Calvin, Jean – An Eduard Seymour, Herzog von Somerset.

Calvin, Jean – An Eduard Seymour, Herzog von Somerset.

Vgl. 320. Der Edelmann, der Calvins Brief überbrachte, war wahrscheinlich de Falais´ Bruder, Francois de Bourgogne.

Über Übelstände in der anglikanischen Kirche.

Monseigneur, ich kann Ihnen nicht genug danken für die freundliche Aufnahme, die mein Bote bei Ihnen gefunden hat; nicht nur dafür, dass Sie geruhten, die Ablieferung meiner Bücher an den König selbst zu übernehmen, sondern auch für alles übrige, wodurch Sie mir auch jetzt Ihre einzigartige Gesinnung der Freundschaft zeigen konnten, wie Sie mir schon vorher Ihre Huld in genügender Weise bezeugt hatten. Wegen des Knaben, den Sie in Ihren Dienst aufgenommen haben, hätte ich mich nicht erkühnt, Ihnen zu schreiben, wenn ich nicht dächte, es sei geschickt genug zum Allerbesten, was dort von ihm erwartet wird. Aber umso mehr bin ich Ihnen verbunden dafür, da ich sehe, dass meine Empfehlung etwas genützt hat bei Ihnen. Weil aber alles, was ich zu schreiben wüsste, mager ausfiele gegenüber dem, was ich am Herzen habe, und auch dem, was Ihre Wohltaten verdienen, so will ichs lieber unterlassen, viele Worte davon zu machen. Nur bitte ich Sie, Monseigneur, mich so ganz für den Ihrigen zu halten, dass, wenn ich Ihnen gute Dienste leisten könnte, es nicht an mir läge, wenn Sie nicht in meinem Tun einen besseren Willen anerkennen müssten, als ich ihn in Worten ausdrücken kann. Ich hätte mich früher bei Ihnen entschuldigt oder bedankt – wenn Sie es als das gelten lassen wollen -, wäre es nicht dieses Edelmannes Wunsch gewesen, Ihnen meinen Brief erst jetzt bringen zu dürfen. Ich sehe darin auch ein Zeichen der Freundschaft, die Sie mir zu erweisen geruhen, dass Leute, die es von sich aus verdienten, bei Ihnen angenommen zu werden, hoffen, durch Vermittlung meiner Briefe Ihnen erst recht willkommen zu sein.

 

Doch, Monseigneur, will auch ich nicht aufhören, Ihnen ans Herz zu legen, was Ihnen schon an sich teuer und köstlich ist. Nämlich Sie möchte stets dafür sorgen und sich Mühe geben, dass Gott recht geehrt und ihm recht gedient wird, besonders, dass in der Kirche noch besser Ordnung geschaffen wird, als bis jetzt geschehen ist. Wiewohl es nicht leicht ist, dazu taugliche, geeignete Leute zu finden, so stehen doch besonders, so viel ich höre, zwei große Hindernisse im Weg, denen abzuhelfen nötig wäre. Das eine ist, dass die Einkünfte der Universitäten, die gestiftet sind zum Unterhalt der Studenten, zum Teil schlecht angewendet werden. Denn es werden von den Stipendien auch solche ernährt, die offen bekennen, dass sie Gegner des Evangeliums sind und durchaus nicht zur Hoffnung berechtigen, dass sie aufrecht halten werden, was mit so großer Mühe und Arbeit aufgebaut worden ist.

 

Das zweite Übel ist, dass die Einkünfte der Pfarreien zerstreut und verschleudert werden, so dass nichts da ist zum Unterhalt rechter Leute, die fähig wären, die Pflicht guter Hirten zu erfüllen; deshalb setzt man unwissende Priester ein, was große Verwirrung verursacht. Denn der Charakter dieser Menschen erzeugt große Verachtung für Gottes Wort, ja selbst wenn sie das höchste Ansehen der Welt genössen, so liegt ihnen gar nichts daran, ihrer Pflicht nachzukommen. Ich bitte Sie also, Monseigneur, wollen Sie die Reformation immer besser fördern und ihr dauernde Festigkeit geben, dass sie bleibt, so wenden Sie gefälligst alle Kraft an die Besserung dieser Übelstände. Ich glaube wohl, es lag nicht an Ihnen, dass die Dinge nicht gleich von Anfang an besser geordnet wurden. Da es aber sehr schwer ist, auf den ersten Schlag die Zustände so zu gestalten, wie es wünschenswert wäre, so bleibt immer noch übrig, mit der Zeit das gut Begonnene zu vervollkommnen. Es darf denen, die heute aus den Kirchengütern Nutzen ziehen, nicht leid tun, dass die Pfarrer daraus ihren genügenden Unterhalt bekommen, da doch jeder sie von seinem Gut ernähren müsste, wenn sie ihr Einkommen nicht vom Staat haben könnten. Ja, es wird sogar ihr Nutzen sein, wenn sie ihre Pflicht tun, denn sie können doch kein Glück davon haben, wenn sie das Volk Gottes um seine geistliche Weide betrügen dadurch, dass sie die Kirchen guter Pfarrer berauben. Auch im Blick auf Sie, Monseigneur, zweifle ich nicht, dass, wenn Sie treulich daran gearbeitet haben, diese Sache in Ordnung zu bringen, Gott seinen Segen über Sie sehr mehren wird. Da ich aber sicher bin, Sie seien von selbst so wohl geneigt, dass es keiner langen Ermahnung bedarf, so will ich schließen mit der Bitte zum lieben Gott, er möge Sie stets führen durch seinen Geist, Sie wachsen lassen in allem Guten und bewirken, dass sein Name immer mehr verherrlicht werde durch Sie. So, Monseigneur, empfehle ich mich untertänigst Ihrer Gewogenheit.

 

Genf, 25. Juli 1551.
Ihr sehr ergebener Diener
Johann Calvin.

Kommentare sind geschlossen.