Calvin, Jean – An die Pfarrer von Zürich

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Zürich

Nr. 327 (C. R. – 1550)

Jerome Bolsec von Paris, früher Karmelitermönch, dann Arzt, ließ sich 1551 in Veigy bei Genf nieder; er erhob Einspruch gegen Calvins Prädestinationslehre und wurde deshalb am 16. Oktober verhaftet. In einem wohl von Calvin verfassten, gleich lautenden Schreiben ersuchen die Genfer Pfarrer ihre Kollegen in Zürich, Bern und Basel um Gutachten über den Fall. Lorenzo Valla, italienischer Humanist.

Von Bolsecs Angriff auf die Prädestinationslehre.

Es lebt hier ein gewisser Jerome, der, nachdem er die Mönchskutte abgeworfen, einer der herumziehenden Ärzte geworden ist, die sich durch Lug und Trug eine solche Frechheit erwerben, dass sie zu jedem Wagnis schnell bereit sind. Schon vor acht Monaten hat er versucht, in einer öffentlichen Versammlung unserer Kirche die Lehre von der Gnadenwahl Gottes, die wir nach Gottes Wort annehmen und mit Euch lehren, ins Wanken zu bringen. Damals wurde der freche Mensch mit möglichster Mäßigung zur Ruhe gebracht. Seither hat er nicht aufgehört, überall daraufhin zu arbeiten, den Einfältigen diesen Glaubenssatz zu zerstören. Neulich aber hat er mit offenem Maule sein Gift ausgespieen. Denn als nach unserm Brauch einer der Brüder das Wort im Johannes-Evangelium [8, 47] auslegte: Wer von Gott ist, der höret Gottes Wort; darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott, – und sagte, wer nicht aus dem Geiste Gottes wiedergeboren sei, der widerstrebe Gott hartnäckig bis ans Ende, weil der Gehorsam ein besonderes Geschenk Gottes sei, dessen er nur seine Erwählten würdige, da erhob sich dieser windige Geselle und sagte, diese falsche, gottlose Meinung, die Lorenzo Valla aufgebracht habe, dass Gottes Wille aller Dinge Ursache sei, sei in unserm Jahrhundert wieder aufgetaucht. Dadurch würden aber die Sünde und die Schuld an allen Bösen Gott zugeschrieben und ihm tyrannische Willkür angedichtet, wie die antiken Dichter von ihrem Jupiter fabelten. Er kam dann zu dem andern Punkt, nicht darum kämen die Menschen zur Seligkeit, weil sie erwählt seien, sondern sie würden erwählt, weil sie glaubten, und keiner werde verworfen bloß auf Gottes Beschluss hin, sondern nur die, die sich selbst der allgemeinen Erwählung entzögen. Bei Behandlung dieser Frage fuhr er mit viel groben Schimpfreden gegen uns los. Der Stadtpolizeihauptmann hieß ihn ins Gefängnis führen, als er von der Sache hörte, besonders weil er das Volk aufgehetzt hatte, es solle sich von uns nicht betrügen lassen. Die Untersuchung der Sache ist jetzt dem Rat übertragen worden; er fuhr vor diesem fort, seinen Irrtum mit ebenso großer Hartnäckigkeit als Frechheit festzuhalten. Da er sich dabei rühmte, es gebe in andern Kirchen viele Pfarrer, die auf seiner Seite stünden, so verlangten wir vom Rat, er möge über die ganze Sache kein Urteil fällen, ehe er aus einem Gutachten Eurer Kirche ersehe, dass dieser windige Gesell in unwahrer Weise Eure Meinung als Vorwand missbrauche. Anfangs fühlte er sich dadurch beschämt und meinte, er lehne das Urteil der Kirchen nicht ab, begann dann aber zu sticheln, Ihr scheinet ihm verdächtig wegen Eures freundschaftlichen Verhältnisses zu unserm Bruder Calvin. Der Rat aber beschloss, wie wir es wünschten, um Eure Meinung zu bitten. Dazu kam, dass er auch Eure Kirche in die Sache zog. Denn vor allem verdammte er Zwingli; von Bullinger log er, er sei seiner Meinung. Bei den Pfarrern des Bernbiets suchte er in schlauer Weise eine Entzweiung zu verursachen. Nun wünschen wir, unsere Kirche so von dieser Pest zu reinigen, dass sie nicht, von uns vertrieben, den Nachbarn schadet. Wie sehr es nun auch in unserm Interesse und dem der öffentlichen Ruhe liegt, dass die Lehre, die wir bekennen, durch Eure Zustimmung gebilligt wird, so haben wir doch keinen Grund, Euch in vielen Worten um treuen Beistand zu bitten. Die Institutio unseres Bruders Calvin ist Euch nicht unbekannt, gegen die dieser [Bolsec] vor allem seinen Angriff richtet. Wie ehrfürchtig und nüchtern Calvin darin von den verborgenen Ratschlüssen Gottes redet, brauchen wir nicht hervorzuheben, weil das Buch selbst es reichlich genug beweist. Auch lehren wir hier nichts, als was in Gottes heiligem Wort geoffenbart ist und auch in Eurer Kirche, seit das Licht des Evangeliums wieder erschienen ist, Geltung erlangt hat. Darüber sind wir ja einig genug, dass wir gerecht werden durch den Glauben, aber darin erscheint erst Gottes Barmherzigkeit fest begründet, dass wir den Glauben erkennen als eine Frucht dessen, dass er uns aus freier Gnade annimmt; dass er uns aber annimmt, kommt von seiner ewigen Erwählung her. Dieser Schwindler aber gibt vor, die Erwählung hänge vom Glauben ab, und der Glaube selbst stamme eben so sehr aus eigenem Antrieb als aus göttlicher Eingebung. Unstrittig ist wiederum, dass der Untergang der Menschen ihrer eignen Bosheit zuzuschreiben ist; aber in den Verworfenen, die Gott nach seinem geheimen Ratschluss übergeht und verlässt haben wir einen deutlichen Beweis unserer Niedrigkeit [gegenüber Gottes Größe]. Jerome aber erlaubt nicht, dass Gott etwas tun dürfe, dessen Grund nicht klar vor Augen liege. Schließlich ist der Punkt unter uns fest und zugegeben, dass man Gott nicht als Teilhaber an der menschlichen Sündenschuld ansehen darf, noch irgendwie das Wort Sünde mit ihm in Beziehung bringt. Das hindert aber nicht, dass er nach seinem wunderbaren und unbegreiflichen Ratschluss durch den Satan und die Verworfenen als Werkzeuge seines Zornes die Macht seines Armes erweist und bald die Seinen erzieht, bald seine Feinde straft, wie sie es verdienen. Dieser unheilige Possenreißer aber deklamiert, Gott werde in die Schuld hineingezogen, wenn wir seine Vorsehung zur entscheidenden Macht in allen Dingen machen. Schließlich hebt er jeden Unterschied zwischen der tieferen, verborgenen Ursache und der nächstliegenden auf und will die Plagen des frommen Hiob nicht als Gottes Werk gelten lassen, ohne dass Gott mit dem Teufel und den chaldäischen und sabäischen Räubern schuldig sei. [Hiob 1.]

Nun lasst Euch, wie es unsere gegenseitige Verbindung fordert, die Mühe nicht verdrießen, durch eine schriftliche Zustimmung die Lehre Christi, die durch die Schmähungen eines frechen Müßiggängers angegriffen ist, zu unterstützen und zu bestätigen. Weil wir fest darauf bauen, dass Ihr das gern und freiwillig tut, brauchen wir nicht mit ängstlichen, dringenden Bitten zu Euch zu sprechen. Wir sind unsrerseits, wenn Ihr je unsere Hilfe braucht, zu jedem brüderlichen Liebesdienste gern bereit. Lebt wohl, beste, verehrte Brüder. Der Herr leite Euch mit seinem Geiste, segne Euer Wirken und behüte Eure Kirche.

Genf, 14. November 1551.

Eure Brüder und Kollegen

 

Johannes Calvin Jean Perier
Abel Pouppin Raymond Chauvet
Jacques Bernard Nicolas Parent
Louis Treppereau Michel Cop
Louis Cugniez Jean Fabri
Nicolas des Gallars De St.-Andre
Francois Bourgoing Jean Baldin
M. Malisie Philippe de l´Eglise.

 

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