Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (334)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (334)

Nr. 334 (C. R. – 1590)

Vgl. 327 und 331. Der französische Gesandte bei den Eidgenossen, Morelet de Museau, war mit Calvin befreundet. Die Gegner Calvins in Genf stellten sich auf Bolsecs Seite.

Ärger über die Verständnislosigkeit der Zürcher.

In deinem eifrigen Bemühen, die Verfolgungswut unseres Pharao zu stillen und unsern armen Brüdern zu helfen, hast du dich als der bewährt, als den wir dich bisher kannten. Denn ich halte es zur Genüge im Gedächtnis, wie treu und energisch du dich stets dieser Sache annahmst. Freilich fürchte ich, und zwar nicht grundlos, dass mit einem Brief wenig erreicht ist; denn über einen solchen zu lächeln, ist den Höflingen nicht neu; ja, das hat mir sogar neulich der königliche Gesandte selbst ins Ohr gesagt, als er hier durchreiste. Ein Mann wäre also notwendig, wenn wir etwas erreichen wollten. Ich höre, es sei zu Baden darüber verhandelt worden; aber die Verhandlung war wohl ergebnislos. Von deinem treuen Eifer bin ich so überzeugt, dass ich es für überflüssig halte, dich auch nur mit einem Wort weiter anzuspornen.

Wäre uns nur in der andern Angelegenheit auch so genug geschehen, dass wir dir und deinen Kollegen ohne Ausnahme danken könnten. Aber weil wir nicht ohne herben Schmerz erfahren mussten, dass wir diesmal weniger Hilfe bei Euch fanden, als wir uns versprochen hatten, so will ich mich lieber offen bei dir beklagen, als den Ärger in mir behalten und so mehren. Du schreibst, Ihr hättet Euch gewundert, dass wir, da uns doch nur ein böser, frecher, windiger Geselle zu schaffen machte, über die Lehre, die bestritten wurde, Euch um Eure Meinung gefragt hätten. Da haben wir uns sehr getäuscht, denn da Bolsec uns einer unfrommen Lehre schuldig erklärte, so übertrugen wir Euch das Urteil, – um Euch zu ehren. Wieso Euch das widerwärtig sein musste, kann ich nicht sehen. Gewiss hätte es Euch schon etwas Mühe gemacht, aber ich dachte, so unangenehm werde Euch die Last doch nicht sein, die für [uns, Eure] Brüder ebensoviel Erleichterung bedeutet hätte. Du schreibst, es sei schwierig, solchen Thesen einfach beizupflichten, besonders, wenn darin manches zu finden sei, von dem der Leser denke, das hätte anders und vielleicht besser behandelt werden können. Ich habe doch nie geglaubt und glaube es auch heute noch nicht, dass Ihr zu den Leuten gehört, denen ihr Eigenes so sehr gefällt, dass sie nichts Fremdes ohne Unbehagen lesen können. Auch war es gar nicht meine Absicht gewesen, Euch eine bestimmte Formel vorzuschreiben und nun genau dazu Eure Unterschrift zu verlangen. Es wäre genug und übergenug gewesen, wenn Ihr die Lehre, die wir aus Gottes Wort entnommen haben und festhalten, durch Eure Zustimmung gebilligt hättet; darum handelte es sich ja nicht, ob wir sie auch geschickt und fein behandelt hatten. Ja, die derbe und aller Kunst bare Darstellung zeigte gerade, dass wir keinen andern Vorsatz hatten, als durch die Widerlegung der schlimmen Verleumdungen Bolsecs zu zeigen, wie wir nichts lehren, was nicht aus dem reinen Quell des Wortes Gottes geschöpft ist. Wenn ich Euch ersuchte, Ihr möchtet doch unsrer Obrigkeit so antworten, als ob Euch die Sache neu und unbekannt sei, so war dabei meines Erachtens nicht zu befürchten, es könne Euch dann jemand der Lüge zeihen. Denn was wars denn nötig, etwas zu bekennen, wonach niemand fragte? Doch machts mir nicht viel, dass es Euch anders gut schien. Dass Ihr von uns größere Mäßigung und Milde wünschtet, kommt, wie wir denken, daher, dass Ihr unserem Brief weniger Glauben schenktet, als ihm gebührte. Wäre doch Jerome Bolsec der gar nicht üble Mann, als den man ihn Euch geschildert hat! Wollte er doch, wie du an ihm bemerkt zu haben meinst, alles der Gnade Gottes zuschreiben! Dass aber ein Mensch, der in böswilliger Absicht die Ruhe der Kirche störte, der uns durch einen verderblichen Zwist zu trennen versuchte, der, ohne je durch das geringste Unrecht gereizt zu sein, uns mit Schimpf aller Art überhäufte, der uns öffentlich vorwarf, wir dichteten Gott ein Tyrannenregiment an, ja wir fabrizierten an Gottes Statt einen Jupiter wie die alten Dichter, – dass ein solcher Mensch von Euch verteidigt wird, ist geradezu widersinnig. Ob er nun wirklich alles der Gnade Gottes überlässt, kannst du daran sehen, dass er prahlt, jedem werde die gleiche Gnade angeboten, aber ihre Wirksamkeit hänge vom freien Ermessen eines jeden ab, und dass er behauptet, es würden allen ohne Unterschied fleischerne, d. h. für Gnade empfängliche Herzen gegeben, aber ob es einer annehme, hänge von seinem eigenen Entscheid ab. Hauptsächlich um seinetwillen tut es mir so sehr leid, dass unter uns nicht mehr Übereinstimmung ist. Ich war ganz starr, als ich in deinem Briefe las, meine Lehrweise [von der Prädestination] missfalle manchen guten Männern gerade so, wie sich Bolsec an der Zwinglis stoße. Ich bitte dich, was ist da für Ähnlichkeit? Zwinglis Buch [von der Vorsehung] ist doch, um mich vertraulich auszudrücken, so voll harter Paradoxien, dass es von dem Maß, das ich innehalte, sich sehr weit entfernt. Wenn du meinst, ich hätte ein neues Werk versprochen, in dem ich zeigen wolle, dass Gott nicht die Ursache der Sünde ist, so hast du mich nicht recht verstanden. Denn als der Schwindler mich mit dieser Verleumdung angriff, erwiderte ich, ich glaube in meinem bereits erschienenen Buche genügend bewiesen zu haben, wie sehr ich vor solcher Lästerung Grauen empfinde. Ich meinte damit das längst erschienene Buch gegen die Libertiner. Doch hat mich die Bosheit des windigen Gesellen genötigt, meiner Antwort an Pighio noch beizufügen, was von der Prädestination noch zu erörtern war. Scheine ich dir darin im Irrtum, so will ich mich gern von dir mahnen lassen. Weshalb ich übrigens, was mir gegeben ist, ehrlich und offen vortrage, werde ich dort reichlich erklären. Jerome Bolsec ist durch gerichtliches Urteil in ewige Verbannung getrieben worden. Dass wir eine grausamere Strafe wollten, hatten nur böse Zungen fälschlich ausgestreut, und man hat es törichter Weise geglaubt. Unser de Falais ist dem Bolsec, besonders weil er ihm eine Magd vom Krebs geheilt hat, so zugetan, dass er fast verzaubert scheinen könnte. Es wäre leicht gewesen, das Ärgernis gleich am ersten Tag von uns abzuweisen, aber auf frommer Brüder Wunsch war es unser Bestreben, auch das Gebiet Berns von dieser Pest zu reinigen. Jetzt, da die Gutachten so zweideutig ausgefallen sind, rühmt sich der windige Geselle, Ihr stimmtet seinem Irrtum zu.

Du wünschtest, ich möchte dir vom Ausgang des Abenteuers berichten. Könnte ich das nur jetzt schon leisten! Aber ich müsste mich sehr täuschen, wenn Ihr nicht bald hört, durch dieses Vorspiel sozusagen habe sich Bolsec nur den Weg gebahnt, größere Unruhen zu erregen. Verzeih übrigens, wenn ich mich aus meinem innersten Gefühl heraus recht freimütig über Eure Antwort beklagt habe. Meinerseits will ichs um unserer Freundschaft willen vergeben, dass Ihr unsere Erwartung so enttäuscht habt. Bei andern schweige ich darüber, als ob ich in jeder Beziehung zufrieden wäre.

Übrigens, da meines Bruders Schwiegervater wegen seines Sohnes, der in Zürich in Kost ist, etwas besorgt ist, muss ich dich seinetwegen noch belästigen. Ich möchte dich in seinem Namen vor allem darum bitten, den Lehrherrn des Knaben zu dir rufen zu lassen, ihn nach dessen Fortschritten zu fragen, und, wenn du dann merkst, dass Hoffen und Wünschen des Vaters von ihm betrogen wird, es mich bei erster Gelegenheit wissen zu lassen.

[Genf, Jan. 1552]

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