Calvin, Jean – An Johann von Tarnow, Kastellan von Krakau.

Calvin, Jean – An Johann von Tarnow, Kastellan von Krakau.

Nr. 585 (C. R. – 2984)

Auf Calvins ersten Brief (Nr. 479) hatte Graf Tarnow freundlich geantwortet, aber mit dem Bedenken, die Reformation möchte in Polen zur Revolution werden.

Ruhe des Staates ist nicht das höchste Ziel.

Wenn auch mein früherer Brief, hoher Herr und erlauchter Fürst, nicht die Antwort fand, die ich wünschte, weil offenbar meine Mahnung auf dich nicht ganz nach meinem Wunsche gewirkt hatte, so gibt mir doch die außerordentliche Freundlichkeit, mit der du, wie ich sehe, meine Dienstleistung aufgenommen hast, den Mut, dir wieder zu schreiben. Denn da uns Paulus, wo es gilt, die Menschen zum frommen Eifer anzuspornen, heißt, darauf dringen, auch wenn es ihnen nicht passt [2. Tim. 4, 2], so fürchte ich im Vertrauen auf einen solchen Lehrmeister nicht, meine Aufdringlichkeit könne dich ärgern und mir zum Vorwurf gemacht werden; von dieser Furcht und Sorge befreit mich vielmehr auch schon das Vertrauen, das ich in deine Gerechtigkeit setze. Ja, da das Gerücht zu uns gedrungen ist, du habest die Verteidigung der reinen evangelischen Lehre, der du anfänglich auswichest oder doch etwas kühl gegenüberstandest, jetzt mit größerer Wärme übernommen, so wage ich es umso freudiger, meine Mahnung, die das erste Mal fruchtlos zu bleiben schien, nochmals an dich zu richten. Wenn du schriebst, du glaubest, eine Änderung in den Verhältnissen des Königreichs Polen sei nicht ratsam, weil bei jeder Neuerung schwere verderbliche Unruhen auszubrechen drohten, so war es mir zwar betrüblich zu hören, dass der Sache Christi ein so guter Verteidiger wie du fehlen sollte, aber doch war mir solch ein offenes Bekenntnis lieber, als wenn du wie andere ein Interesse geheuchelt hättest, das du gar nicht hattest. Nun denke ich, du wirst zwar wohl schon anderer Meinung sein, aber mir doch in deiner Klugheit verzeihen, wenn ich mit einigen Worten deine Befürchtung als grundlos zu zerstreuen suche. Ich weiß wohl, bei deinem hohen und durchdringenden Geiste hast du eine tiefgehende Kenntnis gesammelt aus den großen Tatsachen der Geschichte; aber es ist gar nicht verwunderlich, dass selbst ein hochbegabter Mensch sich täuschen kann, wo aller menschliche Scharfsinn zunichte wird. Bei Xenophon wird ein Orakelspruch lobend erwähnt, in dem der delphische Apollo einst sagte, den Göttern müsse man dienen nach dem alten Brauche jedes Volkes, weil nichts nützlicher und ratsamer sei, als die Ruhe des Staates zu wahren; daher stammt auch das weit verbreitete Sprichwort: An Übelstände, die sich gut eingelebt haben, soll man nicht rühren. Aber welche Gefahren auch drohen, – die vergänglichen Fürstentümer der Erde dürfen uns nicht so viel wert sein, dass ihnen zu lieb der Dienst Gottes und die wahre Religion, von der unsere ewige Seligkeit abhängt, vernachlässigt blieben. Für Weltmenschen mag das ein Ziel sein, dass nur ja die Staatsruhe nicht gestört wird; wir aber stehen dazu anders; denn bei uns muss hinter der Ehre Gottes und der himmlischen Lehre mit Recht alles zurücktreten, was in der Welt hoch und köstlich ist. Dazu ist deine Befürchtung unnötig; denn alle Unruhen, die der Satan zu stiften versuchen wird, kann Christus, der König des Friedens, durch den die Könige ihr Königtum haben, leicht stillen. Bei der Verderbtheit und Bosheit, Undankbarkeit und Hartnäckigkeit der Menschen ist es ja kaum anders möglich, als dass Lärm, Zwist und Unruhe die reine evangelische Lehre begleiten; aber es ist unsere Pflicht, die Sorge dafür Gott zu überlassen, der schon Hilfe finden wird, und nichtsdestoweniger energisch unsere Pflicht zu tun; denn wir müssen seiner Vorsehung die Ehre geben, im Vertrauen, dass sie den Übelständen, die wir mit allem Fleiße nicht vermeiden können, entgegentritt. Wenn wir uns so von Gott leiten lassen, wird der Ausgang immer besser sein, als unser Verstand es meint, weil Gott in der Tat die Wahrheit dessen beweist, was von ihm im Psalm (46, 10) zu lesen steht: der Spieße zerschlägt, Schwerter zerbricht und Wagen mit Feuer verbrennt und den Kriegen steuert in aller Welt. Andrerseits bedenke, edelster Herr, dass all die Laster und Verderbnisse, die die wahre Religion entstellen ebenso viele Schändungen des Heiligsten sind, die Gott furchtbar strafen wird, und dass ihm die Klugheit ganz verhasst ist, welche die äußere Ruhe mit dem Preisgeben des Evangeliums erkaufen will. Doch da dich hoffentlich mein Brief bereits willig findet, so brauche ich darüber keine weiteren Worte mehr zu machen; auch zwingt mich mein Wechselfieber zur Kürze. Da übrigens der treffliche Diener Christi, mein verehrter Bruder, Herr Johann von Laski in Polen ist und ohne Zweifel in warmem Eifer wirkt, so überlasse ich ihm diese Aufgabe gerne, denn er gilt gewiss bei dir nach seinem Verdienste. So bitte ich denn Gott, er wolle deine Hoheit in Gnaden behüten, in jeder Weise zunehmen lassen, mit seinem Geiste lenken und mit seiner Kraft unterstützen.

Genf, 19. November 1558.

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