Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (736).

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (736).

Nr. 736 (C. R. – 3981)

Herzog Henri d´ Orleans war der jüngere Bruder König Karls IX. von Frankreich und späterer Nachfolger Heinrich III. Anne d´ Este, die Witwe des ermordeten Francois de Guise, hatte mit ihrem Sohn Henri noch am Hof gelebt. Poltrot, der Mörder de Guises, hatte im Verhör Coligny, Beza und den hugenottischen Grafen de la Roche-Foucauld der Mitwisserschaft bezichtigt.

Allerlei aus Paris. Colignys Verteidigungsschrift.

Seit ich dir neulich schrieb, ist keine neue Nachricht aus Frankreich gekommen, außer der, dass Gott durch zwei Knaben ein ernstes Spiel begonnen zu haben scheint. Der Herzog d´ Orleans, durch den Übermut des jungen de Guise beleidigt, stach ihn mit einem Pfeil, den er eben in der Hand hielt; der lief gleich zur Mutter, sie zur Königin-Mutter, die dem Sohn sein Tun mit sanften Worten verwies und ihn aufforderte, dem jungen de Guise nun auch zu verzeihen. Da antwortete der Herzog gerade heraus, nichts solle ihn dazu bringen, ihn nur wieder anzusehen, und nicht nur er sei ihm verhasst, sondern die ganze Familie, die das Verderben Frankreichs sei. So sah sich die Mutter genötigt, ihn vom Hofe wegzubringen; aber zu Paris hegt und entflammt sie noch die verrückte Frechheit des Pöbels. Täglich gibt’s neuen Aufruhr; das Parlament hat gar keine Macht; die bewaffnete Menge stürzt ungestraft alle seine Urteile um. Das ist die allergerechteste Vergeltung, dass sich die Frechheit nun gerade gegen das Parlament wendet, das zuerst diese Straßenaufläufe veranlasste. Die Königin-Mutter ist uns so feind wir nur möglich. De Conde schweigt. Der Admiral entschuldigte sich, er wolle lieber zu Hause weiteres abwarten, als sich offenkundig in Gefahr begeben. Da er, der Graf de la Roche-Foucauld und Beza vom Mörder des Guisen als Mitschuldige genannt wurden, so haben sie gemeinsam eine Verteidigungsschrift herausgegeben, die sofort dem königlichen Rate vorgelegt wurde. Da sie aber damit noch nicht genügend alles Bedenkliche von sich abgestreift hatten, so hat der Admiral noch eine besondere Erklärung veröffentlicht. Wir senden ein gedrucktes Exemplar. Fände sich in Zürich ein guter Übersetzer, so wäre sehr zu wünschen, dass die Schrift auf nächste Messe deutsch ins Publikum käme. Das Buch wäre gut verkäuflich, so dass der Drucker nicht den geringsten Verlust zu befürchten hätte; doch tut Eile not. Wir vertrauen die Sache deiner und deiner Kollegen Klugheit an; hältst du es für gut die Schrift erscheinen zu lassen, so findet sich wohl auch die richtige Art und Weise. In Lyon ist noch alles ganz ruhig. Die Priester halten Maß, ja schmeicheln den Unsern sogar. Sie haben erst an einem Ort eine Messe gespielt bisher, dazu an einem ungeweihten Altar, da kein geweihter vorhanden war. In Montpellier, Nimes und anderen Städten sind die Unsern noch im Besitz der Kirchen, weil niemand von der Gegenpartei sie zurückzuverlangen wagt. In der Normandie wird Le Havre-de-Grace, das die Engländer besetzt haben, belagert.

Das ists, was ich eben der frühern Botschaft beizufügen habe. Ich bitte dich und Herrn Gwalther, lasst Euch den Druck der Verteidigung [Colignys] angelegen sein, wenn die Zeit noch reicht und ein guter Drucker sich anbietet. Lebwohl, hochberühmter Mann und verehrter Bruder. Alle deine Kollegen grüße von mir und meinen Brüdern, wie auch deine Familie. Der Herr sei mit Euch; er leite Euch mit seinem Geiste und segne Euer Wirken.

Genf, 19. Juli 1563.
Dein
Johannes Calvin.

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