Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (226)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (226)

 

Vgl. 188 und 224. Eine eidgenössische Gesandtschaft war Ende 1547 von Heinrich II. zur Taufe seiner Tochter nach Paris geladen worden.

Beteuerung seiner Aufrichtigkeit.

Was mich abhielt, dir rascher zu antworten, darauf weiß ich kaum etwas anderes, als dass sich mir bis jetzt kein zuverlässiger Bote antrug, der mich zum Schreibfleiß angetrieben hätte. Nun aber, da ich höre, es sei ein Gesandter von Zürich hier, möchte ich nicht verschulden, dass er ohne einen Brief von mir abreiste.

Die lange Antwort, in der du alles, woran ich dich erinnert hatte, sorgfältig zu widerlegen suchst, will ich mit Stillschweigen übergehen. Denn was nützt es, dass wir miteinander streiten? Ich hatte zu deinem Buch bemerkt, was mir nicht gefiel, oder andern missfallen könnte, oder wovon ich glaubte, es werde nicht die Billigung frommer, gelehrter Leute finden. Ich tat es auf deinen Wunsch. Ich erfüllte damit eine Freundespflicht. Wenn du anders denkst, so steht dir da meinethalben frei. Es wäre zwar nicht das letzte, was ich mir wünschte, dass wir ganz übereinstimmten. Aber obwohl wir nun eine innigere Gemeinschaft mit Christo im Sakrament, als du sie in deinen Worten ausdrückst, feste Überzeugung ist, so wollen wir doch deswegen nicht aufhören, denselben Christum zu haben und in ihm eins zu sein. Vielleicht wird es uns doch einmal gegeben, uns zu vollständigerer Übereinstimmung zusammenzufinden. Ich habe stets die Einfachheit geliebt und an Spitzfindigkeiten habe ich keine Freude. Das Lob der Klarheit spenden mir selbst solche, die allen Andern Dunkelheit vorwerfen. So kann mir auch niemand unredliche Schlauheit vorwerfen, da ich nichts um der Menschen willen schlau bemäntle. Meine Lehrweise ist zu einfach, als dass sie bösen Verdacht zuließe, und wieder zu ausführlich, als dass man sie dunkel schelten könnte. Wenn ich andere doch nicht recht zufrieden stelle, so muss man mir das verzeihen, weil ich in guten Treuen und in ehrlichem Eifer bemüht bin, zum Ausdruck zu bringen, was mir gegeben ist. Ich habe mich deshalb neulich, als ich in Basel war, gewundert, von einem Freund zu hören, du habest dich beklagt, ich lehre in meinen Kommentaren anders, als ich Euch versprochen habe. Ich antwortete in einem Wort, was die Wahrheit ist, nämlich, dass ich in Zürich nicht anders rede als in Genf. Freilich möchte ich lieber diese ganze Geschichte, wie sie auch sein mag, einem Irrtum des Berichterstatters zuschreiben. Ich bin, als es gefährlich für mich war, meine Ansicht bestimmt zu bekennen, so wenig vom rechten Weg abgewichen, dass ich durch mein freimütiges und standhaftes Aussprechen der innersten Herzensüberzeugung sogar die Allerschroffsten zu einiger Mäßigung brachte. Warum sollte ich nun ohne Not meine Vorsätze, mein Prinzip und meine Gesinnung ändern? Wenn ich davon die Menschen nicht ganz überzeugen kann, so genügt es mir, dass Gott der Zeuge meines Bekenntnisses ist.

Über die Verhältnisse in Frankreich wird Euer Gesandter mehr und besser berichten können, als ich es in einem Brief tun könnte. Wären sie doch so, wie du es gerne hörtest! Aber jeden Tag kommen nur Trauerbotschaften. Wenn [Euer Gesandter] auch die Weisung hatte, alle papistische Befleckung zu vermeiden, so hat er doch sicher eine hässliche Entweihung der heiligen Taufe ansehen müssen. Lebwohl, vortrefflicher Mann und hochverehrter Bruder im Herrn. Grüße die Herren Pellikan, Bibliander, Gwalther und auch die übrigen Kollegen und die Schulmeister angelegentlich von mir. Der Herr Jesus leite Euch mit seinem Geist, segne Euer frommes Wirken und erhalte Euch gesund.

Genf, 1. März 1548.
Auch meine Kollegen lassen Euch alle ehrerbietig grüßen.
Dein
Johannes Calvin.
Auch deiner Frau und deinem ganzen Haus viele Grüße.

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