Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (523).

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (523).

Nr. 523 (C. R. – 2610)

Dringende Einladung nach Genf zur Besprechung des Religionsgesprächs.

Glaub mir nur, deine Reise zu uns wird der Kirche nicht weniger nützlich als mir persönlich angenehm sein. Denn wenn du glaubst, sie aus Gesundheitsrücksichten unterlassen zu müssen, so irrst darin meiner Meinung nach durchaus; denn nichts besseres ist zu finden zur Stärkung und Erholung als eine Reise; auch die Trauer um den Tod deines Verwandten, des Bürgermeisters Lavater, wird sie dir wenigstens einigermaßen wegnehmen oder erleichtern. Die Hauptsache aber ist, dass wir miteinander über ein Religionsgespräch mit den Deutschen reden könnten. Zwar ist die Mehrheit von ihnen, das gebe ich zu, vom der krassen Irrlehre, die wir korrigieren möchten, so eingenommen, dass wenig Hoffnung auf Besserung besteht; aber doch gibt es eine kleine Zahl von Männern milderer Gesinnung, an denen unsere Arbeit vielleicht einigen Erfolg hätte. Einer von ihnen, Martin Schalling, Pfarrer der Kirche zu Regensburg, hat mir geschrieben, ohne zwar seine Meinung zu verhehlen, aber doch mit dem Wunsch, die brüderliche Eintracht festzuhalten. Du weißt, wie toll sich sein Kollege Hahn benommen hat; Schalling aber nennt mich doch Lehrer und sucht so maßvoll wie möglich die Meinungsverschiedenheit zu entschuldigen. Solche Leute muss man gewiss freundlich behandeln, oder doch wenigstens nicht unnötig erbittern; so ist meine Antwort, obwohl ich darin sein Bekenntnis mit allem Freimut behandle, doch recht freundlich gehalten. Weil aber für die ganze Schar der Gegner nur ganz geringe Hoffnung zu hegen ist, so habe ich ein Gespräch keineswegs gewünscht, wie du zu meinen scheinst; ja ich gebe mir sogar auf alle mögliche Weise Mühe, zu bewirken, dass wir nicht dazu berufen werden; kommt es aber doch dazu, so müssen wir recht darauf sehen, dass uns nicht eine Ablehnung Schimpf und Schande zuzieht. Übrigens befürchte ich nicht, dass es ein Massengespräch gäbe; wenn Melanchthon mit ein paar andern dazukommen wollte, so wäre nichts wünschenswerter, weil er sich den Brenz und ähnliche Fanatiker nicht dazu einladen würde, sondern nur solche, die er für versöhnlich hält, damit er vor ihnen uns ohne großes Ärgernis beipflichten könnte. Wie ich diesen seinen Plan billige, so müssen wir ihn meines Erachtens auch unterstützen, soweit es angeht. Doch für den Augenblick möchte ich dich nur dazu bringen, dass du den Plan eines Besuchs in Genf nicht aufgibst. Herrn Pietro Martire und Herrn Gwalther bitte ich dringend, dich darin zu bestärken. Sie und die übrigen Kollegen grüße, bitte, aufs Herzlichste von mir, samt deinem ganzen Haus. Der Herr erhalte Euch gesund und leite Euch mit seinem Geiste.

Genf, 30. März 1557.
Dein Johannes Calvin.

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