Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (283).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (283).

Zu der Anspielung auf Gideon vgl. Richter 8, 1 ff.

Über die Empfindlichkeit des Mykonius.

An Mykonius will ich kurz schreiben. Ist er überhaupt versöhnlich, so wird die Entschuldigung leicht sein. Schon Beza hatte mir berichtet, er sei erzürnt, weil er nicht auch zur Teilnahme [am Consensus] berufen worden war. So haben die Törichten und Trägen stets etwas zu klagen. Indessen, wir müssen eben die Rolle Gideons spielen. So mag denn nicht nur eine Rebe Ephraims, sondern ein Beerlein von der wilden Rebe unsere ganze Weinlese übertreffen! Wenns nur den guten Geschmack nicht verdirbt! Die Zürcher haben sicher einen Fehler begangen. Ich sagte dir das neulich schon. Doch da es durchaus nicht an uns lag, dass die Basler nicht ihren Platz erhielten, und es uns heute frei steht, dies zu bekennen, so werden sie sich hoffentlich mit uns wenigstens versöhnen lassen. Ich werde mein Schreiben aber so halten, dass keine Partei sich beleidigt fühlen kann. Übrigens siehst du aus dem Brief Bullingers, den ich dir schicke, dass deine und Eures Pfarrkollegiums Unterschrift gewünscht wird. Wenn du meinst, es sei ohne Widerspruch von den Brüdern zu erlangen, so rate ich Euch, ein unterschriebenes Exemplar [nach Zürich] zu schicken. Gibt’s eine Schwierigkeit, so darfst doch du sicher dich nicht weigern, handschriftlich zu bestätigen, was du mündlich bekannt hast. Bei meinen Kollegen gibt’s kein Hindernis. Freitags kommen sie zusammen. Ich werde gleich die Zürcher mahnen, ihrerseits das Gleich zu leisten. Es ist gut, sie noch besonders aufzufordern. Wenn sie sehen, dass wir ihnen zuvorgekommen sind, werden sie, von unserm loyalen Vorgehen ermuntert, nichts verweigern. Bei Viret ist es anders. Es ist genug, wenn er in einem Privatbrief seine Zustimmung kund tut. Das kann er ohne Gefahr, verleumdet zu werden, weil die Berner Pfarrer es bereits ebenso gemacht haben.

Aus England werden traurige, aber voneinander abweichende Nachrichten verbreitet. Ich neige zur günstigeren Auffassung. Doch hat auch die Furcht ihren Nutzen, die uns zum Beten treibt. Lebwohl, bester Bruder und Freund. Der Herr Jesus behüte dich und segne dein Wirken stets. Grüße mir deinen Kollegen, der mir der liebste ist, und auch die übrigen Brüder. Alle Freunde lassen dich vielmals grüßen, besonders mein de Normandie, Cop und des Gallars, die allein ich sah, seit ich deinen Brief erhielt. Ich schreibe nämlich jetzt nach dem Nachtessen; deinen Brief bekam ich kurz vor 4 Uhr. Ich ging nicht aus, weil mich schon seit drei Tagen die Migräne furchtbar angreift. Den ganzen Samstag habe ich fastend zugebracht. Heute habe ich erst nach fünf Uhr abends etwas gegessen, weil mir das gestrige Mittagessen den Magen verdarb, dass mich das Leibweh fast umbrachte. Seit zwei Jahren hatte ich keinen so harten Kampf mit der Migräne mehr. Leb nochmals wohl, samt deiner Familie.

Genf, Montag 18. November.
Der Bote reist erst morgen.
Dein
Johannes Calvin.

Kommentare sind geschlossen.