Brenz, Johannes – Brief an Calvin, Basel d. 6. Oktober. 1548

Brenz, Johannes – Brief an Calvin, Basel d. 6. Oktober. 1548

Ich zweifle nicht, mein theuerster Calvin, daß du bereits von dem Stand der Dinge und der Veränderung in der Kirche Deutschlands vernommen hast, einer Zerrüttung, die auch mich von meiner Kirche, in der ich das Evangelium des Sohnes Gottes 25 Jahre hindurch lehrte, vertrieben hat. Ungeachtet der Befehl des Kaisers gegen mich auf Gefängniß oder Tod lautete, so hat mich doch die Gnade Gottes und die Hilfe meiner Freunde so weit geschützt, daß ich in diesen Tagen wohlbehalten bis nach Basel kam. Ich genieße zwar hier alle Bequemlichkeiten, gastfreie Aufnahme, die Annehmlichkeit der Stadt, das Wohlwollen der basler Bürger, den Umgang mit Gelehrten und, worüber ich mich am meisten freue, die Freundlichkeit der hiesigen Kirchendiener; allein wenn ich an meine zerrüttete Kirche, meine verlassene Familie, an die Gefahren denke, die auch den übrigen Kirchen und Kirchendienern drohen, so kannst du dir denken, daß all diese äußeren Ergötzlichkeiten nicht im Stande sind, in meiner inneren Anfechtung mich zu trösten. Ich zweifle daher nicht, daß du nach deiner bekannten Frömmigkeit deine Gebete mit den meinigen vereinigen wirst, daß der Sohn Gottes wiederum anfange zu beweisen, daß er zur Rechten seines Vaters sitze und seine Kirche schütze. Denn diesen Liebesdienst wollen wir uns gegenseitig nicht verweigern, und ich wünsche dir und deiner Kirche Glück, daß solche Gefahren noch nicht bis zu euch gedrungen sind, und bitte Gott, den Vater unsers Herrn Jesu Christi, daß er euch so erhalte, daß man deutlich erkenne, daß die Kirche des Sohnes Gottes nicht nur im Himmel, sondern auch auf der Erde ihre bleibende Wohnung habe.

Was Straßburg betrifft, so wirst du aus Bucers Brief wissen, was man dort hofft oder fürchtet. Noch berathet man sich, ob man das Interim annehmen oder verwerfen soll. Wittenberg und das übrige Sachsen, auch Meißen verweigern bis jetzt standhaft die Annahme desselben. Nürnberg erkennt es zwar an, doch ist dort noch Nichts geändert. Im Herzogthum Württemberg wird an einigen Orten zu einer Stunde Messe gelesen, in der andern das Evangelium Christi gepredigt. Auch ist dort noch Nichts geändert, als daß einige alte Priester Messe lesen. Die eigentlichen Kirchendiener aber werden bei den kirchlichen Funktionen den Chorrock wieder angenommen haben; auch kommen einige neue Feste zu den alten, überdies ist der öffentliche Genuß der Fleischspeisen an den gewöhnlichen Tagen bis jetzt untersagt. Sonst steht es dort noch so gut, daß die frommen Kirchendiener nicht nur nicht von ihrem amt vertrieben, sondern auch anderswo Vertriebene aufgenommen werden. Der Herr gebe, daß es dem Fürsten dieses Landes möglich sei, bei seinem Vorsatz zu bleiben und ihn durchzuführen. In einigen Reichststädten wird das Interim nicht nur eingeführt, sondern auch das Pabstthum selbst, d. h. der völlige Untergang. Unser guter Frecht wird noch gefangen mit seinen Collegen im Schloß zu Kirchheim im Würtembergischen gehalten, wohin die Spanier eine Besatzung verlegten.

Der Kaiser soll diesen Winter nach Speier zurückkehren. Welchen Schutz diese Zurückkunft den Ueberbleibseln der Kirche bringen soll, wird die Zeit lehren. Vielleicht soll bei diesem Geschäft auch das dieser Tage zu Speier wieder aufgerichtete Reichskammergericht eine Rolle spielen. Du siehst, daß für uns keine Hoffnung ist, als vom Himmel her. Wohlan denn, mein theuerster Calvin, so steige mit uns in deinen Gebeten zum Himmel empor, daß wir den Sohn Gottes vermögen, die Trümmer seiner Kirche zu schützen. Leb wohl. Geschrieben aus Basel. Das Uebrige hat Renatus beigesetzt, der mir ein so angenehmer Begleiter von Straßburg bis nach Basel war.

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