Calvin, Jean – An Butzer in Lambeth bei London.

Calvin, Jean – An Butzer in Lambeth bei London.

Butzer hatte neben allerlei Klagen aus England kritische Bemerkungen zum Consensus geschrieben; weggelassen ist in Calvins Antwort eine theologische Erörterung über einen dieser Punkte. Der Engländer John Hooper, später Bischof von Gloucester, hatte als Zwinglianer gegen Butzer polemisiert. Der Aufhetzer zwischen England und Frankreich ist Karl V.

 

Ermunterung für den alternden Freund. Vom Consensus.

 

Dein Brief war mir, obgleich Freudiges und Trauriges darin gemischt war, doch überaus angenehm. Könnte ich doch die Traurigkeit deines Gemütes und die Sorgen, die dich, wie ich sehe, quälen, dir ein wenig erleichtern! Wir alle aber beschwören dich, reibe dich nicht nutzlos auf. Dass du vergnügt und unbekümmert wärest bei so mannigfachen und zahlreichen Ursachen zur Trauer, entspräche ja weder deinem frommen Sinn, noch wäre es gut, noch dürften wie es wünschen. Nur Mühe muss du dir geben, dass du dich, so weit es möglich ist, dem Herrn und der Kirche erhältst. Eine weite Bahn hast du zwar schon durchlaufen, doch weißt du nicht, wie viel dir noch übrig bleibt. Vielleicht bin ich, der ich kaum vom Start bin, dem Ziel schon näher. Doch in Gottes Hand liegt unseres Laufens Regel und Ziel. Um mich anzuspornen im Blick auf die Gefahren, die von mancher Seite drohen, steht so manches Sterben täglich vor meinen Augen. Wenn Euch also dort der Kampf selbst auf die Probe stellt, so haben wir hier die langsam quälenden Befürchtungen: ich hoffe freilich, die inneren Unruhen seien bei Euch gestillt, und es geht auch ein Gerücht um von einem Waffenstillstand mit Frankreich. Ließe sich doch eine Grundlage festen Friedens finden! Denn den Aufhetzer, der die beiden Königreiche hintereinander gebracht hat, sehen wir indessen ruhig lachen und auf beiderlei Weise sein Glück versuchen, nämlich den Sieger dann mit ungeschwächter Kraft anzufallen und die Besiegten ohne Gefahr und Anstrengung noch vollends zu berauben, um so über beide zu triumphieren und reiche Beute zu machen. Wenn ich aber überlege, nach welch verkehrten Maßregeln Frankreich regiert wird, so habe ich fast keine Hoffnung auf Frieden. Den bewussten dritten fürchten sie zwar mehr als genug; andere aber verachten sie voll Hochmut und hüten sich so gar nicht von seiner Schlauheit. Und gewiss straft Gott sie ganz gerecht mit solcher Blindheit für ihre furchtbare Wut gegen die Heiligen, die sich von Tag zu Tag mehrt; so lege ich es mir wenigstens aus. Wenn doch, wie in Frankreich die Gottlosigkeit neue Kraft sammelt und immer stärker wird zum Bösen, so England in gegenteiligem Bestreben nach echter Reinheit des Christentums trachtete, bis man alles nach der einzig richtigen Vorschrift Christi eingerichtet sähe!

 

Den Herrn Protektor habe ich, wie du es wolltest, zu trösten versucht nach den Erfordernissen der gegenwärtigen Lage; nun ists aber auch deine Pflicht, mit aller Macht darauf zu dringen, wenn du Gehör findest (und ich bin gewiss, du tust es), dass besonders die Zeremonien, die noch nach Aberglauben schmecken, abgeschafft werden. Ich lege das gerade dir besonders ans Herz, damit du dich von dem Verdachte reinigst, in dem du dich fälschlich bei vielen weißt, denn sie schreiben vermittelnde Maßregeln immer deiner Anregung oder Billigung auf Rechnung. Ich weiß, dieser Verdacht sitzt in manchen Herzen so fest, dass er schwer herauszureißen ist, auch wenn du nichts unterlässest. Es gibt auch solche, die dich böswillig, ohne dass ein Irrtum sie dazu verführt, verleumden. Das ist schließlich fast ein böses Geschick für dich, dem du kaum ausweichen kannst. Doch musst du dich immerhin in acht nehmen, dass nicht den Unkundigen ein Grund zum Verdacht gegeben wird, die Böswilligen aber einen Vorwand zu ihrem Lästern bekommen. Dass Hopper dir so grundlos Mühe macht, tut mir sehr leid. Wollte er doch einmal Anstand lernen! Ich verzeihe es ihm etwas leichter, weil ich glaube, bemerkt zu haben, dass er nicht so sehr von Bosheit getrieben, sondern mehr von blindem Eifer hingerissen wird. Du glaubst nicht, wie furchtbar er uns einmal heruntergerissen hat in unsrer Abwesenheit, ohne unsre Schuld, ja uns, seine Freunde. Besonders gegen Viret, der damals, ohne es zu verdienen, durch die Ungerechtigkeit gewisser Leute und die Untreue anderer fast umgebracht wurde, fuhr er los wie auf den frevelhaftesten Verräter der Kirche. Hopper würde sich gewiss auch an Milde gewöhnen, wenn er wüsste, wie schädlich die Maßlosigkeit seines allzu hitzigen Eifers und seiner übertriebenen Strenge ist. Du musst eben diese Schmähung wie manches andere Übel hinunterschlucken. Die Zürcher wird Hopper nicht für seine Sache gewinnen.

 

Darin bin ich etwas anderer Meinung als du, wenn du glaubst, unsrer Gegenpartei geschehe Unrecht [im Consensus]. Wenn du sagst, die krasse Einbildung hätten sie doch nie gehabt, Christus sei seinem Leibe nach allgegenwärtig, so besinnst du dich wohl nicht mehr an das, was unter andern Brenz geschrieben hat: Christus sei, als er in der Krippe lag, zugleich dem Leibe nach im Himmel in der Glorie gewesen. Und offen gestanden, die Lehre der Papisten war gemäßigter und nüchterner, als was Amsdorf und seinesgleichen vorbrachten, die wie weissagende Apollopriesterinnen rasten. Du weißt, wie unmenschlich Herr Philippus geplagt worden ist, weil er einiges Maß hielt. Diese Verrücktheiten brachten selbst Götzendienst mit sich. Denn wo anders zielt jenes Wort Luthers vom anbetungswürdigen Sakrament hin, als dass ein Götze aufgerichtet wird im Tempel Gottes? Doch ich wollte, das wäre alles begraben! Ich drang zwar mit allem Eifer bei unsern Nachbarn darauf, sie möchten sich der Polemik enthalten; um sie aber zufrieden zu stellen, zögerte ich auch nicht, die Irrlehren alle, denen ich durchaus nicht zustimmen konnte, zu verurteilen, aber ohne Nennung der Namen [ihrer Vertreter]. – – – –

 

– Dass die Wirkung der Sakramente und was Gott durch sie uns gibt, reicher und ausführlicher erklärt würde, als es viele zuließen, ist ein frommer und kluger Wunsch von dir. An mir lag es nicht, dass einiges im Consensus nicht vollständiger ausgedrückt ist. So wollen wir denn mit Seufzen tragen, was sich nicht bessern lässt. Das Exemplar des Schriftstücks, das mir zugesandt wurde, hast du hier beiliegend. Die zwei Kapitel, von denen du fürchtetest, sie würden nicht angenommen, wurden sehr gern eingeschaltet. Hätten die andern Bullingers Sanftmut zum Vorbild genommen, so hätte ich alles leichter erreicht, doch ists schon gut, dass wir uns auf die Wahrheit geeinigt und die Hauptsache festgehalten haben. – – –

 

Der Anfang der Einigungsverhandlungen war rein zum Verzweifeln, aber plötzlich wurde es Licht. Die Zürcher wollten erst mit andern Kirchen in Verbindung treten. Wir haben es gern zugelassen; dass Hopper anderer Meinung ist, müssen wir eben mit Gleichmut hinnehmen.

 

Farel schreibt dir ausführlich, wie du siehst. Viret wagt es nicht; du glaubst nämlich gar nicht, wie ungerecht er behandelt wird. Doch lässt er dich aufs ergebenste grüßen und bittet dich, ihn zu entschuldigen. Auch alle meine Kollegen lassen dich ehrerbietig grüßen. Von hier ist nichts Neues zu melden, als dass Zürich und Bern alle Hoffnung auf ein Bündnis mit Frankreich abgeschnitten haben. Lebwohl, du hochberühmter Mann und mir im Herrn hochverehrter Vater.

 

[Okt. 1549].

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