Calvin, Jean – An Lelio Sozzini in Zürich.

Calvin, Jean – An Lelio Sozzini in Zürich.

Lelio Sozzini von Siena (Lälius Socinus) lebte als Refugiant in Zürich; seine unitarischen Ansichten wurden erst nach seinem Tode bekannt. Pietro Martire Vermigli, italienischer Refugiant, seit 1547 in England, später Professor in Straßburg und in Zürich.

Über die Mischehe, die katholische Taufe und die Auferstehung des Fleisches.

Deinen Brief habe ich wenige Tage nach meiner Rückkehr erhalten. Seither war mir eine Erkältung recht hinderlich, und hat auch jetzt noch nicht aufgehört, mich zu belästigen. Ich kann deshalb nur kurz auf deine Fragen eingehen. Da ein Christ eine Frau nur unter der Bedingung nehmen soll, dass sie ihm eine Helferin und Genossin jeder Pflicht eines frommen Lebens sein soll, so ist eine Ehe, in der dieses Ziel auch nur ganz wenig aus dem Auge verloren wird, unzweifelhaft tadelnswert. Denn wer eine Frau nimmt, die noch im papistischen Aberglauben steckt, führt der nicht die Entweihung in sein Haus ein? Denn wenn die Frau des Mannes Leib ist, so kann sicher, wer sich mit einem Weib verbindet, das sich täglich dem verkehrten Kultus hingibt, sich nicht so weit entschuldigen, dass er nicht auch in gewissem Sinn seines teils verunreinigt wird. Ich will davon gar nicht reden, dass, wer ein solches Weib nimmt, seine Ehe mit allerlei Zauberformeln einsegnen lassen muss. Übrigens möchte ich aber ein Mädchen, das sonst recht denkt und nur aus fleischlicher Furcht noch in erheucheltem Götzendienst festgehalten wird, nicht auf die gleiche Stufe stellen mit einer Feindin der [wahren] Religion. Denn je ferner jemand von Christo ist, umso mehr müssen wir ihn scheuen. Die Person, von der du mir schreibst, trennt gewiss ein großer Unterschied von unsern erklärten Feinden.

Wer seine Kinder zur päpstlichen, von so manchem Aberglauben besudelten Taufe bringt, ist nicht ohne Schuld. Und, wenn ich nicht irre, habe ich das auch unter den Schwierigkeiten aufgezählt, die fromme Leute zur Auswanderung antreiben sollten. Freilich Melanchthon und Pietro Martire Vermigli verbieten es nicht, wenn nur, wer es tue, offen verabscheue, was mit der Einsetzung Christi im Widerspruch steht. Darin läge nichts Unsinniges, wenn nicht, wer das wagen wollte, zu sicherem Tode bereit sein müsste. Doch billige ich den Entscheid der von dir angeführten Theologen im Ganzen, wenn ich auch zu einzelnen Punkten meine Unterschrift nicht gebe. Dass ein Nachahmen der Taufe im Spiel als bloßer Hohn, was es auch ist, gelten müsste, glaube ich auch; dagegen behält die papistische Taufe, und auch tausend höhnische Possen dabei wären, ihre Wirksamkeit, insofern sie nämlich in der Absicht vollzogen wird, dass nach Christi Befehl die Kinder der Gläubigen ein Zeichen der Annahme [als Gotteskinder] erhalten. Denn ich sehe, dass die Beschneidung, auch als sie von manchem Aberglauben entstellt war, nichtsdestoweniger als Sinnbild der Gnade galt. Dein Einwand, die Taufe müsse doch in der Versammlung der Gläubigen gefeiert werden, steht der Wirksamkeit der Taufe nicht im Wege, die im Kreis der Götzendiener vollzogen wird. Denn wenn wir lehren, was dazu gehört, wenn die Taufe rein, frei von aller Besudelung sein soll, so heben wir damit doch die Einsetzung Gottes nicht auf, auch wenn die Götzendiener sie verunstalten. Und unter all der Verunstaltung der papistischen Taufe bleibt doch etwas Göttliches. Wir sprechen ja den Papisten den Namen Kirche nur so ab, dass wir doch nicht leugnen, dass gewisse Reste der Kirche auch bei ihnen bleiben. Sicher ist, dass, als Josia und Hiskia die vom Herrn Abgefallenen aus ganze Israel wieder sammelten, sie sie keineswegs zu einer zweiten Beschneidung beriefen, und selbst als der Tempel durch manche Entweihung befleckt war, verlor die Beschneidung ihren Wert nicht. Obwohl ich nun sage, dass sündigt, wer sein Kind zur papistischen Taufe bringt, so bin ich doch nicht der Meinung, diese Taufe sei überhaupt keine Taufe, weil darin doch noch ein Merkmal der göttlichen Einsetzung, freilich sonst mit vielen Flecken beschmutzt, zu Tage tritt.

Leute, die sich nicht jedes äußern Bekenntnisses zum Götzendienst enthalten, wage ich doch nicht einfach zu verdammen, auch wenn sie aus Furcht vor Gefahr ihren Glauben verhehlen. Denn da wir sehen, dass Fromme, die sich in Verfolgungszeiten verborgen hielten, doch von Gott angenommen sind, so haben wir kein Recht, mehr zu fordern. Freilich bin ich nicht derjenige, der die Angst dieser Leute entschuldigt. Vielmehr mahne ich, sie sollen auf jede Gelegenheit, ihren Glauben zu bekennen, achten, und die offene Gotteslästerung der Gottlosen nicht stillschweigend anhören, so dass es scheine, sie seien damit einverstanden. Doch wage ich nicht, ein Gesetz aufzustellen, wie weit sie darin gehen müssten. Leute dagegen, die, während Messe gelesen wird, zum Vergnügen in den Kirchen herumspazieren, verdienen, sie mögen vorwenden, was sie wollen, keine Entschuldigung. Denn außerdem, dass schon das Vergnügen, das sie an einem solchen Schauspiel finden, zeigt, wie wenig sie sich aus der Gott angetanen Schmach machen, bringen sie sich auch leichtsinnig bei vielen in den Ärgernis erregenden Verdacht, dass sie aus Verachtung eher der Religion als des Aberglaubens so handeln. Deshalb tadle ich diese Freiheit mit Recht, die sich von erheucheltem Götzendienst nicht viel unterscheidet und mehr den Weltmenschen als den Christen verrät.

Deine letzte Frage über die Auferstehung des Fleisches, die du so sehr von mir erläutert wünschest, würde mir zwar keine große Schwierigkeit machen, fordert aber mehr Zeit und genauere Bearbeitung. Denn wollte ich den Stoff eingehender erörtern, so müsste ich die sehr vielen Schriftstellen, die sich darauf beziehen, zusammenstellen und genau auslegen. Aber nicht, weil ich diese Arbeit scheue, sondern weil mir die Frage mehr eine solche der Neugier als eine nutzbringende zu sein scheint, ziehe ich vor, durch eine kurze Besprechung zu zeigen, dass ich nur an einer ganz nüchternen Behandlung Gefallen finde. Der verrückte Einwurf der Manichäer, die Auferstehung des Fleisches sei nichts wegen der Unreinheit des Fleisches, ist ja nur nebenbei zu widerlegen. Dass dir nun die Auferstehung des Fleisches unglaublich scheint, ist nicht zu verwundern. Dass du aber aus diesem Grunde annimmst, es genüge, wenn du glaubest, dass wir einmal mit neuen Leibern angetan würden, ist nicht der Schrift gemäß. Erstens widerspricht dem schon das Wort Auferstehung, besonders wenn damit verbunden wird: des Fleisches. Denn das ist die Verheißung: Derselbe, der Christum von den Toten auferwecket hat, wird auch Eure sterblichen Leiber lebendig machen, um des willen, dass sein Geist in Euch wohnet (Röm. 8, 11). An anderer Stelle: Christus wird unsern nichtigen Leib verklären, dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe (Phil. 3, 21). Unserm jetzt der Verwesung unterworfenen Leib wird hier ausdrücklich Unsterblichkeit verheißen. Ganz kühl heißts da: dies Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche [1. Kor. 15, 54]. Tertullian sagt davon: Er könnte es nicht deutlicher sagen, wenn er seine Haut schon in der Hand hielte. Der Beweis aus dem Gegensatz: Stammt von Adam die Sterblichkeit dieses Fleisches, so von Christo die Auferstehung desselben Fleisches, weil er uns wiederherstellt von unserer Verderbnis. Auch die Stelle im Ezechiel (Kap. 37) ist anzuführen, die das Vorbild der Auferstehung enthält. Gott tötet und macht wieder lebendig [1. Sam. 28]; doch nichts anderes, als was tot war! Dass die Athener lachten, als Paulus von der Auferstehung predigte [Ap.Gesch. 17, 32], daraus können wir sehen, was diese Predigt war. Gerade das Hohnlachen des gesunden Menschenverstandes ist für den Frommen eine Bestätigung. Fürchtet den, der Seele und Leib verderben mag in die Hölle [Matth. 10, 28]. Welchen Leib? Doch den, den die Tyrannen getötet haben. Auch aus dem Gebrauch der Sakramente wird die Auferstehung des Fleisches ganz richtig bewiesen. Die Taufe heiligt nicht die Seele allein, sondern auch das Fleisch. Die Teilnahme am Abendmahl ladet uns ein zur Hoffnung ewigen Lebens und vermittelt dies auch den Sinnen unseres Leibes. Dazu stimmt die Stelle im 8. Kap. des Römerbriefs, besonders wo gesprochen wird von der Erlösung des Leibes [Röm. 8, 23]. Wir tragen nun allezeit das Sterben des Herrn Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben des Herrn Jesu offenbar werde an unserm sterblichen Leibe (2. Kor. 4, 10). Tertullian sagt: Als Pfand unserer Auferstehung ist er gen Himmel gefahren. Also leugnet, dass er im Himmel ist, wer unsere Auferstehung leugnet. Wenn Gott nicht unsern Leib auferweckt, so erweckt er überhaupt die Toten nicht. Henoch und Elias, die an Leib und Seele erhalten blieben, nennt Tertullian Kandidaten der zukünftigen Unsterblichkeit. Weiter werden nicht nur die Gläubigen Tempel Gottes genannt, sondern diese Ehre wird auch ihrem Leibe zuerkannt (1. Kor. 6, 19). Ähnlich heißen sie auch Glieder Christi [1. Kor. 6, 15]. Dass nun die Tempel des Geistes und Glieder Christi ohne Hoffnung auf Wiederherstellung der Verwesung verfallen sollen, ist doch zu widersinnig. Am selben Ort erklärt Paulus zur Genüge, dass es die Leiber sind, denen Gott himmlische und ewige Glorie bestimmt hat [1. Kor. 15, 40]. Außerdem werden die Menschen geladen vor den Richterstuhl Christi, auf dass ein jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei Leibes Leben (2. Kor. 5, 10). Es würde doch nun gar nicht passen, dass uns an einem erst zukünftigen Leib die Werke, vergolten würden, zu denen unser jetziger Leib das Werkzeug war. Soll etwa Pauli Leib, durch den Gottes Name hoch gepriesen wurde (Phil. 1, 20), der Ehre beraubt und ein anderswoher zusammengesetzter Leib mit der Glorie des Märtyrertums geschmückt werden? Dazu kommt, dass Christus, in dem wir nicht nur ein lebendiges Bild, sondern auch ein Pfand unserer zukünftigen Auferstehung haben, den Leib wieder annahm, den er abgelegt hatte. Diesem Muster werden auch wir ähnlich werden müssen. Sonst würde er nicht ganz ausdrücklich, wie es geschieht, der Erstling derer, die auferstehen (1. Kor. 15, 20), genannt. Und sicher werden auch die, die jener Tag noch übrig findet, unter plötzlicher Verwandlung im selben Leibe auferstehen. Wenn du meinst, es sei dann aber doch eine andere Art Leib als der unsere, so erinnere ich dich an Pauli Wort: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden (1. Kor. 15, 51). Wenn die Verwandlung sich auf alle bezieht, so wird doch sicher gerade dieses Fleisch erneuert. Was wünschest du noch deutlicheres als diese Worte? Die Verwesliche muss anziehen das Unverwesliche (1. Kor. 15, 53). Dem widerspricht nicht, dass Paulus am selben Orte lehrt, das Fleisch werde anders sein; denn das bezieht sich nur auf seine Beschaffenheit und will nichts anderes bedeuten, als was er in anderen Worten nachher sagt: dass das Sterbliche würde verschlungen von dem Leben [2. Kor. 5, 4]. Deshalb heißt es, die Leiber der Heiligen seien auferstanden aus ihren Gräbern (Matth. 27, 52). Wie sie aus den Gräbern hervorgingen, so wird auch uns der Herr ohne Zweifel herausführen. Deshalb sagt Jesaja, als er dem Volk unter dem Bilde der Auferstehung die Wiederherstellung schildert: Wachet auf, die ihr unter der Erde liegt (Jes. 26, 19). Und ebenso Christus: Die Toten, die in den Gräbern liegen, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören (Joh. 5, 28). Das stünde nicht so da, wenn sie nicht ihren Leib wiedererhielten zur Auferstehung. Das drückt ja auch Jesaja aus mit dem Wort: Deine Toten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen [Jes. 26, 19]. Daher kommt auch der Ausdruck entschlafen, der ja keinen Sinn hätte, wenn der Leib nicht wie vom Schlafe wieder wach würde. Denn es wäre falsch, zu sagen, der in der Erde begrabene Leib schlafe, wenn er verzehrt und ein neuer geschaffen werden müsste. Ja, wenn der Leib, der uns jetzt umgibt, nicht aufersteht, war der von Anbeginn der Welt an [bestehende] Brauch des Begrabens abergläubisch, und doch ist außer allem Streit, dass er auf göttliche Anordnung sich fortgepflanzt hat, um ein Sinnbild der zukünftigen Auferstehung zu sein. Wäre die Erschaffung eines neuen Leibes zu erwarten, nicht die Wiederherstellung dessen, den wir jetzt bewohnen, so wünschte Paulus umsonst: Euer Geist ganz samt der Seele und Leib müsse behalten werden unsträflich auf die Zukunft unseres Herrn (1. Thess. 5, 23). Dahin gehört auch die andere Ermahnung: lasset uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen (2. Kor. 7, 1). Denn wenn dieses Fleisch mit der Unreinheit der Sünde befleckt wird, so muss es auch die Strafe seiner Unreinheit erdulden. Mit diesen Schriftzeugnissen beruhige ich mich so, dass den entgegen gesetzten Gedanken die Möglichkeit, meinen Glauben zu erschüttern, gar nicht gegeben ist.

Auch dir genügt das hoffentlich, wenn es deinen Geist nicht schon allzu sehr erfüllt von solchen Gedanken vorfindet, was aber jedenfalls bei deiner Frömmigkeit und Bescheidenheit nicht der Fall ist. Doch glaube ich, unsrer Freundschaft wegen dich in aller Milde mahnen zu müssen; denn neulich, als ich dich reden hörte, fürchtete ich, diese Meinung könne bei dir schon tiefer Wurzel gefasst haben, als dass du sie leicht wieder ausreißen könntest. Im Vertrauen auf deine angeborene Gewandtheit habe ich übrigens manches nur mit dem Finger anzudeuten für nötig befunden, was ich bei einem weniger scharfen und geübten Denker weiter hätte ausführen müssen. Lebwohl, trefflicher Mann und liebster Bruder im Herrn Christo. Grüße deinen Gastfreund Herrn Pellikan und die übrigen angelegentlich von mir. Der Herr Jesus sei stets mit dir und leite dich mit seinem Geiste.

[Ende Juni 1549].

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