Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (464).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (464).

Von den Verbannten und ihrem Anhang im Waadtland und Bern wurde Calvin in Pamphleten und Pasquillen als brudermörderischer Cain beschimpft. Joachim Westphal in Hamburg veröffentlichte gegen Calvins Verteidigung des Consensus eine Replik schärfster Art.

Von Leid und Arbeit.

Wenn ich mich auch, mein lieber Farel, der Schmach mir Recht rühmen darf, die giftige, freche Zungen auf mich häufen, da sie nichts gegen mich lästernd vorbringen dürfen, als was ich von Gott und seinen Engeln gebilligt weiß, so möchte ich doch lieber irgendwo zurückgezogen und verborgen leben, wenn dadurch vielleicht die Wut dieser Leute sich legte, die sich an meinem Dasein stets neu zu entzünden scheint. Ich rede nicht von Kleinigkeiten, die nach Verdienst zu verachten ich längst gelernt habe; aber dass diese Giganten, weil sie mich hassen, beständig den Himmel stürmen wollen, das schmerzt mich nicht ohne Grund. Doch wollen wirs tragen, da wir ja wissen, dass es nicht der Zufall fügt, wenn solche Stürme uns umherwerfen. Auch Westphal hat wieder ein grimmiges Buch gegen mich erscheinen lassen; ob ich darauf antworten soll, weiß ich nicht. Einige Freunde wünschen es; wenn ichs ganz durchgelesen habe, wird Gott mir raten. Du willst aber, als ob ich meine Bücher in einem Augenblick zeugte und zugleich gebären könnte, von mir ein paar Kommentare erscheinen sehen, zu deren Abfassung man ein langes Leben in voller Muße brauchte. Wie viel freie Zeit meinst du eigentlich, dass mir bleibe? Da sollten wirklich andere für mich eintreten! Dem Melanchthon werde ich ein scharfer Mahner sein; aber du weißt, wie langsam er ist. Lebwohl, bester, trefflichster Bruder. Der Herr sei stets mit dir; er behüte und erhalte dich. Die Brüder und Freunde lassen dich vielmals grüßen, darunter unser lieber Beza, der eben bei mir ist.

Genf, 10. Oktober 1555.
Dein
Johannes Calvin.

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