Calvin, Jean – An Bischof Thomas Cranmer in Canterbury (353)

Calvin, Jean – An Bischof Thomas Cranmer in Canterbury (353)

Cranmer hatte den Reformatoren des Kontinents ein evangelisches Konzil vorgeschlagen (vgl. 339); da weder Melanchthon noch Bullinger darauf eingingen, schrieb er im Oktober 1552 an Calvin, er habe diesen Plan aufgegeben und wolle umso eifriger in England für die Reformation arbeiten.

Mahnung zu gründlicherer Reformation.

Da gegenwärtig nicht darauf zu hoffen ist, obwohl es sehr wünschenswert wäre, dass aus den verschiedenen Kirchen, die die reine evangelische Lehre angenommen haben, die hervorragendsten Theologen zusammenträten und nach dem reinen Gotteswort ein bestimmtes und in den einzelnen heute strittigen Punkten auch für die Nachkommen klares Bekenntnis ablegten, so muss ich den Plan, den du, ehrwürdiger Herr, gefasst hast, höchlich loben, nämlich dass England rechtzeitig die religiösen Fragen bei sich in Ordnung bringt und die Volksstimmung nicht länger durch die unsicheren und oft nicht richtig geordneten Verhältnisse in Spannung bleibt. Wie alle, die in England das Ruder führen, dabei in gemeinsamem Streben mithelfen sollten, so ist es vor allem deine besondere Aufgabe. Du siehst, was dein Rang fordert, oder besser, was Gott nach dem Amt, das er dir auferlegt hat, mir Recht von dir verlangt. Du hast die höchste Macht nicht nur erworben durch die hohe Ehrenstellung deines Amtes, sondern auch durch die allgemeine Meinung von deiner Klugheit und Redlichkeit. Auf dir ruhen die Augen der Gutgesinnten; gehst du vorwärts, so folgen sie dir; weichst du zurück, so nehmen sie es zum Vorwand, auch stehen zu bleiben. Wären sie doch vor drei Jahren schon unter deiner Führung etwas weiter vorgedrungen, so dass heute die Abschaffung krass abergläubischer Bräuche nicht mehr so viel zu tun und zu kämpfen gäbe! Zwar muss ich gestehen, seitdem in England das Evangelium ernstlich wieder aufblühte, ist in kurzer Zeit viel erreicht worden. Aber wenn du bedenkst, was noch fehlt, wie viel Zugeständnisse noch gemacht worden sind, so hast du keinen Grund, langsamer auf das Ziel loszugehen, als ob schon der größte Teil der Laufbahn zurückgelegt wäre. Da ich dich ja sozusagen eifrig am Werke sehe, brauchst du zwar eigentlich keine Mahnung, nicht nachzulassen, wie wenn schon alles getan wäre. Aber – um frei herauszureden – ich fürchte sehr, wenn man so manchen Herbst zögernd verstreichen lässt, so wird die Kälte eines dauernden Winters an seine Stelle treten. Schon dein Alter, je schwerer es wird, muss dich umso mehr anspornen, damit dir nicht dein Gewissen wegen deines Zögerns große Angst mache, wenn du bei so verworrenen Verhältnissen von der Welt scheiden musst. Ich nenne Eure Verhältnisse verworren; denn die abergläubischen Äußerlichkeiten des Kultus sind nur so beschnitten, dass unzählige Treibreiser übrig bleiben, die sich beständig mehren. Ja, ich höre, es sei von den Missbräuchen des Papsttums noch ein solcher Haufe da, dass der reine, echte Gottesdienst dadurch nicht nur verdunkelt, sondern geradezu verschüttet ist. Dabei fehlt der Lebensodem des ganzen geistlichen Standes, oder ist wenigstens nicht so stark, wie er sein sollte: nämlich die Predigt der Lehre. Eine neue Blüte der Religion ist ganz gewiss nicht zu erreichen, bis für die Gemeinden besser gesorgt ist, dass sie taugliche Pfarrer haben, die auch ernstlich ihrem Lehramt nachkommen. Dass das nicht geschieht, dafür wirkt der Satan mit geheimen Ränken. Ein offenes Hindernis ist, wie ich höre, dass die Einkünfte der Kirche dem Raub preisgegeben sind. Das ist ein unerträgliches Übel. Aber außer dieser Verschleuderung, die wirklich zu weit geht, scheints mir kein weniger schwerer Schaden, dass aus dem allgemeinen Kircheneinkommen faule Bäuche gefüttert werden, die in fremder Sprache Vespern trillern. Ich sage nicht mehr als das: wenn du diese Spielerei, die deutlich der rechten Kirchenordnung widerspricht, billigst, so ist das mehr als widersinnig. Freilich zweifle ich nicht daran, dass das dir selbst mit einem Mal in den Sinn kommt oder dir von dem besten, trefflichsten Mann, Herrn Pietro Martire Vermigli, auf dessen Rat du zu meiner großen Freude hörst, gezeigt wird; aber die vielen großen Schwierigkeiten, mit denen zu kämpfen hast, zeigen mir genügend, dass auch meine Ermahnung nicht überflüssig ist. Lebwohl, edelster, verehrter Bischof. Der Herr erhalte dich lange gesund, mache dich mehr und mehr reich durch den Geist der Klugheit und der Kraft und segne dein Wirken. Amen.

[Dez. 1552].

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