Calvin, Jean – An Jean Macard in Paris.

Calvin, Jean – An Jean Macard in Paris.

Nr. 556 (C. R. – 2833)

Der nach Paris gesandte Genfer Pfarrer Jean Macard gab Calvin regelmäßigen Bericht von den Vorgängen in Paris; sein letzter Brief hatte erzählt, dass einige der Gefangenen ihren Glauben abgeschworen hätten, und dass Claude d´ Espence, Doktor der Sorbonne, selbst ein freierer Katholik, der gegen den Heiligenkult predigte, doch die Entziehung des Kelches im Abendmahl damit motivierte, dass in der Schrift immer nur vom Brotbrechen, nie vom Weintrinken der Jünger die Rede sei. La Roche-Chandieu und Lemacon, genannt La Riviere, waren Kollegen Macards in Paris. Gaspard de Heu, Seigneur de Buy von Metz, war ein Vertrauter des Königs von Navarra, den er in evangelischem Sinne zu beeinflussen suchte. Guillaume Chartier war einer der evangelischen Pfarrer, die unter der Führung des Edelmannes de Villegagnon eine Koloniegründung in Brasilien versucht hatten; da dort Zwistigkeiten ausbrachen, kehrte er nach Frankreich zurück und hatte durch Macard Calvin um ein Gutachten in seinem Sinn gebeten. Weggelassen sind einige undurchsichtige Stellen über andere Personen.

Mahnungen und Ratschläge. Über allerlei Hugenotten.

Dein fleißiges Schreiben wage ich kaum zu loben, da es mir sonst schwer fällt, meine Nachlässigkeit zu entschuldigen. Doch ists wohl besser, diesen Vorwurf auf mir sitzen zu lassen, als mich um deine treue Berichterstattung zu bringen, die doch mir und allen so sehr lieb ist. Ich bitte dich also dringend, wenn ich dir auch nicht jedes Mal antworte, es doch nicht aufzugeben, durch häufige Briefe uns dein Fernsein einigermaßen weniger schwer empfinden zu lassen. Wenn ich nun meine Trägheit einen entschuldigenden Schein geben soll, so muss ich dir Sorge machen und dich betrüben. Es sind nun schon fast anderthalb Monate, dass mich ein Schmerz in der Seite befiel, der sich dann freilich durch allerlei Arzneien lindern ließ; schließlich kam er aber wieder so heftig, dass ich alle Arbeit lassen musste. Doch die Langeweile des Müßiggangs wird mich, komme, was da wolle, ehe fünf Tage um sind, nötigen, mein Amt wieder zu übernehmen. Unterdessen freue ich mich der Körperkraft, die Gott dir gibt, damit deine Geistesfreudigkeit diese unentbehrliche Begleiterin nicht entbehren muss. Nun da La Roche-Chandieu durch sein Kommen dir einen Teil deiner Last abgenommen hat, wirst du in Zukunft noch mutiger fortfahren können. Dass La Riviere von einem langsamen Fieber verzehrt wird, tut uns leid; hoffentlich bringt ihm das Frühlingswetter Heilung. Euch aus unserm Pfarrkollegium noch einen zu senden, steht, auch wenn es nützlich wäre, nicht in unsrer Macht, und unsre Brüder werden es in ihrer Einsicht entschuldigen, wenn wir ihrem Wunsche nicht nachkommen; denn wir nehmen damit nicht weniger Rücksicht auf sie als auf uns. Du kannst sie aber versichern, dass wir alle darin einig sind, dass es unser Wunsch wäre, Euch zu dienen; aber man muss eben auf das sehen, was möglich ist. Wenn du dich entschuldigst wegen ihrer Weigerung, die Kosten von Bezas Gesandtschaft zu tragen, so verstehe ich das wohl. Hätten sie es glattweg abgeschlagen, so hätte mich das weniger verletzt; schmerzlich war es mir, dass sie nicht ohne eine gewisse Wortklauberei schrieben, die Gesandtschaft sei ja zwar nicht ohne ihre Bitte unternommen worden, aber doch sei es unbillig, dass sie für die Gefangenen zahlen müssten. – –

– – Wir wissen noch nicht, welchen Erfolg nun die dritte Gesandtschaft haben wird; aber als wir merkten, dass wir verraten wurden, wäre es wirklich gewissenlos gewesen, zu zögern. Dass Ihr jemand gesandt habt, um den Fürsten über Eure Lage zu berichten, freut mich ein wenig. Wie sehr mir Euer Schreiben gefällt, kannst du daraus sehen, dass es mit dem meinen so übereinstimmt, als ob du verabredetermaßen hättest bestätigen wollen, was ich geschrieben hatte. Der König von Navarra hat mir überaus freundlich geantwortet, und obwohl ich weiß, dass meistens die Sekretäre solcher Herren nach ihrem Ermessen noch huldvoller schreiben, so konnte man hier doch an verschiedenem deutlich bemerken, dass alles vom König selbst kam. Wenn nun nur wirklich zutage träte, was de Buy in seinem Namen versprochen hat; doch ist mir die Ängstlichkeit verdächtig, die bei ihm gewöhnlich jede mannhafte Aufwallung wieder niederschlägt. Ich will zwar nicht zu früh prophezeien; aber ich fürchte, man wird bald merken, dass die stark übertrieben haben, die sich bei Euch zu lobpreisenden Herolden seiner Tüchtigkeit aufwerfen. – –

– – So weit war ich gekommen, als gegen Abend dein letzter Brief kam. Du musst verzeihen, wenn ich einige Punkte daraus nur kurz berühre, weil mich mein Schmerz in der Seite am längeren Schreiben hindert. Meinen Sekretär habe ich aber nicht mit hierher genommen, weil mir die Ärzte absolutes Nichtstun befohlen haben.

Die Armen, bei denen du auf Standhaftigkeit hofftest, und die sich nun durch ihren Leichtsinn zu schmählichem Abfall haben bringen lassen oder doch so schwach wurden, wie es sich für Christen nicht ziemte! Wäre doch jemand von Paris an den deutschen Fürstenkonvent nach Frankfurt gesandt worden! aber nun müssen eben unsere beiden Gesandten, so gut sie können, den fehlenden ersetzen. Dieser d´ Espence ist von einer wunderbaren Unverschämtheit, dass er es wagt, die frommen Brüder mit so erbärmlichen Wortklaubereien anzugreifen, deren Albernheit ja schon längst zur Genüge nachgewiesen ist. Ich möchte ihn nur fragen dürfen, ob jedes Mal, wenn in der Schrift steht, die Vornehmen hätten mit dem König Brot gegessen [2. Sam. 9, 7. 10], dies nach seiner Meinung bloß ein Hundefressen gewesen ist von bloßem Brot? Cartiers Wunsch zu erfüllen, kann ich mich kaum entschließen; vier oder fünf Monate hat er sich herumgetrieben, ohne je ein Wort fallen zu lassen, er wolle wieder [in die Kolonie] zurückkehren, und doch ging schon, als er bei uns war, das Gerücht von ihren Händeln um. Nun sendet er mir eine ausführliche Verteidigungsschrift voll dummen Zeugs; man hielte es für Phantasien eines Fiebernden. Ist das eine Art, um Rat zu fragen? Dazu weiß man nichts von der Gegenpartei. Wozu sollen wir uns also eilends dem Gespötte aussetzen? Doch forsche immerhin nach; denn wenn du es für nützlich hältst, will ich mich der Arbeit nicht entziehen.

Lebwohl, bester Bruder und treuer Knecht Christi. Der Herr sei stets mit dir; er leite und behüte dich und segne dein frommes Wirken. Amen. Grüße deine Kollegen vielmals. Von den meinen schreibe ich keine besonderen Grüße, weil dieser Brief überhaupt in ihrer aller Namen geschrieben ist. Aus dem Landhäuschen meines Bruders, wo eben er selbst, Herr de Villemongey, de Normandie und de Varennes mit mir aßen, die dich grüßen lassen.

Gegeben den 16. März, geschrieben schon am 15.

In Wahrheit der Deine
Carolus Passelius.

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