Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (336).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (336).

Infolge des Bolsec-Streites sprachen sich einige Waadtländer Pfarrer gegen die Prädestination aus; Ambrosius Blaurer, dessen Hilfe Calvin in dieser Sache in Bern wünscht, war seit seiner Vertreibung aus Konstanz Pfarrer in Biel.

Nachspiele des Bolsechandels. Mahnung zur Kürze in Predigt und Gebet.

Dein Brief, in dem du mich batest, das Unrecht still hinunterzuschlucken, das uns unsere Nachbarn zugefügt haben, kam zu spät. Was die Zürcher angeht, so war der Würfel schon drei Tage vorher gefallen. Zwar hätte es noch in meiner Hand gelegen, die Sache wieder gut zu machen, aber ich wollte einen bereits abgesandten Brief nicht wieder zurückfordern. An die Basler musste ich nachher notwendig schreiben. Ihr Gutachten war mir zuerst so frostig und inhaltslos erschienen, dass es mich nicht wenig verletzte; die aber dann nachher von den andern einliefen, waren so schmählich, dass ich mit den Baslern ganz ausgesöhnt war. Dass die Zürcher es von selbst merken werden, wie sehr sie gefehlt haben, darin täuschest du dich schwer. Warte eher, ob sie die Gnadenwahl nicht ganz ablehnen. Wir haben Gottes wunderbare Vorsehung schon darin erfahren dürfen, dass ich sie, ohne an diese Frage zu denken, auf unsern Consensus verpflichten konnte, so dass sie jetzt doch nicht ganz frei waren, uns zu schaden. Es hat mir jemand gesagt, sie hätten sonst den Jerome geradezu in Schutz genommen. Es fehlte wenig, dass nicht Bibliander in einem plötzlichen Wutanfall gleich gegen uns in den Kampf gezogen wäre. Jetzt soll er irgendetwas anderes schreiben. Täusche ich mich nicht sehr, so findest du in meinem Briefe nichts, was nicht recht maßvoll wäre. Es hat mir wirklich viel zu schaffen gegeben, den Schmerz, der damals in mir glühte, zu dämpfen. Was Viret den Berner gegenüber zu tun rät, hörst du von Christophe. Weil mir vor einer Reise nach Bern förmlich schaudert, habe ich keinen bestimmten Plan. Aber die Schwere des Unglücks, das uns trifft, zwingt uns, etwas zu versuchen. Jetzt ist auch nichts wieder ein Anlass zu einem neuen Trauerspiel entstanden. Der Landvogt von Ternier hat nach seiner Art wieder ein falsches, freches Geschwätz gierig aufgegriffen; nämlich Jean de St.-Andre habe in einer Predigt gesagt, die an Weihnachten das Abendmahl genommen, hätten den Teufel empfangen, nicht Christum. Es fanden sich auch Zeugen, die dies bestätigten. Satan wird mit solchen Feuerfunken nicht eher aufhören, als bis er einen entsetzlichen Brand gestiftet hat. Doch meine ich, derartige Übelstände sind nur zu beklagen, aber nicht abzustellen; ich sehe wenigstens kein Mittel dazu. Komme ich nach Bern, so fürchte ich, von den Brüdern recht unbrüderlich aufgenommen zu werden. Dann würden sich die Bösen noch frecher brüsten, die jetzt schon, da die Sache noch unentschieden ist, so übermütig jubeln. Und selbst wenn die Berner Pfarrer sich den Schein der Freundlichkeit gäben, so hoffe ich kaum, es sei von ihnen eine vertrauliche Verhandlung mit uns ohne Erlaubnis des Rats zu erreichen. Du weißt, wie furchtsam und schwach sie sind. Aber auch wenn sie sich so weit herabließen, so werden sie glauben, schon zwiefach ihre Pflicht getan zu haben, wenn sie mit einem Wörtlein zugeben, sie wollten sich über nichts beklagen. Unterdessen gibt’s dann in der Stadt großes Gerede. Wenn ich diese Gefahren bei mir überlege, so wage ichs nicht, eine Arznei für diese Krankheit zu suchen, die, indem man sucht, nur schlimmer werden könnte. Hoffst du von Blaurer einige Hilfe, so müsste man seine Mitwirkung brauchen. Damit aber nicht andere meinen, es geschehe ihnen Unrecht, wenn ich mich bei ihm beklage, so schreibe ich ihm keinen Brief. Versuch du es also oder sage du mir, was ich tun soll.

Meinerseits möchte ich dich auch in etwas mahnen. Ich höre, deine überaus langen Predigten geben vielen Leuten Grund zum Murren. Du hast uns oft gestanden, du sehest selbst darin einen Fehler, den du bessern möchtest. Jetzt aber bitte ich dich, damit nicht feinseliges Geflüster zu aufrührerischem Geschrei wird, und beschwöre ich dich, fasse dich lieber mit Gewalt kürzer, als dass du dem Satan den Anlass bötest, nach dem er trachtet. Du weißt erstlich, dass wir auch den Unweisen Schuldner sind [Römer 1, 14]; nicht, dass wir durch allzu große Nachsicht ihre Unweisheit hegen sollen, sondern, wir sollen versuchen, sie anzuziehen, indem wir ihnen etwas geben. Du weißt auch wohl, dass du mit eigensinnigen, reizbaren Leuten zu tun hast. Sicher kann ihr Überdruss nur aus zu großem Hochmut kommen; aber da uns der Herr die Kanzel besteigen heißt, nicht um uns, sondern um der Gemeinde zu predigen, so müssen wir unsere Lehrart so einrichten, dass nicht aus Langeweile Verachtung des Worts entsteht. Auch das Gebet magst du eher in die Länge ziehen, wenn du für dich betest, als wenn du es im Namen der ganzen Gemeinde sprichst. Denn du täuschest dich, wenn du den gleichen Eifer, den du hast, von allen verlangst.

Diesen Brief diktiere ich vom Bett aus. Lebwohl, bester, trefflichster Bruder. Grüße alle Freunde. Der Herr behüte Euch, leite Euch mit seinem Geiste und segne Euer Wirken.

Genf, 27. Januar 1552.
Dein
Johannes Calvin.

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