Calvin, Jean – An Henri de Bourbon, Herzog de Vincennes, Erbprinzen von Navarra.

Calvin, Jean – An Henri de Bourbon, Herzog de Vincennes, Erbprinzen von Navarra.

Nr. 739 (C. R. – 3998)

Seinen Kommentar zum ersten Buch Mose hatte Calvin den Prinzen von Sachsen gewidmet (vgl. 406). Da diese die Widmung nicht angenommen hatten, dedizierte er nun den Kommentar zum ganzen Pentateuch dem dreizehnjährigen Erbprinzen von Navarra, dem späteren Heinrich IV. Weggelassen ist ein längerer, wörtlich aus der ersten Vorrede übernommener Teil über den Wert der biblischen Urgeschichte.

Über Tugenden und Pflichten des Prinzen.

Dass ich mich nicht scheue, dir, durchlauchtigster Prinz, dieses Werk zu widmen, so dass es mit deinem Namen an der Spitze erscheint, mögen sehr viele tadeln; das wird mich nicht wundern und mir nicht unerwartet kommen. Denn man wirft mir vor, diese Widmung mache dich bei den Bösen, die dir schon feind genug sind, verhasst. Da dich aber Gott in deinem zarten Alter schon mit großem Mut ausgerüstet hat unter mancherlei Drohungen und Schrecken, so dass du nie vom ehrlichen, offenen Bekenntnis deines Glaubens wichest, so sehe ich nicht ein, was es dir schaden könnte, wenn ich durch mein Zeugnis feststelle, was allgemein bekannt ist. Da du dich also des Evangeliums Christi nicht schämst, so scheint mir eben dein Freimut Grund zu geben, dir zu diesem glücklichen Anfang zu gratulieren und dich zu unüberwindlicher Festigkeit für die Zukunft zu ermahnen. Denn was in den besten Charakteren noch vorkommt, dass sie zu biegsam sind, das ist bei jungen Leuten, bis sie gesetzter werden, ein allgemeiner Fehler.

Mag meine Absicht auch gewissen Leuten missfallen; wenn sie nur der hochedeln Königin, deiner Mutter, gefällt, (und darauf verlasse ich mich), so kann ich so ungerechtes Urteil und so böswillige Vorwürfe verachten; jedenfalls kümmere ich mich nicht darum. Nur eines ist vielleicht unbedacht gewesen von mir: dass ich deine Mutter nicht erst um Rat fragte, um nichts wider ihre Meinung und ihren Willen zu unternehmen. Aber auch deswegen kann ich mich leicht entschuldigen. Zwar wenn ich es aus Leichtsinn unterlassen hätte, so müsste ich mich nicht nur der Unklugheit, sondern auch der Unverschämtheit und Anmaßung zeihen. Da ich aber alle Hoffnung auf rechtzeitiges Erscheinen des Werkes bereits aufgegeben hatte und mich der Buchdrucker auf die Frühjahrsmesse vertröstete, so glaubte ich sicher, die Sache eile nicht. Indessen durch heftiges, unablässiges Drängen anderer Leute kam es, dass mir mit einem Mal gemeldet wurde, das Werk könne nun doch in vierzehn Tagen fertig gestellt werden, was man mir vorher beharrlich als unmöglich dargestellt hatte. So war mir wider mein Erwarten, aber eigentlich nicht wider meinen Willen, die Möglichkeit genommen, erst noch um Erlaubnis zu bitten. Bei dem brennendem Eifer der hochedeln Königin, die Lehre Christi und den reinen Glauben und Gottesdienst auszubreiten, bin ich freilich nicht gerade in großer Sorge, sie wolle mein Anerbieten nicht gerne annehmen und in ihren Schutz stellen. Wie fern sie dem Aberglauben und der Verderbnis steht, die das Christentum verunreinigten und entstellten, verschweigt sie ja nicht. Mitten im wilden Treiben hat sie durch vollgültige Zeugnisse bewiesen, dass auch in einer Frau mehr als männlicher Mut wohnen kann. Brächte sie nur die Männer dazu, sich zu schämen, damit ein guter Ehrgeiz sie antriebe, es ihr gleich zu tun. Denn da sie sich selbst so bescheiden und maßvoll gibt, so glaubte niemand, welch heftige Angriffe sie ruhig aushält und mutig abwehrt. Wie sehr Gott sie auch schon mit Kämpfen im Innern heimgesucht hat, das wissen nur wenige, zu denen ich gehöre.

Du aber, erlauchtester Prinz, brauchst kein besseres Vorbild suchen, um dich nach einem rechten Muster aller Tugenden zu bilden. Nach diesem Ziel zu streben, mit heißem Bemühen zu streben, dazu bist du, das bedenke wohl, in außerordentlicher Weise verpflichtet. Denn die adlige Art, die an dir hervorleuchtet, machte jede Entschuldigung unmöglich, wenn du dir selbst untreu wirst, und deine Erziehung, die deiner guten Anlage so kräftig zu Hilfe kam, ist ein zweites Band, das dich an deine Pflicht bindet; denn in ihr verband sich mit keuscher Zucht eine weitherzige Bildung. Als du die Anfangsgründe des Wissens innehattest, warfst du nicht, wie fast alle, die weiteren Studien mit Ekel beiseite, sondern fährst bis heute eifrig fort, deinen Geist auszubilden. Dass nun dieses Buch mit deinem Namen an der Spitze erscheint, das sollte nach meinem Wunsch so wirken, als ob Gott die Hand auf dich legte und dich von neuem für sich in Anspruch nähme, damit du dich recht freimütig als Jünger Christi bekennst. Sicher ist deine Mutter, der nicht genug zu lobenden Königin, nichts von dir erwünschter, als wenn sie hört, du machest stets größere Fortschritte in der Frömmigkeit. Wenn auch vieles in diesem Buch die Fassungskraft deines Alters übersteigt, so ists doch nicht verkehrt, wenn ich es dir zur Lektüre anbiete, und zwar zu recht aufmerksam betriebener, fleißiger Lektüre. Denn da es jungen Leuten Freude macht, von Ereignissen früherer Zeiten zu hören, so kommst du nun auch bald in die Jahre, in denen dich die Geschichte der Weltschöpfung und der Kirche in den Urzeiten ebenso nutzbringend wie unterhaltsam beschäftigen kann. – – – –

– – – So habe ich nun kurz vom Nutzen der Geschichte gesagt, was zu sagen war. Dass auch die Lehre des Gesetzes, deren Unverständlichkeit bisher manchen abschreckte, besser bekannt werde, war mein treuliches, ich weiß nicht, ob auch geschicktes, Bestreben. Jedenfalls werden einzelne eine ausführliche Erklärung dieser Partien wünschen. Schon von Natur der Weitschweifigkeit abgeneigt, habe ich mich in diesem Werke noch aus zwei besonderen Gründen kurz gefasst. Denn weil diese vier Bücher schon an sich durch ihre Länge manche abschrecken, so fürchtete ich, der Überdruss könne noch zunehmen, wenn ich auch in ihrer Erklärung der Feder freien Lauf ließe. Zweitens habe ich bei der Abfassung dieses Werkes öfters kaum mehr für mein Leben hoffen dürfen und wollte deshalb lieber eine knapp zusammengefasste, als eine unvollendete Arbeit hinterlassen. Ernsthaft und gesund urteilende Leser werden sehen, dass es deshalb doch mein eifriges Bemühen war, keine schwierige, zweideutige oder dunkle Stelle absichtlich oder unabsichtlich unberücksichtigt zu lassen. Da ich also doch versucht habe, alle schwierigen Stellen zu behandeln, so sehe ich nicht ein, wie jemand sich über die Kürze beklagen kann; er müsste denn alle Weisheit nur aus Kommentaren schöpfen wollen, und solche Leute, deren Kopf auch das wortreichste Werk nicht füllen kann, können sich meinetwegen einen andern Lehrer suchen.

Wenn du den Versuch machen willst, wirst du wirklich erkennen und selbst die Zuversicht gewinnen, dass wahr ist, was ich sage. Du bist noch ein Knabe. Aber Gott, der befohlen hat, dass die Könige sich sein Gesetz eigens aufschreiben lassen sollen [5. Mose 17, 18], hat davon auch den frommen Josia nicht ausgenommen, sondern gerade in diesem Knaben wollte er ein wahrhaftes, edles Beispiel frommer Erziehung geben, das die Trägheit der Alten beschämen sollte. Auch dein Beispiel zeigt, wie sehr wichtig es ist, von jung auf gewöhnt zu werden. Denn aus der Wurzel, die die Grundlehren unseres Glaubens in dir trieben, ist ein Keim nicht nur schon aufgegangen, sondern bereits beinahe zur Reife gediehen. Strebe also unermüdlich nach dem dir gesteckten Ziele und lass dich nicht aufhalten oder irre machen durch naseweise Menschen, denen es durchaus unpassend erscheint, Knaben schon zu solcher, wie sie sagen, frühreifer Weisheit aufzufordern. Aber was wäre unsinniger oder unerträglicher, als wenn man dir, den von allen Seiten Versuchungen jeder Art umgeben, die Arznei dagegen verbieten wollte? Wenn die höfischen Lüste schon Eure Diener verderben, wie viel gefährlicher sind Euch Prinzen die Nachstellungen, die Euch in all den Ergötzungen und Vergnügungen in solcher Fülle entgegentreten, dass es fast ein Wunder ist, wenn einer nicht in solchem Leichtsinn ganz aufgeht? Es widerstrebt doch sicher schon der Natur, solche Masse von Vergnügungen ohne eigentliches Vergnügen zu genießen! Wie schwer es aber ist, mitten in solchen Festen sich die Reinheit unbefleckt zu erhalten, ist aus den Tatsachen mehr als bekannt. Du aber, durchlauchtigster Prinz, halte für Gift, was nur dazu da ist, die Sinnlichkeit zu züchten; denn wenn dich jetzt schon schwächt, was die Enthaltsamkeit und die Selbstbeherrschung vernichten will, nach was könnte es dich als Erwachsenen nicht erst gelüsten! Hart klingt es vielleicht: Große Rücksicht auf den Leib ist große Rücksichtslosigkeit gegen die Tugend der Seele, aber doch hat Cato damit durchaus die Wahrheit gesagt. Auch die folgende Paradoxie will das gewöhnliche Leben ja nicht gelten lassen: Ich bin zu groß und zu Größerem geboren, als dass ich ein Sklave meines Körpers sein dürfte, den zu verachten mich erst frei macht. Weg also zwar mit aller übermäßigen Strenge, die alles Angenehme aus dem Leben bannen will; aber wie schlüpfrig der Pfad vom sicheren, selbstgefälligen Wesen zum frechen Laster ist, zeigen nur zu viele Beispiele. Freilich hast du nicht nur mit Üppigkeit, sondern noch mit vielen andern Fehlern zu kämpfen. Nichts ist ja schöner als dein leutseliges, bescheidenes und höfliches Wesen; aber kein Herz ist so sanft und fest, dass nicht der Rausch des Beifalls es zu Wildheit und Rauheit entarten lassen könnte, und da nun unzählige Schmeichler deinen Geist in allerlei Lüsten zu entflammen suchen, wie scharf muss du da aufpassen! Wenn ich dich vor dem höfischen Schmeichelwesen warne, so verlange ich nichts anderes von dir, als dass du selbst Maß hältst und dich dadurch uneinnehmbar dagegen machst. Denn ganz richtig hat einer gesagt: Es ist kein Verdienst, wenn einer nicht in Asien gewesen ist, aber höchst lobenswert ist es, wenn einer in Asien war und doch keusch und enthaltsam blieb. Da das also sehr wünschenswert ist, so gibt David dir die Anweisung, es leicht zu erreichen, wenn du seinem Beispiel folgst, und, wie gesagt, Gottes Gebote deine Ratsleute sein lässest [Ps. 119, 24]. Woher auch sonst irgendetwas dir geraten wird, – wenn das nicht der Weisheit Anfang ist bei dir, so wird es zunichte. So bleibt dir nun übrig, edelster Prinz, was im Jesaja über den heiligen König Hiskia zu lesen steht, dir zuweilen ins Gedächtnis zu rufen. Wo der Prophet seine herrlichen Gaben aufzählt, da erwähnt er als höchstes Lob: Furcht Gottes wird sein Schatz sein [Jes. 33, 6]. Lebwohl, durchlauchtigster Prinz. Gott erhalte dich stets wohl in seinem Schutz; er schmücke dich mehr und mehr mit seinen Geistesgaben und mache dich reich an Segen aller Art.

Genf, 31. Juli 1563.

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