Calvin, Jean – An Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz in Heidelberg.

Calvin, Jean – An Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz in Heidelberg.

Nr. 737 (C. R. – 3986)

Vgl. 735. Kurfürst Friedrich hatte sich seit 1560 dem calvinistischen Bekenntnis zugewandt und sein Land dementsprechend reformiert; die Lutheraner streuten das Gerücht aus, er sei bei einer Reformationsreise vom Pferde gestürzt und gestorben. Weggelassen sind längere polemische Abschnitte über die Ubiquitätslehre. Der lutherische Theologe, der Calvin in einer deutschen Schrift mit Namen angriff, in der lateinischen Übersetzung aber seinen Namen ausließ, war Paul Eber, Professor zu Wittenberg und treuer Schüler Melanchthons (vgl. 586). Den aus katholischen und lutherischen Gebieten vertriebenen Refugianten bot Kurfürst Friedrich Asyl; über Francois Baudouin vgl. 684, 693.

Über den Calvinismus in der Pfalz.

Von tüchtigen Männern und guten Zeugen werden deine heldenhaften Tugenden gepriesen, durchlauchtigster Fürst, vor allem deine außerordentliche Frömmigkeit, ein gleich warmer Eifer zum Schutz wie zur Ausbreitung des wahren Glaubens und ein ruhig-gleichmäßiges Maßhalten in allen Lebenslagen. Deine Freundlichkeit aber, wie sie auch bei einem Privatmanne kaum zu finden wäre, kenne ich nicht nur aus den Berichten anderer, sondern habe sie selbst erfahren dürfen. So war es schon längst mein Wunsch, da meine persönliche Verehrung für dich mir nicht genügte, sie auch durch ein öffentliches Denkmal der Nachwelt zu bezeugen. Das weiß der edle Herr Eberhard, Graf von Erbach, den ich deshalb um Rat gefragt habe. Das gerade jetzt auszuführen, ist eben wie mir scheint, nicht nur gute Gelegenheit, sondern eine eigentliche Notwendigkeit. Denn da du die gesunde, orthodoxe Lehre vom heiligen Abendmahl Christi, die du ehrfürchtig angenommen hattest, auch freimütig und tapfer in deinem Lande einzuführen keine Bedenken trugst, so wüten nur unruhige, aufdringliche Menschen wider dich, als ob du das ganze deutsche Reich ins Wanken gebracht hättest. Mit lautem Geschrei stürmen sie gegen deine Hoheit an und, da sie mit Macht und Gewalt nichts vermögen, so versuchen sie es mit unverschämter Frechheit und lassen unbedenklich Flüche aus ihrem Munde gehen, deren sich ein Betrunkener schämen würde. Und nicht allein das, sondern weil es nicht in ihrer Macht steht, dich umzubringen, so verbreiteten sie wenigstens das schändliche Gerücht von deinem Tode. Als ob ein Mückenschwarm die Sonne verfinstern könnte! Du, durchlauchtigster Fürst, kannst zwar in deiner Hochherzigkeit standhaft und bei der ehrenvollen Stellung, die dir Gott gegeben, auch sicher ihre Dummheit verachten; da sie aber, um dich zu reizen, gar so heftig intrigieren und zugleich, um dich dem Hasse preiszugeben, meinen Namen drein mischen, so hielt ich es doch für meine Pflicht, den Namen, den sie so sehr verhasst machen wollten, als Schild ihrer Verleumdung entgegenzuhalten. Dass deine Hoheit nur einen Finger aufhebe oder ein kleines Wörtlein ihretwegen spreche, dessen sind sie ja nicht wert. Wenn ich mich aber über die Rohheit beschweren will, dass sie einen um die Kirche Gottes wohlverdienten Mann, dessen Hilfe sie auch vor Unkundigen gern in Anspruch nehmen, ohne es freilich zu gestehen, nun so abscheulich behandeln, so können sie diese Undankbarkeit mit keiner Ausrede beschönigen. Wenn sie also deiner Hoheit Calvinismus vorwerfen und damit dir einen Schimpf antun wollen, so verraten sie damit, ohne Nutzen dadurch zu haben und zu ihrer eigenen Schande, nur ihre Bosheit und Dummheit. Bei ihresgleichen können sie vielleicht etwas damit erreichen; bei frommen und gelehrten Leuten aber von Vernunft und guter Urteilskraft wird im Gegenteil meine Stimme, die dein Lob, wie es dir geziemt, anstimmen soll, gern gehört werden, hoffe ich. Jene Zungendrescher treten zwar so auf und scheinen so tapfer, als gelte es einen Kampf für Altar und häuslichen Herd; ob das aber wahr ist, kann ja jeder leicht und rasch beurteilen. Ich wills drum unterlassen, ihre Phantastereien näher zu untersuchen, da die Mehrzahl von ihnen selbst nicht versteht, was sie schwatzt; nur die Hauptpunkte will ich kurz berühren, in denen wir von ihren Lehrern, die ich übrigens nichtsdestoweniger persönlich liebe, abweichen.

Dass wir im heiligen Abendmahl von Christi Fleisch und Blut wahrhaft genährt werden, nicht anders als Brot und Wein Nährmittel für den Körper sind, bekennen wir offen. Soll das deutlicher erklärt werden: die geistige Substanz des Fleisches und Blutes Christi ist unsere Lebenskraft und wird uns unter dem Sinnbild von Brot und Wein mitgeteilt, da Christus, als er das Sakrament des Abendmahls stiftete, weder fälschlich etwas versprach, noch mit leeren Symbolen sein Spiel trieb, sondern, was er uns tatsächlich gab, mit äußern Zeichen darstellte. Bleibt noch die Frage nach der Art der Mitteilung. Da entsteht nun ein Konflikt; denn wir weigern uns, dem beizustimmen, was sie sich einbilden, es sei nämlich die örtliche Gegenwart [des Leibes Christi] dazu nötig. Wir sagen: obwohl Christus im Himmel ist, so dringt doch durch die geheimnisvolle und unbegreifliche Kraft seines Geistes die Gnadenwirkung bis zu uns, dass sein Fleisch uns Leben spendet, wir aber Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein sind (Eph. 5, 30). Sie aber wollen keine solche Mitteilung gelten lassen, wenn nicht Christus auf Erden sei. Um nun dem Vorwurf, sie lehrten die örtliche Gegenwart [im Brote], auszuweichen, müssen sie die noch unwahrscheinlichere Lehre von der Allgegenwart [des Leibes Christi] erfinden; wenn wir nun nicht einsehen können, wie sich das mit den Grundsätzen des Glaubens vereinigen lässt, mögen sie das unsrer Verständnislosigkeit wenigstens verzeihen.

Wir folgen dabei nicht unserm eigenen Sinn, sondern soviel das Maß unseres von Gott uns gegebenen Verständnisses fasst, ist auch die Lehre, der Leib Christi sei allgegenwärtig, durchaus nicht schriftgemäß; sondern so oft Christus selbst oder die Apostel sagen, die Fülle der Gottheit sei mit dem Fleische verbunden, so oft begnügen sie sich mit der Vereinigung in seiner Person. Und kein Mensch außer Eutyches hat bisher gelehrt, bei der Menschwerdung Christi seien seine beiden Naturen so vermischt worden, dass die Eigenschaften der göttlichen Natur auch seiner menschlichen zugekommen seien. Ich will nun nicht durch Nennung dieses verurteilten Ketzers ihre Sache dem Hass preisgeben; aber mahnen wird man sie wohl müssen, dass sie ja recht darauf achten, wohin die Streitlust auch gute, gelehrte und scharf blickende Leute reißt, wenn sie um jeden Preis ihre Sache verteidigen wollen. – – –

Das ist der Hauptpunkt unserer Kontroverse, den die Führer der Gegenpartei nur allzu hartnäckig und übertreibend behandeln. Höchstens könnte man noch beifügen, dass sie auch behaupten, die Gottlosen hätten am Leib und Blut Christi im Abendmahl nicht weniger teil als die treuesten Verehrer Gottes. – – –

– – – Getreulich und ungeschminkt habe ich nun dargelegt, warum heute mit uns im Kampfe liegen, die sich als Luthers Schüler rühmen; weshalb auch Philipp Melanchthon, ein Mann, ewigen Ruhmes wert wegen seiner unvergleichlichen Beherrschung jeder guten Wissenschaft, seiner großen Frömmigkeit und anderer Tugenden, den sie früher ihren Meister nannten, nun, da er tot ist, mit entsetzlichen Verwünschungen von ihnen bedacht wird. Merkwürdig ists, dass sie, um Gunst zu erringen, sich so hochmütig als Verteidiger des Augsburgischen Bekenntnisses aufspielen, dessen Verfasser selbst doch eigentlich der beste, treueste Ausleger sein sollte. Mit dem sie, meine ich jene lärmenden Zungendrescher, die keinen Anstand und keine Scham haben; denn die bedeutenderen Männer der Partei benehmen sich doch etwas maßvoller. Zwar über einen kann ich mich auch mit Recht beschweren, er habe nicht edel an mir gehandelt, als er meinen Namen, nachdem er mich auf Deutsch angegriffen, in der lateinischen Schrift ausstrich; denn das heißt doch, einen schelten, der es nicht verstehen kann.

Doch ich will diese Führer außer Betracht lassen und mich zu jenen Schreiern zurückwenden, die fast jenen wahnwitzigen Zeloten gleichen, deren Josephus Erwähnung tut, weil durch ihre Maßlosigkeit der verderbliche Krieg entstand, in dem Judäa unterging. Kein gräulicheres Schimpfwort finden sie, um deine Hoheit, durchlauchtigster Fürst, anzugreifen, als die Bezeichnung Calvinismus! Woher dieser bittere Hass gegen mich stammt, ist klar zu sehen. Ihre Siegeszuversicht beruht darauf, die Augen der Einfältigen durch Unterdrückung und Vertuschung der eigentlichen Sachlage zu blenden, und so ists nicht zu verwundern, dass sie erzürnt sind, wenn nun dieser Nebel der Unwissenheit, auf den sie sich so sicher und vergnügt verließen, durchbrochen wird. Vor allem aber ärgert es sie bis zum Verrücktwerden, dass sie sehen, wie du die ganze Frage ehrlich und gründlich kennen lerntest, und so die Lehre, über die sie triumphierten, so lange sie unbekannt war, nun einen so hochmächtigen Beschützer gewonnen hat und sich im Vertrauen auf die gerechte und feste Verteidigung durch einen tapfern Fürsten mit viel mehr Freiheit ausbreitet. Dich, der du von selbst mutig genug bist, noch zur Ausdauer aufzufordern, ist zwar überflüssig; aber damit du in stolzer Verachtung ihrer weibischen Ohnmacht das mit ebensoviel Glück wie Geschick begonnene Werk fortsetzest, schien es mir nicht überflüssig zu deiner Stärkung zu sein, wenn ein deutliches Pfand meiner Ergebenheit für deine Hoheit vorläge. Ich denke, es wird bei deiner unglaublichen Freundlichkeit dir kein unliebes Tun sein, wenn ich meinen Kommentar zu Jeremia dir widme.

Zwar muss ich gestehen, dass er nicht mit der Sorgfalt ausgearbeitet ist, wie es ein so herrliches Buch verdient hätte; denn es ist nur eine Nachschrift meiner mündlichen Kanzelvorträge. Früher habe ich mich auch tatsächlich gescheut, etwas erscheinen zu lassen, was nicht genauer und in langer Überlegung ausgefeilt und geschliffen gewesen wäre; ich fürchtete auch, es könne mir von Böswilligen als Anmaßung ausgelegt werden, dass ich improvisiere, ungeordnete und für einen bescheidenen Hörerkreis berechnete Vorträge einem weitern Publikum zum Lesen aufdrängte. Wenn nun auch dieses zweite schon dadurch leicht zu widerlegen wäre, dass der erste Band wider meinen Willen gedruckt wurde, so veranlasst mich doch das Urteil andrer Leute, überhaupt von einer Entschuldigung abzusehen. Ich meine damit einsichtige, ernsthafte Leser, die mir versichern, sie hätten aus meiner exegetischen Arbeit nicht unbeträchtlichen Gewinn geschöpft. Ja, einige meinen, es sei der Mühe wert, dass meine extemporierten Lehrvorträge bekannt würden, denn ihre Schlichtheit könne andere allzu sehr auf den Schein bedachte Schriftsteller von diesem Übel heilen. Genügt meine Arbeit nicht allen Lesern an Gelehrsamkeit und Gewandtheit, so habe ich mir doch Mühe gegeben, dass sie für gerecht und freundlich urteilende Leser an Gewissenhaftigkeit und Treue nichts zu wünschen übrig lasse. Ich fürchte auch nicht, dass man mir Anmaßung vorwirft, da ich offen sage, ich hätte nie gelitten, dass dies Buch erscheine, wenn ich nicht die Zuversicht hätte, es werde der Kirche Gottes nützlich und fruchtbringend sein. Halten vielleicht einige grämliche und gestrenge Nörgler das Werk der Widmung an deine Hoheit nicht für würdig, so verlasse ich mich im Vertrauen auf deine außerordentliche Freundlichkeit, erlauchtester Fürst, darauf, es werde dir genehm sein. Und lebte Jeremia heute noch auf Erden, so käme zu dieser Empfehlung noch, – wenn ich mich nicht sehr irre, – seine Zustimmung; denn er müsste erkennen, dass ich seine Weissagung nicht minder treu als ehrfürchtig ausgelegt und, – ich füge das bei, – auch auf die heutigen Verhältnisse mit Nutzen angewandt habe. So brauche ich mich nicht allzu ängstlich entschuldigen, wenn ich nur soviel erreiche, dass wenigstens der übergroße Eifer, deiner Hoheit meine Verehrung zu bezeugen, kein Verstoß war. Ich müsse mich ja, – um das anfangs Erwähnte jetzt ganz beiseite zu lassen, – schon der Undankbarkeit zeihen, wenn ich mich nicht dir verpflichtet fühlte durch deine liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der du die zu dir flüchtenden, um Christi willen Vertriebenen aufnahmst. Der Dichter lässt die Barbarenkönigin [Dido] sagen: Selbst erfahrenes Leid lehrt mich, sich ja schämen, wenn sie in gleicher Lage nicht gleich empfänden. Obwohl ich nun nicht so helfen kann, wie ich möchte, so bleibt mir doch das übrig, alle diesen Flüchtigen erwiesenen Wohltaten als mir erwiesen anzusehen.

Dreißig Jahre sind nun verflossen, seitdem ich mich freiwillig aus Frankreich verbannte, weil auch die Wahrheit des Evangeliums, der reine Glaube und der rechte Gottesdienst verbannt waren. Nun habe ich mich so an das Leben in der Fremde gewöhnt, dass mich kein Heimweh mehr erfasst. Ich bin ja hier in Genf, (meiner einstigen Vertreibung von hier brauche ich mich ja nicht zu schämen, denn man hat mich wieder zurückgerufen,) zwar ein Fremder, aber die Einheimischen achten mich, als ob ich schon meine Ahnen unter den Bürgern ihrer Stadt aufzählen könnte. Hat Gott mich nun zwar so gnädig verschont, so macht mir das Los meiner französischen und flandrischen Brüder umso größere Sorge, und dass sie so freundlich von dir aufgenommen worden sind, das ist mir eine Aufforderung und ein Antrieb, die Dankbarkeit, die ich dir dafür schulde, öffentlich zu bekennen. Es möge dich, durchlauchtigster Fürst, auch nicht verdrießen, in deiner gewohnten Leutseligkeit fortzufahren, wenn du dich einmal in einem Ausländer, und zwar einem Manne unserer Zunge, getäuscht hast. Es weiß ja jedermann, wie schändlich dich Francois Baudouin, dieser frechste aller Zungendrescher, dieses gleichermaßen unsaubere, hochmütige und perfide Tier, dieses aus allem Schmutzigen zusammengesetzte Monstrum, dabei ja aber ein recht geschickter Kompilator juristischer Schriftsteller, zum Besten gehabt hat. Aus Arras stammend begab er sich scheinbar um des Evangeliums willen unter deinen Schutz, wurde durch deine freigebige Gnade Professor des Zivilrechts an deiner berühmten Universität Heidelberg und hielt das nach seiner Art, obwohl er ja einem so edlen Fürsten mit Leib und Seele hätte ergeben sein müssen, nur für ein bequemes Sprungbrett, um eine höhere Stellung zu bekommen. So gab er, sobald er irgendwelche Hoffnungen witterte, diesen Posten auf, verachtete das Ehrenamt, das er nur durch böse List erlangt hatte, und ging zu den Feinden des wahren, reinen Glaubens, mit der er geprahlt hatte, über. Zuerst freilich schlich er sich nur in heimlicher Intrige zu ihnen hin, als ob noch ein Rest von Scham in ihm wohnte, und zettelte in geheimnisvoller Weise mit dem Kardinal von Lothringen, bei dem er sich einzuschmeicheln wusste, eine Verschwörung an, die den Zweck hatte, durch eine unsaubere Vermischung von Lehren und Zeremonien die französischen Kirchen auseinander zu reißen. Da aber diese verdeckte, schön geschminkte Verräterei ihm keinen Lohn eintrug, so schritt er nicht bloß zu offenem Abfall, sondern prahlt noch so unverschämt damit, dass er alle andern Apostaten an hündischer Frechheit übertrifft. Doch es ist gut, dass die Untreue dieses einen Schwindlers dein Wohlwollen gegen die andern Refugianten nicht aufhob; ein Lohn für dieses Festhalten liegt schon darin, dass unter den Zierden deiner Universität sich einige Ausländer nennen ließen, bekannt und berühmt um ihrer Tüchtigkeit willen, auch wenn ich sie jetzt nicht mit Namen anführe. Wenn nun auch weder mein Lob, noch die Widmung dieses Werkes, das Ansehen deiner Hoheit zu vergrößern vermag, so konnte ich doch nicht umhin, meinesteils der Dankespflicht Genüge zu tun. Lebwohl, durchlauchtigster Fürst, Gott mache dich mehr und mehr reich an seinen Geistesgaben; er erhalte dich lange gesund und lasse dir und den Deinen deine hohe Ehrenstellung stets zum Besten gedeihen.

Genf, 23. Juli 1563.

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