Luther, Martin – An Churfürst Friedrich von Sachsen (29.11.1518)

Luther, Martin – An Churfürst Friedrich von Sachsen (29.11.1518)

Durchlauchtigster, gnädigster Herr und Churfürst! Ich habe von meinem lieben Herrn und Freunde Georg Spalatin eine Schrift sammt einer Abschrift eines Sendbriefs des Hochwürdigsten Herrn Thomas Cajetanus nach Ew. Churf. Gn. Willen mit gebührender Ehre fröhlich empfangen. Denn ich sehe, daß mir nun eine rechte feine Gelegenheit gegeben sei Ew. Churf. Gn. – den Zustand meiner ganzen Sache anzuzeigen. Dieß einige allein bitte ich demüthiglich, Ew. Churf. Gn. wollen mich geringen, verachten, armen Bettelbruder gnädiglich hören und mein ungeschickt Schreiben mir zu gut halten.

– So bitte ich denn noch einmal, Ew. Churf. Gn. wollen denen nicht eher Glauben schenken, so da sagen, Bruder Martinus habe übel geredet und unrecht gelehrt, ich werde denn verhört und überwiesen, daß ich übel geredet und unrecht gelehrt habe. St. Petrus irrte, auch nachdem er den heiligen Geist empfangen hatte, so kann auch ein Cardinal irren und wäre er auch noch so gelehrt.

Derhalben wollen Ew. Churf. Gn. ihrer Ehre und Gewissens wahrnehmen, daß sie mich ja gen Rom nicht schicken, denn solches kann Ew. Chnrf. Gn. kein Menschen gebieten – er sei und heiße wer und wie er wolle – weil es unmöglich ist, daß ich zu Rom sollte sicher sein. Auch wäre solches nichts Andres als Ew. Churf. Durchlauchtigkeit gebieten , daß sie eines unschuldigen Christen Blut verriethe und ein Mörder an mir würde. Denn auch der Papst zu Rom keine Stunde seines Lebens sicher ist. Sie haben Papier, Federn und Tinten zu Rom; auch haben sie unzählig viel Notarien; es ist leichtlich geschehen, daß sie aufzeichnen und auf’s Papier fassen, worin und warum ich geirrt habe. Ich kann ja mit geringerer Unkost abwesend in Schriften unterrichtet, als gegenwärtig durch Tück und List umgebracht werden.

Eins thut mir von Herzen wehe, daß der Hochwürdige Herr Legat Ew. Churf. Gn. höhnisch sticht, gleich als verließe ich mich auf Ew. Churf. Gn. solches Alles anzufangen und vorzunehmen. Wie denn auch etliche Lügner bei uns fälschlich vorgeben, ich habe durch Ermahnung und Rath Ew. Churf. Gn. vom Ablaß zu disputiren vorgenommen; so doch um diese mein Disputation auch keiner meiner allerliebsten Freunde gewußt hat, ausgenommen der Hochwürdigste Herr Cardinal zu Mainz und Erzbischof zu Magdeburg und Herr Hieronymus, Bischof zu Brandenburg. Denn diese zwei, weil es ihnen von Amtswegen zustand die lästerlichen Lügen der Ablaßkrämer zu verbieten, ermahnte ich sie insgeheim mit tiefer Demuth und Ehrerbietung durch Schriften, ehe ich die Disputation ließ an Tag kommen.

Daß nun aber der Hochwürdige Herr Legat Ew. Churf. Gn. und dem ganzen Blut oder Geschlecht des Hochlöblichen Hauses zu Sachsen einen Schandfleck wollte anhängen und in Abgunst der päpstlichen Heiligkeit bringen, kommt daher, daß die Leute heutiges Tages für gewiß halten, Christus sei begraben, der nicht auch heute noch durch eine Eselin reden könnte und, so die Apostel und ihre Nachfolger schweigen würden, durch Holz und Steine schreien könnte.

Darum, daß Ew. Churf. Durchlauchtigkeit um meinetwillen nicht etwas Böses begegne, was ich nimmermehr wollte, siehe so verlasse ich in Gottes Namen Ew. Churf. Gn. Lande; will ziehen, wohin mich der ewige, barmherzige Gott haben will, mich seinem gnädigen göttlichen Willen ergeben, er mach’s mit mir, wie er wolle. Will derhalben Durchlauchtigster Churfürst, hiemit Ew. Churf. Gn. mit aller Ehrerbietung gegrüßt und gesegnet und schlecht und gerecht dem ewigen, barmherzigen Gott befohlen, auch für alle ihre Wohlthat mir bewiesen, in aller Demuth unterthäniglich mich bedankt haben. Will auch an welchem Orte in künftiger Zeit ich werde sein Ew. Churf. Gn. in Ewigkeit nicht vergessen , sondern allzeit mit rechtem Ernst und Dankbarkeit für Ew. Churf. Durchlauchtigkeit und der Ihrigen Heil und Wohlfahrt von Herzen bitten.

Ich bin Gottlob noch zur Zeit von Herzen fröhlich und danke Gott, daß mich armen Sünder sein lieber Sohn Jesus Christus würdig achtet, daß ich in dieser guten heiligen Sache Trübsal und Verfolgung leiden soll. Er wolle Ew. Churf. Gn. in Ewigkeit erhalten. Amen. Wittenberg den 29. Nov. Anno 1518.

Ew. Churf. Gn. unwürdiger Caplan.

Br. Martin Luther.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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