ist, denn Wohlthat und Sünde. Denn der Vater aller Barmherzigkeit hat uns gegeben, zu glauben nicht an einen hölzernen, sondern an einen lebendigen Christum, der ein Herr über Sünde und Unschuld ist, der uns auch aufrichten und erhalten kann, ob wir gleich in tausend und aber tausend Sünden alle Stunde fielen; da ist mir kein Zweifel an. Und wenn es der Satanas noch höher und noch ärger versuchte, so soll er uns doch nicht ehe müde machen, er greife denn ein solches an, damit er Christum von der rechten Hand Gottes hernieder reiße. Weil Christus droben bleibt sitzen, so wollen wir auch bleiben Herren und Junkern über Sünde, Tod, Teufel und alle Dinge, da soll nichts für seyn. Wir wissen, daß der stark und treu genug ist, der ihn auferweckt von den Todten (Apg. 5, 3l). 31.), und zu seiner Rechten gesetzt hat, zu seyn ein Herr über alle Dinge, ohne Zweifel auch über Sünde, Tod, Teufel, Hölle, schweig denn über die papistischen Schweinblasen, mit ihren dreien rauschenden Erbsen. Den Trotz sollen sie uns nicht nehmen; so lange aber der Trotz uns bleibt, wollen wir sie fröhlich verachten, und zusehen, ob sie uns diesen Christum so leichtlich, als sie meinen, verschlingen, und einen Andern an seine Statt setzen mögen, von dem der Vater nicht wisse. Darum hoffe ich, dieser Christus soll uns dies Spiel, und ob noch ein ärgeres entstände nach diesem, nicht allein wieder zurecht bringen, sondern auch zu förderlichem Nuß wenden, nach dem überschwänglichen Reichthum seiner Weisheit und Gütigkeit, sonderlich so ihr auch helft bitten und trauen. Es ist unser Ding noch nicht so fern gefallen, als es fiel zu Christus Zeiten, da ihn auch Petrus selbst verleugnet, und alle Jünger von ihm flohen, und Judas ihn verrieth und fing (Marc. 14,44.52.68. u. folg.). Und obs so fern fiel, dennoch soll es nicht verfallen, und unser Christus nicht verwesen. Ich weiß aber und bin es gewiß, daß solches, und was desgleichen geschehen mag, darum geschieht, daß ein allgemeiner Versuch und Probe aufgerichtet werde, daran die Starken bewährt, die Schwachen gestärkt, die Bewährten gepriesen, die Falschgläubigen offenbart, die Feinde aber, und die nicht werth sind, daß sie es für Gottes Wort erkennen und halten, geärgert und verstockt werden sollen; wie sie denn verdienet haben.

Denn ihr wißt, daß die Sünde zu Worms3), da die göttliche Wahrheit so kindisch verschmähet, so öffentlich, muthwillig, wissentlich, unverhört verdammt ward, freilich eine Sünde ganzer gemeiner deutscher Nation ist, darum daß die Häupter solches thaten, und ihnen Niemand einredete; damit über die Maßen bei Gott verschuldigt ist, daß er das theure Wort ganz aufhübe, oder ein solches Aergerniß entstehen ließe, daß es kein Mensch für Gottes Wort hielte, und also ihrem Verdienst nach auch lästern und verfolgen müßten, wie Teufelslehre, das sie zuvor aus lauter frevelhaftem Muthwillen haben verleugnet und verdammt. Ja, leider, mein theurer Hartmuth, solches Verdienst hat die deutsche Nation dem Pabste zu Dienst auf dem unseligen Reichstage auf sich geladen; und die jetzt also toben und verstockt sind, haben es dazumal also verschuldigt, da sie das Rädlein trieben, und die Würfel in der Hand hatten, und ließen sich dünken, sie schimpfen, und Christus sähe sie nicht. O schrecklicher und ernster Richter, wie heimlich und gar gräulich sind deine Gerichte! wie gewiß und sicher ist der Pharao allezeit, ehe ihn das rothe Meer versäuft, und stehet nicht, daß eben seine Sicherheit der rechte, ernste Zorn Gottes über ihn ist. O wie unleidlich ist Gott des Schimpfs an seinem theuren Wort, daß er auch sich seines liebsten Kindes Blut hat lassen kosten; und die Menschen sitzen und schmatzen und lächeln, wenn sie es verdammen und verfolgen.

Also sehen wir, daß auch den Juden gehet, welche, da sie Gottes Sohn verdammten muthwillig, sind sie in so tief verstockten Sinn gegeben, daß sie aufs allersicherste und keckste ihn lästern, und nicht aufhören können, und erfüllen die Schrift (Ps. 109, 7.): Er wollte nicht Benedeiung, darum soll sie fern genug von ihm kommen. Also ist unsern Papisten auch geschehen; sie wollten zu Worms Christum auch hassen und lästern; nun ists ihnen gegeben, daß sie nicht konnten aufhören, zu hassen und zu lästern, daß keine Bitte noch Vermahnung hilft, sondern nur ärger davon werden. Recht ist dein Gericht, himmlischer Vater. Das heißt, meine ich, den rechten St. Veitstanz haben. Gott ist mein Zeuge, daß ich in meinem Herzen eine Angst und Sorge habe, wo der jüngste Tag nicht das Spiel unternimmt, wird Gott sein Wort aufheben, und der deutschen Nation solche Blindheit senden, und sie also verstocken, da mir gräulich ist an zu denken. Herr, himmlischer Vater, laß uns in alle Sünde fallen, so wir je sündigen müssen; behüte uns aber für Verstockung, und behalte uns an dem und in dem, den du einen Herrn über Sünde und Unschuld gesetzt hast, daß! wir denselben auch nicht verleugnen, noch aus den Augen lassen: so würde uns freilich alle Sünde, aller Tod, alle Hölle nichts thun. Ach! was sollte uns etwas thun?

Doch sollen wir Gott danken aus ganzem Herzen, daß er sich noch merken lässet, als wollte er das heilige Wort noch nicht aufheben, damit daß er euch und andern viel mehr einen unärgerlichen Geist und Liebe dazu gegeben hat. Denn das ist ein Zeugniß, daß sie nicht um der Menschen willen, sondern um des Worts selbst willen glauben. Viele sind ihrer, die um meinetwillen glauben; aber jene sind allein die rechtschaffenen, die darinbleiben ob sie auch höreten, daß ich es selbst (da Gott für sey) verleugnete, und abträte. Das sind sie, die nichts darnach fragen, wie Böses, Gräuliches, Schändliches sie hören von mir oder von den Unsern. Denn sie glauben nicht an den Luther, sondern an Christum selbst. Das Wort hat sie, und sie haben das Wort; den Luther lassen sie fahren, er sey ein Bube oder heilig. Gott kann sowohl durch Balaam, als Jesaiam, durch Caipham, als durch Petern, ja durch einen Esel reden. Mit denen halte ichs auch. Denn ich kenne selbst auch nicht den Luther, will ihn auch nicht kennen; ich predige auch nichts von ihm, sondern von Christo. Der Teufel mag ihn holen, wenn er kann, er lasse aber Christum mit Frieden bleiben, so bleiben wir auch wohl.

Darum soll nun unsere Sorge seyn, daß wir Gott, dem Vater aller Barmherzigkeit und des Trostes, dankbar seyn, und hinfort uns stellen, daß unser Glaube nicht in den Worten, sondern in der Kraft sey. Denn St. Paulus spricht 1 Cor. 4, 20.: Das Reich Gottes stehet nicht in dem Wort, sondern in der Kraft. Es ist nicht genug, daß wir fein davon reden und schreiben können; sondern das Leben und die That muß der Wahrheit Zeugniß geben, daß wir unsere Liebe und Wohlthat gegen Freund und Feind darstrecken. So sollen wir nun bitten aufs erste, daß Gott uns und den Unsern gebe Stärke je mehr und mehr, und mache sein liebes Kind, Jesum, groß in unsern Herzen von Tag zu Tage, daß wir ihn mit allem Durst und aller Freudigkeit loben, preisen und bekennen mögen für den verstockten und verblendeten Hirten, dieser unschlachtigen und halsstarrigen Secte der Papisten; darnach helfen tragen solche Schuld gemeiner deutschen Nation, und bitten, daß Gott nicht ansehen wollte die Untugend des bösen Haufen, noch ihrer Bosheit die armen Seelen entgelten lassen, und das heilsame Wort, so lange Zeit verdrückt, nicht wiederum entziehe, und den Endchrist nicht wieder einsitzen lasse; sondern daß doch zum wenigsten, wie der König Ezechias bat, zu unsern Zeiten Friede und Wahrheit sey. Fürwahr, solche Bitte und Sorge ist noth. Denn ich fürchte, die deutsche Nation machts zu viel, daß es uns zuletzt gehen werde, gleichwie 2 Kön. am letzten geschrieben ist, daß sie die Propheten so lange tödteten, bis daß sie Gott übergab, und keine Hülfe mehr da war. Also fürchte ich leider, er werde der deutschen Nation zuletzt auch ihren Lohn geben. Sie hat zu Costnitz am ersten das Evangelium verdammt und unschuldig Blut umgebracht an Johannes Huß und Hieronymus; darnach zu Worms und zu Heidelberg am Dramsdorf und etlichen mehr; item, zu Mainz und Köln; der ganze Rheinstrom ist blutig, und will noch nicht sich reinigen lassen von dem Blutvergießen, sondern feiert die Christenmörder, die Ketzermeister, ohne Aufhören, bis daß Gott herein platzt, und auch keine Hülfe mehr da sey. Sie versucht Gott zu oft. Jetzt ists abermals zu Worms an mir verdammt; und ob sie mein Blut nicht vergossen haben, hats doch nicht gefehlt an ihrem vollen, ganzen Willen, und morden mich noch ohne Unterlaß in ihren Herzen. Du unselige Nation! mußt du denn vor allen andern des Endchrists Stockmeister und Henker seyn über Gottes Heiligen und Propheten?

Sehet, wie bin ich ausgelaufen und überflossen mit Worten. Das macht der Glaube Christi, der sich also erschwinget in Freuden über euerm Glauben und freudigem Bekenntniß. Johannes muß also springen im Mutterleibe, wenn Christus zu ihm kommt. Wie ihr denn sehet, daß er durch eure Schrift zu mir kommen ist. Wollte Gott, er käme auch also zu euch durch diese meine Schrift, und machte, daß nicht allein euer Johannes, sondern auch Elisabeth, und das ganze Haus fröhlich und voll Geistes würde, und blieb nicht allein drei Monat, sondern ewiglich. Das gebe Gott, der Vater aller Barmherzigkeit, Amen.

Von mir habe ich nichts sonderliches neuer Zeitung, denn daß ich jetzt gen Wittenberg mich gemacht habe, ob ich dem Teufel durch Christus Gnade könnte wieder etwas sehen lassen. Wie lange ich da bleiben werde, weiß ich nicht. Ich habe mir auch vorgenommen, die Biblia zu verdeutschen. Das ist nur noth gewesen; ich hätte sonst wohl sollen in dem Irrthum gestorben seyn, daß ich wäre gelehrt gewesen. Es sollten solches Werk thun, die sich lassen dünken gelehrt seyn. Ich habe Er Franzen von Sickingen4) das Büchlein von der Beichte zugeschrieben, welches, und was mehr seit der Zeit ausgegangen ist, hoffe ich, sey euch zugekommen; denn ich habe es euch nicht können zuschicken. Jetzt gehet aus der Postille ein Stück über die Evangelien und Episteln; wenn die fertig ist, hoffe ich, ein Christ solle darin finden, was ihm noth ist zu wissen. Grüßet alle unsere Freunde im Glauben, Herrn Franzen und Herrn Ulrichen von Hutten5), und wer ihrer mehr sind. Gottes Gunst sey mit euch, Amen.

Martinus Luther, Dr.

1) Er meint den Herzog Georg von Sachsen, einen heftigen Feind Luthers und des Evangeliums. Als der Herzog diesen Brief zu Gesicht bekam, beklagte er sich, daß er mit schmählichen Worten darin angetastet sey und fragte Luthern schriftlich, ob er der Verfasser des Briefes sey. Luther antwortet, er bekenne sich zu dem Briefe, wolle auch beweisen, was er geschrieben habe, und entbietet ihm sein Gebet.
2) Er meint die Bilderstürmer, welche, während Luther auf der Wartburg verborgen war, in Wittenberg große Verwirrung anrichteten, und unter dem Vorgeben, die Reformation schneller durchzuführen, die Bilder aus den Kirchen warfen, die Beichte abschafften, alle päbstlichen Ceremonien auf einmal abthaten, rc. ohne auf die Schwachen Rücksticht zu nehmen oder die Leute gründlich davon zu unterrichten. Carlstadt, erst von andern verführt, wurde der Anführer dieser Bilderstürmer. Luther, nach Wittenberg zurückgekehrt, dämpfte den Unfug durch die Gewalt des Wortes.
3) auf dem Reichstage im Jahr 1521, aus welchem Luther in die Reichsacht erklärt wurde.
4) war ein ansehnlicher Ritter am Rhein, er erbot sich, Luthern in Schutz zu nehmen, wenn er aus Sachsen sollte weichen müssen
5) er war ein gelehrter Ritter in Franken und auch einer von denen aus dem Adel, die sich der Sache Luthers mit Ernst annahmen.
Quelle:
Luthers Volksbibliothek Zu Nutz und Frommen des Lutherschen Christenvolks ausgewählte vollständige Schriften Dr. Martin Luthers, unverändert mit den nöthigen erläuternden Bemerkungen abgedruckt. Herausgegeben von dem Amerikanischen Lutherverein zur Herausgabe Luther’scher Schriften für das Volk Zweiter Band St. Louis, Mo. 1860
Kommentare sind geschlossen.