Calvin, Jean – An einige Frauen in Frankreich.

Calvin, Jean – An einige Frauen in Frankreich.

Die Adressatinnen und das genaue Datum des Briefes sind unbekannt.

Mahnung zur völligen Hingabe an Gott.

Es tut mir sehr leid, Geliebteste im Herrn, dass ich nicht recht weiß, was ich Euch jetzt Fröhliches bieten könnte. Denn ich habe alle Ursache, zu schweigen, wo mehr von mir erwartet und gefragt wird, als ich weiß und beantworten kann. Ihr habt also aus einer meiner Schriften erkannt, dass Ihr kein ruhiges Gewissen mehr haben könnt, wenn Ihr Gott nicht recht dient; aber viel schlimmer noch ist, dass Ihr feststellen müsst, jede Möglichkeit, aus Euern Banden loszukommen, sei Euch von vornherein abgeschnitten. Was soll ich dazu sagen? Dass es mich Eures Loses und Eurer Gebundenheit jammert? Doch was hat das für einen Sinn? Nun, dass ich den Herrn für Euch flehentlich bitten will, dass er Euch in Eurer Schwachheit ansehe, wie wir es stets und gegenseitig für uns alle erbitten müssen. Aber das heißt nicht, dass, wenn ich mit meinem Gebet für Euch eintrete, ich das, was Ihr selbst als ein Unrecht eingesteht, kleiner machen wollte. Ihr erwartet ja wohl nicht, dass ich Euch schmeichle, sondern wenn Ihr meinen Trost verlangt und gleich beifügt, jede Möglichkeit, dem Übel je abzuhelfen, sei Euch genommen, so gebietet mir das völlige Zurückhaltung, so dass ich nicht imstande bin, Euch irgendetwas weiteres darauf zu antworten. Ich für meine Person wollte zwar, wenn diese Eure Nöte Euch zu aufrichtigem, brünstigem Gebet zu Gott trieben, doch noch hoffen, dass Gott Euch einen Ausweg zeigte; aber wie wir auf ihn hoffen dürfen, wo alles Hoffen umsonst scheint, so müssen wir uns auch mühen, seinem Ruf zu folgen, selbst wo wir keine Mittel sehen, um ihm nicht untreu zu sein. Das ist so zu verstehen, dass wir, wo alles uns zu widerstreben und jeder Weg verschlossen und versperrt scheint, dass wir da trotzdem durch alles hindurch brechen und bei der Entschließung in einer so wichtigen Sache unsern Vorteilen und Plänen keinen Raum geben. Stünde es bei mir, Euch in irgendeiner Weise die Hand zu bieten, so sollte es nicht geschehen, dass Euch irgendeine Dienstleistung von mir zu wünschen übrig bliebe. Da ich Euch nicht anders helfen kann, so erwartet auch nicht, dass ich Euch erlassen könne, was Gott von Euch fordert. Vielmehr, wenn Eure Herzen Trost empfangen sollen, ists Eure Pflicht, dass Ihr Euch untereinander zu dem ermuntert, was Euch jetzt so ganz unmöglich scheint. Besinnt Euch darauf, wie groß das Unrecht ist, in dem Ihr noch befangen seid. Seid Ihr dann soweit, dass Ihr das recht empfindet, so bittet den Herrn um Kraft zum Streit, auch wenn Ihr kämpfen müsst bis aufs Blut. Dann prägt es Eurem Geiste ein, dass Euch nicht ein Kämpfen beschieden ist von einem Tag, wenn Ihr Euch aus den Banden des Satans losmachen wollt; vielmehr bedenkt, nicht anders ist das alles zu vollenden, als wenn Ihr einmal das verfluchte Joch, das nun noch auf Euch liegt, abschüttelt, und dann aber auch Eurer ganzes Leben hindurch in dieser heiligen, rechten Festigkeit verharrt. Denn allzu viele Beispiele hat man von solchen, die, leicht platzenden Blasen gleich, im Augenblick wieder vom Glauben abfielen. So sind auch die ganz schlecht beraten, die bloß Luftschlösser bauen. Habt Ihr es aber einmal ernstlich überlegt, dass es ebenso schwer als notwendig ist, das Beispiel der Beharrlichkeit zu geben in dem, wozu uns Gott berufen hat, und dass wir eigentlich gar nicht fähig sind, solches zu leisten, so wird Euch das dazu treiben, Euch in des Herrn Hilfe und Schutz zu begeben. Denn Ihr werdet erfahren, dass er ebenso mächtig ist, die Seinen seinen höchsten Reichtum schmecken zu lassen, als ihnen seine Erstlingsgaben zu verleihen. Und das ist das Ziel meiner Ermahnung. Der Herr sei mit Euch und helfe Euren Schwachheiten auf, die ihm nicht verborgen sind, er mehre in Euch seines Geistes Gaben, er gebe Euch Mut und Kraft zu dem, was Ihr bereits als seinen Willen kennt, und er leite und behüte Euch so mit seinem Arme, der allzeit da ist, dass Ihr unverletzt den Rachen der Wölfe, die nach Euch schnappen, entgehen könnt.

Genf 1554.

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