Calvin, Jean – An Bischof Thomas Cranmer in Canterbury (339)

Calvin, Jean – An Bischof Thomas Cranmer in Canterbury (339)

Cranmer schlug Calvin eine Art protestantisches Konzil vor zur Schlichtung aller noch unentschiedenen Kontroverspunkte. Andreas Osiander (vgl. 123), seit 1549 Professor in Königsberg, dessen Nichte Cranmers Gattin war, vertrat eine von der reformatorischen abweichende Ansicht über die Rechtfertigung aus dem Glauben.

Pläne zu einem evangelischen Konzil.

Sehr wahr und klug, erlauchtester Herr, ist deine Meinung, bei der gegenwärtigen Verwirrung der kirchlichen Lage gebe es kein besseres Mittel, als dass fromme, mutige und in Gottes Schule erprobte und geübte Männer zusammenkämen, ihre Übereinstimmung in der evangelischen Lehre zu bekennen. Denn wir sehen, mit wie mannigfaltigen Kunstgriffen Satan das Licht des Evangeliums, das uns durch Gottes wunderbare Güte überall aufleuchtet, auszulöschen sucht. Die käufliche Meute des Papstes hört nicht auf zu bellen, damit das reine Wort Christi kein Gehör finde. In so großer Frechheit schäumt und tobt überall die Gottlosigkeit, dass die Religionsübung handgreiflichem Spott nicht mehr fern steht. Die nicht offene Feinde der Wahrheit sind, treiben doch ihren Scherz damit in einer Ausgelassenheit, die uns in Bälde, wenn man ihr nicht entgegentritt, hässliche Verwirrung anrichten wird. Und nicht allein in der Laienwelt herrscht diese Krankheit der törichten Neugier und der ungezügelten Kühnheit des Denkens, sondern, was noch beschämender ist, auch im Pfarrerstand greift sie schon viel zu viel um sich. Mit welchen Wahngedanken Osiander sich selbst zum Spott macht und einige andere behext, ist nur allzu bekannt. Zwar könnte nun der Herr, wie er es von Anbeginn der Welt an getan hat, die Einheit des echten Glaubens vor Zerreißung durch menschlichen Zwist wunderbar und in für uns unerkennbarer Weise wahren; aber doch will er nicht, dass die, die er selbst auf den Wachtposten gestellt hat, untätig seien, da er gerade sie zu seinen Dienern bestimmt hat, durch deren Wirken er die gesunde Kirchenlehre von aller Verderbnis reinigen und unversehrt den Nachkommen übermitteln will. Für dich besonders, hochberühmter Bischof, der du auf einer höhern Warte stehst, ist es eine Notwendigkeit, dich dieser Pflicht zu widmen, wie du es tust. Ich sage das nicht deshalb, weil ich meinte, dich neu anspornen zu müssen, da du ja nicht nur von selbst vorauseilst, sondern auch andern ein williger Mahner bist, – vielmehr, um dich in deinem gesegneten, berühmten Streben durch meinen Glückwunsch zu bestärken. Denn wir hören von erfreulichen Fortschritten des Evangeliums in England. Doch wird auch dort ohne Zweifel eintreten, was schon Paulus seiner Zeit erfuhr, dass, wenn der reinen Lehre eine Tür aufgetan ist, auch gleich viele Widerwärtige da sind [1. Kor. 16, 9]. Wenn mir auch nicht verborgen ist, wie viel tüchtige Streiter Euch zur Hand sind, die Lügen Satans zu widerlegen, so lässt doch die Bosheit der Leute, die sich bemühen, Verwirrung anzurichten, den Eifer der Guten in dieser Hinsicht nie zu groß oder gar überflüssig werden. Weiter weiß ich auch, dass du nicht England allein so sehr Rechnung trägst, sondern auch zugleich für die ganze Welt Interesse hast. Auch deines gnädigsten Königs edler Charakter und noch mehr seine seltene Frömmigkeit sind mit Recht hoch zu preisen, da er dem frommen Plan solch einer Zusammenkunft seine Gunst schenkt und dazu einen Ort in seinem Königreich anbietet. Wäre es doch nur zu erreichen, dass an einem bestimmten Ort gelehrte, ernste Männer aus den wichtigsten Kirchen zusammenträten, die einzelnen Artikel des Glaubens fleißig besprächen und den Nachkommen die sichere Schriftlehre über alles Gemeinsame hinterließen! Aber es gehört zu den Hauptübelständen unserer Zeit, dass die einzelnen Kirchen so auseinander gerissen sind, dass kaum die Zusammengehörigkeit als Menschen unter uns gilt, geschweige denn die heilige Gemeinschaft der Glieder Christi, die zwar alle mit dem Munde bekennen, aber nur wenige in der Tat aufrichtig pflegen. Und wenn sich die Lehrer der Kirche untereinander kühler behandeln, als recht ist, so liegt die größte Schuld daran bei den Obrigkeiten selbst, die entweder in ihre weltlichen Geschäfte so verwickelt sind, dass sie das Wohl der Kirche und alle Frömmigkeit außer acht lassen, oder zufrieden sind, wenn sie für sich Ruhe haben und sich durch die Sorgen der andern nicht rühren lassen. So kommts, dass der Leib der Kirche mit zerstreuten Gliedern zerstümmelt daliegt. Ich persönlich wollte michs nicht verdrießen lassen, wenn man mich braucht, zehn Meere, wenns sein muss, zu durchqueren. Wenn sichs auch nur darum handelte, England allein zu helfen, so wäre das für mich schon ein genügend ausreichender Grund. Jetzt aber, da es sich handelt um eine ernstliche und ehrlich nach der heiligen Schrift abgefasste Einheitsformel aller Gelehrten, in der die entlegensten Kirchen sich zusammenfinden sollen, hielte ichs nicht für recht, irgendeiner Arbeit oder Mühe auszuweichen. Doch hoffe ich, meine geringe Bedeutung wird Grund sein, dass man mich schont. Wenn ich mit meinen Wünschen begleiten darf, was andere unternehmen, so glaube ich, meine Pflicht erfüllt zu haben. Herr Philippus [Melanchthon] wohnt zu weit entfernt, als dass darüber in kurzer Zeit Briefe hin und her gehen könnten. Herr Bullinger hat dir vielleicht schon geantwortet. Hätte ich doch eine meinem warmen Eifer entsprechende Fähigkeit in dieser Sache! Die Schwierigkeit des Unternehmens, die du wohl auch empfindest, zwingt mich nun zu tun, was ich anfänglich nicht tun wollte, nämlich dich nicht allein zu mahnen, sondern geradezu zu beschwören, fortzufahren, bis du etwas erreicht hast, wenn auch nicht alles nach Wunsch gerät. Lebwohl, hochberühmter und von Herzen verehrter Bischof. Der Herr fahre fort, dich mit seinem Geiste zu leiten und dein frommes Wirken zu segnen.

Genf, [Ende April 1552].

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