Keßler, Johannes – Brief an Bullinger über den Tod Vadians

Keßler, Johannes – Brief an Bullinger über den Tod Vadians

Nachdem Vadian alle seine weisen Verordnungen bezüglich seines Todes getroffen hatte, wandte er sich ausschließlich zu frommer Betrachtung der hl. Schrift. Oft besuchte ich den theuren Vater, bald von ihm gerufen, bald aus freien Stücken, denn ich wußte, daß ihm meine Gegenwart nicht unlieb sei, nicht als ob er irgend meines Zuspruchs bedurft hätte, sondern weil er mit seinem frommen Sinn traulich mit mir verkehrte und damit ich seine gelehrten Reden vernehme und, so lange es mir vergönnt sei, aus seiner Gelehrsamkeit und Menschenfreundlichkeit Trost schöpfe. Fiel unser Gespräch auf irgend einen trostreichen Spruch der Schrift, so pflegte er sofort mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Blicken Gott, dem Vater Dank zu sagen für seine in Christo uns erwiesenen Wohlthaten, und er war mit sich unzufrieden, wenn er nicht alle solche Stellen der Schrift im Gedächtniß behalten hatte. Unter Anderem ließ er sich die Abschiedsreden Jesu und ebenso einige Kapitel des Briefs an die Hebräer vorlesen. Als wir dieses thaten, großer Gott, mit welchem Ernst und welcher Gelehrsamkeit sprach er über das ewiggiltige Opfer Christi! Du hättest einen Schwanengesang zu hören geglaubt, theuerster Bullinger!

Zuweilen überkam ihn auch der Aerger über den abscheulichen Greuel der Meßpriester, welche den Opfertod Christi so gotteslästerlich entweihen. So beharrte er bis zum Tod im Bekenntniß der wahren und in der Verabscheuung der falschen Religion und blieb sich selbst so ganz und gar gleich, daß man an seiner Beredtsamkeit, Gelehrsamkeit und Verstandsklarheit nichts vermißte, nur daß seine Stimme schwächer wurde. Mit einer eines Christen würdigen Gelassenheit ertrug er die Schmerzen, welche ihm namentlich die Nervenspannung zwischen den Schultern verursachte. Er begehrte für seinen brennenden Durst kaltes Wasser, was ihm von Kindheit an der liebste Trank war; da man es ihm nicht geben durfte, um nicht seine Schmerzen noch zu steigern, erquickte er die Lippen seiner dürstenden Seele in vollen Zügen aus jener Heilsquelle lebendigen Wassers, zu welcher Christus die Samariterin und lange zuvor alle Dürstenden durch den Propheten Jesaiam gewiesen hatte. Um die Wiederherstellung seiner Gesundheit machte er sich keine Sorgen, indem er gleich von Anfang seiner Krankheit an alles Irdische bei Seite legte, denn als erfahrener Arzt fühlte er wohl, daß diese Krankheit zum Tode führe; doch wies er Arzneien oder Mittel, die man ihm verordnet und gegeben hatte, nicht zurück. Und als er sich in seinen Kräften bereits ganz erschöpft fühlte, nahm er das Büchlein des Neuen Testaments, das ihm stets als Handausgabe gedient hatte, und sprach: Nimm, mein Keßler, dieses Testament, das mir mein liebster Besitz auf Erden war, zum ewigen Gedächtniß unserer Freundschaft! Und als er gegen das Ende hin zu sprechen aufhörte, bezeugte er noch mit Geberden seinen Glauben, ergriff, während ich Christum, der für uns genug gethan, anrief, mit seiner rechten meine Hand, sei es, daß er mir beistimmen oder Abschied sagen wollte, und verschied sanft in dem Herrn den 6. April, welcher der Montag nach dem Sonntag Quasimodogeniti war, zwischen zwölf und ein Uhr Mittags im Jahr 1551, im Alter von 66 Jahren vier Monaten und 6 Tagen, nachdem er neun Mal das Amtsbürgermeisteramt verwaltet. Er wurde auf dem Begräbnißplatz seiner Väter und Vorältern bestattet unter großer Wehklage seiner Vaterstadt, die wohl erkannte, wie viel sie mit diesem Vater der Vaterstadt an Zierde und Nutzen verloren habe.

Quelle:
Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformirten Kirche. Herausgegeben von Dr. J.W. Baum, Professor in Straßburg, R. Christoffel, Pfarrer in Wintersingen, Dr. K.R. Hagenbach, Professor in Basel, Dr. H. Heppe, Professor in Marburg, K. Pestalozzi, Pfarrer in Zürich, Dr. C. Schmidt, Professor in Straßburg, Lic. E. Stähelin, Pfarrer in Basel, Lic. K. Sudhoff, Pfarrer in Frankfurt a.M., u. A. Eingeleitet vpm Dr. K. R. Hagenbach. IX. (Supplement=)Theil: J. a Lasco, L. Judä, F. Lambert, W. Farel und P. Viret, J. Vadian, B. Haller, A. Blaurer Elberfeld Verlag von R. L. Friderichs 1861

 

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