Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (372)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (372)

Paolo Gaddi, zeitweilig als Refugiant in Genf, dann als evangelischer Pfarrer im Veltlin lebend, hatte die Herzogin Renata von Ferrara besucht. Graf Celso di Matinengo war Prediger der italienischen Refugiantengemeinde in Genf. Über Hans Leyner vgl. 344 u. 359. Eduard VI. von England war sechzehnjährig am 6. Juli 1553 gestorben.

Von einem verlorenen Brief. Vom Tode des Königs von England.

Paolo [Gaddi], ein Italiener, ein Mann von bewährter Rechtschaffenheit, hat neulich in einem Brief an unsern Grafen Celso geschrieben, er habe für mich ein Schreiben der erlauchtesten Herzogin von Ferrara mitgebracht, das er bei dir hinterlassen habe. Weil nun kürzlich ein Brief von Herrn Gwalther kam, in dem dies gar nicht erwähnt war, und kurz vorher Hans Leyner, ein Kaufmann aus St. Gallen, auf der Durchreise sagte, du habest mir durch eine Juden geschrieben, so habe ich den Verdacht, du könntest von diesem Juden beschwindelt worden sein. Denn es ist uns kein solcher zu Gesicht gekommen, und zweifellos hat er sich dahin gewendet, wo ihm mehr Hoffnung auf Profit aufleuchtete. Falls zufällig der Brief verloren gegangen sein sollte, so möchte ich, die Herzogin würde davon unterrichtet. Deshalb habe ich, weil der [Überbringer dieses Briefes, ein] Edelmann, durch dessen Vermittlung die Herzogin seit mehreren Jahren mit dem König von Frankreich verkehrt, seine Reise über Zürich nehmen wollte, ihn gebeten, sich bei dir zu erkundigen, was aus dem Briefpaket, das Paolo bei dir hinterließ, geworden ist, um es seiner Herrin zu berichten.

Vom Tode des Königs von England sprechen mehr Nachrichten, als mir lieb ist. So trauern wir um ihn bereits als um einen Toten, oder besser für die Kirche trauern wir, die in diesem einen Haupte einen unschätzbaren Verlust erleidet. Wie sich nun die verwirrten Verhältnisse wenden werden, darauf sind wir in ängstlicher Erwartung gespannt. Dass Deutschland unterdessen an gegenseitigen Verletzungen im Innern sich verzehrt, ist mehr als schmerzlich. Aber es ist kein Wunder, dass der Herr bei so hoffnungsloser Krankheit scharfe Mittel braucht. Was bleibt uns übrig, als in beständigem Gebet ihn zu bitten, er wolle seine Kirche doch nicht zusammenbrechen lassen, vielmehr sie inmitten aller Stürme bewahren?

Lebwohl, berühmtester Mann und hochverehrter Bruder in Christo. Grüße deine Kollegen, deine Frau, deine Schwiegersöhne und Töchter höflich von mir. Der Herr halte Euch alle in seiner Hut und leite Euch mit seinem Geiste. Meine Kollegen lassen dich vielmals grüßen.

Genf, 4. August 1553.
Dein
Johannes Calvin.

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