Calvin, Jean – An Andreas von Tricez in Krakau.

Calvin, Jean – An Andreas von Tricez in Krakau.

Nr. 480 (C. R. – 2372)

Vgl. 476. Tricez war ein gelehrter, polnischer Edelmann, der im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen bewandert war und zu Krakau eine große Bibliothek hatte. Der Aufforderung, die Bibel ins Polnische zu übersetzen, ist er nicht nachgekommen.

Aufforderung, die Bibel ins Polnische zu übersetzen.

Du wunderst dich vielleicht, hochberühmter Mann, wie ich dazu komme, dir zu schreiben, ehe ich sonst wie in deine Freundschaft aufgenommen worden bin. Was daran ungewöhnlich und noch mehr meiner persönlichen Art entgegen ist, das hat mir der treffliche Francisco Lismanino abgerungen, nämlich mit dir in vertraulichen Verkehr zu treten, als ob du mir längst ein Bekannter wärest. Denn als er von deiner vorzüglichen Begabung und hohen Gelehrsamkeit sprach, fügte er bei, man ersuche dich allgemein mit Wünschen und Bitten um ein herrliches und höchst lobenswertes Werk, nämlich um eine Übersetzung der heiligen Schrift ins Polnische, du aber schiebest dies mit bescheidenem Abwehren hinaus, so dass fast allen guten, gelehrten Leuten dein Zögern schmerzlich sei. Wenn auch die Schwierigkeit dieser Aufgabe dich mit Recht unentschieden und ängstlich macht, so hast du, glaube ich, bei der großen Notlage, die du vor dir siehst, keinen genügenden Grund, dich dem Wunsche deines Volkes länger zu entziehen, noch dich mit einem Zögern aus Bescheidenheit zu entschuldigen. Du kennst das alte griechische Wort: Schwierig ist, was schön ist. Das will nicht nur die Kühnheit derer dämpfen, die etwas wagen, was über ihre Kräfte geht, sondern auch Furchtsame, die die Scheu vor ihrer Aufgabe hemmt, will es von ihrer Unentschlossenheit heilen. Die Größe des Werkes schreckt dich; wenn das nur soweit geht, dass du dir selbst misstrauend Hilfe vom Himmel erflehst, so verdient deine Furcht Lob; doch musst du dabei auch darauf sehen, dass du dein Volk nicht um einen Dienst bringst, den es mit Recht von dir fordert. Wenn die Fähigkeit, ihn zu leisten, noch manchem neben dir zu Gebote stünde, so könntest du sie ja mit den besten Gründen zur Mitwirkung an dem Werk heranziehen. Nun aber, da du dich durch eine einzigartige Befähigung auszeichnest, so bedenke, dass du dadurch von Gott auserlesen bist, damit diese Last auf deinen Schultern ruhe. Hüte dich, dass du nicht Gottes Joch abschüttelst, wenn du nicht übernimmst, was dir auferlegt ist. Obschon ich nun der Meinung war, speziell von dieser Sache mit dir reden zu müssen, so will ich doch auch unbedenklich dich ermuntern, Christo Dienste aller Art zu widmen, und ich hoffe, deine Freundlichkeit erlaubt mir das. Da du an Ort und Stelle bist, siehst du selber besser als ich, wie eifrig die Gottlosen tätig sind, ihre Tyrannei zu erhalten. Wir müssten uns der Feigheit zeihen, wenn nicht ein so hartnäckig geführter Kampf für das Böse uns wenigstens reize, es ihnen gleich zu tun im Guten, und nicht weniger energisch für die Verteidigung der Ehre Gottes, für Wiederherstellung eines reinen Gottesdienstes, für die Aufrichtung des Reiches Christi zu kämpfen. Aber vielleicht rede ich zu dir ganz unnötiger Weise davon; doch fürchte ich nicht, dass, wenn du von selbst begeistert genug bist, dir meine ermunternden Worte Verdruss erregen; denn selbst dann ist unser Streben immer weniger lebhaft, als es sein sollte, so dass Hochmut nicht am Platze ist, und je freudiger einer darauf losgeht, umso mehr ist er sich seiner Schwachheit bewusst und umso lieber lässt er sich anspornen. Lebwohl, trefflichster, von Herzen verehrter Mann. Der Herr mache dich von Tag zu Tag reicher an seinen Geistesgaben; er gebe dir Kraft und behüte dich mit seinem Schutze.

Genf, [29. Dezember] 1555.

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