Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (234)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (234)

 

Bullinger hatte dem Sohn des frühern Zürcher Bürgermeisters Röyst, der in Genf einen Lehrherrn suchte, einen Empfehlungsbrief an Calvin mitgegeben, schon vor dessen Reise nach Zürich. In Bern waren jetzt als Pfarrer Jodocus Kilchmeyer, Hans Haller und Eberhard Rumlang.

 

Über die Sakramente. Beschwerde über die Berner Pfarrer. Bedrängnis der Kirche von innen und außen.

 

Dein Brief wurde mir erst acht Tage nach meiner Heimkehr übergeben, und zwar brachte ihn nicht Röyst selbst, sondern Roset. Da er ohne unsere Hilfe einen Meister gefunden hat, lag ihm wohl weniger daran, die Empfehlungsbriefe abzugeben. Doch haben wir ihm beide unsere Dienste bereitwillig angetragen. Was nun dein Büchlein angeht, dessen du Erwähnung tust, mein lieber Bullinger, – ach wäre es doch, als wir in Zürich waren, dir und deinen Kollegen nicht zuwider gewesen, mit uns ruhig über die ganze Sakramentsfrage zu reden! Ich war ja durchaus nicht gekommen in der Stimmung zu einer theatralischen Disputation, die mir nicht weniger als Euch missfiele, von Farel ganz zu schweigen, dessen Abneigung gegen alles derartige Gepränge Ihr ja wohl selbst kennt. Sondern wir wünschten, vertraulich, ohne alle Streitsucht, das mit Euch zu besprechen, worüber wir nicht ganz einig sind. Das wäre gewiss das beste Vorgehen unter Brüdern und wenn ich mich nicht sehr täusche, hätten wir es als fruchtbringend erfahren dürfen.

 

Denn im Allgemeinen ist unsere Sakramentslehre so, dass wir weder die Gnade Gottes an die Sakramente binden, noch auf sie die Wirksamkeit und Kraft des heiligen Geistes übertragen, noch unsere Heilszuversicht auf sie setzen. Denn wir bekennen ausdrücklich, dass Gott allein es ist, der durch die Sakramente handelt, und lassen ihre gesamte Wirksamkeit dem heiligen Geist zukommen und bezeugen, dass dieses Wirken nur an den Erwählten sichtbar ist. Auch lehren wir: nicht anders nützen die Sakramente etwas, als wenn sie uns zu Christo hinleiten, so dass wir in ihm alle Heilsgüter suchen. Ich sehe wirklich nicht, was Ihr mit Recht noch mehr von dieser Lehre verlangen könnt, die aussagt, von Christo allein sei das Heil zu erlangen, die Gott allein zum Urheber des Heils macht und erklärt, dass es allein durch ein geheimes Wirken des Geistes erfasst werden könne. Aber, wendet Ihr ein, wir lehren, die Sakramente seien Werkzeuge der Gnade Gottes. Allerdings, sagen wir, da sie zu bestimmtem Zweck gestiftet sind, so darf doch wohl ihr richtiger Gebrauch nicht wirkungslos sein. So sagen wir, was darin dargestellt wird, wird für die Erwählten auch gewirkt, damit man nicht glaube, Gott spiegle dem Auge ein trügerisches Schauspiel vor. So sagen wir, wer die Taufe in wahrem Glauben empfängt, bekommt von ihr auch Vergebung der Sünden. Doch fügen wir gleich zur Erkältung bei, diese Vergebung stamme von Christi Blut, damit niemand in der Taufe den Grund seiner Seligkeit sehe. So wird sie auch nicht anders durch die Taufe gewirkt, als dass diese ein Zeugnis ist für die Reinigung, die Gottes Sohn durch sein am Kreuz vergossenes Blut uns hat zu teil werden lassen, und die er uns im Glauben an sein Evangelium zum Genuss anbietet und durch seinen Geist an unserm Herzen vollzieht. Ebenso denken wir von der Erneuerung des Lebens. Im Abendmahl, wenn uns da die Zeichen des Fleisches und Blutes Christi dargereicht werden, so werden sie uns, sagen wir, nicht umsonst angeboten, ohne dass auch die Sache selbst für uns bestünde. Daraus folgt, dass wir Christi Leib essen und sein Blut trinken. Mit diesen Worten machen wir aber weder aus dem Zeichen die Sache selbst, noch vermengen wir beides zu einem, noch sehen wir im Brot Christi Leib, noch bilden wir uns ein, dieser Leib sei überall vorhanden, noch faseln wir von einem fleischlichen Übergehen Christi in uns, noch stellen wir irgendeine andere derartige Erfindung auf. Ihr sagt, Christus sei im Himmel nach seiner menschlichen Natur. Das bekennen auch wir. Im Himmel, das bedeutet für Euch eine Entfernung im Raum. Auch das nehmen wir gerne an: Christus ist durch einen weiten Raum von uns getrennt. Ihr sagt, der Leib Christi sei nicht allgegenwärtig, sondern in einem bestimmten räumlichen Umkreis enthalten. Wir stimmen Euch bei, ja wahrhaftig bezeugen wir auch das öffentlich. Ihr sagt, man dürfe Zeichen und Sache nicht vermischen. Wir mahnen, man müsse eifrig eines vom andern auseinander halten. Ihr verurteilt die Brotwerdung scharf. Wir unterschreiben auch das. Was ist also der Hauptpunkt unserer Ansicht? Während wir hier auf Erden Brot und Wein sehen, steigt unser Geist gen Himmel und genießt Christum. Und so ist Christus uns gegenwärtig, wenn wir ihn über den Dingen dieser Welt suchen. Wir dürfen nicht Christum des Betrugs beschuldigen; und das geschähe, wenn wir nicht spürten, dass uns mit dem Zeichen etwas Wirkliches zuteil würde. Auch Ihr gebt ja zu, es sei durchaus kein leeres Zeichen. Es erübrigt nur noch, festzustellen, was sein Inhalt ist. Wenn wir in Kürze antworten: wir werden teilhaft des Fleisches und Blutes Christi, so dass er in uns wohnt und wir in ihm, und so genießen wir alle seine Heilsgüter, – was ist da, ich bitte dich, in diesen Worten unsinnig oder dunkel? Besonders da wir in deutlichen Worten allen Wahn ausschließen, der einem in den Sinn kommen könnte. Und doch tadelt man uns, als ob wir von der einfachen, rein evangelischen Lehre abgewichen wären. Ich möchte doch wissen, was die einfache Lehre ist, zu der man uns zurückbringen müsste. Als ich neulich bei Euch war, drängte ich Euch, es mir zu sagen; du wirst dich, denke ich, erinnern, dass ich keine Antwort erhielt. Ich sage das nicht, um Vorwürfe zu machen, sondern um zu bezeugen, dass wir ohne Grund einigen guten Leuten verdächtig sind. Ja ich habe auch gemerkt, dass man uns die Gemeinschaft, die wir mit Butzer halten, zur Last legt. Aber ich bitte dich, lieber Bullinger, mit welchem Recht sollten wir uns von Butzer fernhalten, wenn er unser Bekenntnis, so wie ich es vorhin aufstellte, unterschreibt. Ich will jetzt nicht die seltenen und vielen Tugenden preisen, durch die Butzer sich auszeichnet. Nur soviel will ich sagen: ich täte der Kirche Gottes schweres Unrecht, wollte ich ihn hassen oder verachten; ganz zu schweigen von seinem Verdienst um mich persönlich. Aber doch liebe und verehre ich ihn so, dass ich ihn, so oft ich es für nötig hielt, freimütig mahnte. Wie viel gerechter ist doch seine Klage über Euch zu erachten! Denn er hat sich einmal beklagt, dass Ihr den jungen Zürchern, die in Straßburg lebten, verboten hättet, in der dortigen Kirche zum heiligen Abendmahl zu gehen, obwohl man von ihnen kein anderes Bekenntnis als das Eure verlangte. Ich sehe wahrhaftig dabei nicht ein, warum man die Kirchen so auseinander reißt. Was gibt’s denn für einen Grund, dass fromme Leute uns zürnen könnten, wenn wir Freundschaft halten mit einem Mann, der versichert, es liege durchaus nicht an ihm, dass er nicht auch Euer Freund und Bruder sei? Aber da das der Punkt ist, um den sich alles dreht, so zeigt mir doch, wenn Ihr könnt, dass mich Butzer notwendig daran hindere, frei meine Meinung zu bekennen. Es scheint vielleicht so, aber ich rufe die Wirklichkeit selbst zum Zeugen auf. Wir wollen deshalb doch nicht so argwöhnisch sein, wo es nicht am Platz ist!

 

Übrigens, als ich nach Lausanne kam, riet ich den Brüdern, sie sollten sobald als möglich zu Haller senden, denn ich hoffe, bei ihm werde man alles erreichen, was billig sei. Und zwar hat Haller jetzt auch die Hoffnung, die ich ihnen von ihm machte, nicht getäuscht; aber Jodocus und ein gewisser Eberhard (ich weiß nicht, was das für ein ungeschlachter Geselle ist!) haben die Gesandten so grob angefahren, dass sie sich gleich wieder davon machen mussten. Der Grund solchen Zorns war meine Reise nach Zürich gewesen. Als ob es mir nicht erlaubt wäre, mich von der Gefahr unsrer Nachbarkirche bewegen zu lassen und bei Brüdern nach einer richtigen Abhilfe zu fragen. –

 

Jodocus sagte drohend, er wisse wohl, was ich bei Euch getan habe. Aber ich darf mich wohl rühmen, nichts getan zu haben, was meines Glaubens nicht würdig wäre. Doch was soll ich Euch das freche Geschimpf der beiden alles berichten! So hört nur die Hauptsache: die beiden hingesandten Brüder, gelehrte, ernste und beherzte Leute, waren so erschrocken darüber, dass sie glaubten, gleich abreisen zu müssen. Das ist schöne, brüderliche Milde! Ein paar Worte, aus denen du Anfang und Schluss ersehen kannst, lohnen doch die Mühe des Berichts. Beim ersten Zusammentreffen statt eines Grußes: „Wer hat diese bösen Geschichten begonnen?“ Sie antworteten, sie wüssten, es sei von Zebedee ausgegangen. Da rief Eberhard: „Ja, der gute Mann wird von Euch schmählich verlästert, weil er Eure Ränke aufgedeckt hat!“ Die Brüder baten, er möge ihnen sagen, was er mit diesen Ränken meine. Drauf er: „Wir haben die Berner Disputation, nach der wir Euch und Eure Sachen beurteilen!“ Ich beschwöre dich, lieber Bullinger, wenn man so handeln will, was hats uns dann genützt, dass wir des Papstes Joch abwarfen? Vernimm auch, wie geschickt Jodocus fragte. Wer mich nach Lausanne gerufen, dort zu predigen? Schließlich, damit der Schluss dem Anfang entspreche, hießen sie die Brüder heimgehen und sich davonmachen mit ihrem Calvinismus und Butzeranismus! Und das alles wütend grob und mit verrücktem Geschrei! Was könnte man von Papisten Härteres, Grimmigeres erwarten? Wenn wir solche maßlose Raserei einfach geduldig hinnehmen, so wird doch Gott sie nicht ungestraft lassen. – In Paris und in vielen Gebieten Frankreichs ist die Wut der Gottlosen von neuem entbrannt. Der König fährt in seinem Wüten fort. So erfüllt sich das Wort: Außen Krieg, innen Furcht. Freilich will uns Jodocus nicht bloß Furcht machen, sondern erklärt uns auch offenen Krieg. Uns sollte doch schon unsere geringe Zahl zur Vereinigung antreiben. Lebwohl, hochberühmter Mann und verehrter Bruder, samt deinen Kollegen, die ich alle angelegentlich grüßen lasse. Auch deiner Frau und deinem ganzen Haus viele Grüße. Der Herr Jesus behüte und leite Euch alle. Amen. Von der Lage der Konstanzer wird nichts Gutes gemeldet. Der Herr erbarme sich ihrer und reiße sie aus den Klauen des Löwen.

 

Genf, 26. Juni 1548.
Dein
Johannes Calvin.

 

Diesen Brief verhehle lieber bei Euch, wenns dir gut scheint, damit er nicht zu Bern noch einen größern Brand entzünde. Denn es ist wunderbar, wie wenig manche Leute bei sich behalten können.

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