Melanchthon, Philipp – An die Frau des Hieronymus Baumgärtners, Senators zu Nürnberg.

Melanchthon, Philipp – An die Frau des Hieronymus Baumgärtners, Senators zu Nürnberg.

9. Juli 1544

(Als Hieronymus Baumgartner 1544 vom Reichstag zu Speyer zurückkehrte, wurde er vom Ritter Albrecht von Rosenberg zu Boxberg gefangen genommen. Erst nach 14 Monaten wurde er gegen ein Lösegeld freigelassen.)

Gottes Gnade und Trost durch seinen einigen geborenen Sohn Jesum Christum unsern Heiland zuvor. Ehrbare, tugendsame Frau! Ich und viele andere haben ein treulich Mitleiden, daß euer allerliebster Herr auf der Straße weggefahet ist; wollen auch nicht unterlassen, bei Gott fleißig mit dem Gebet anzuhalten, daß Gott euern Herrn erhalten und wiederum zu euch frölich bringen wolle. Wir bitten auch Gott, daß er euch in dieser großen Betrübniß nicht wolle versinken lassen, sondern euch durch seinen h. Geist Trost und Stärke geben, wie er vielmal zugesagt hat, daß er ein solcher Gott sei, der bei den Betrübten wohnen wolle, wie ich selbst auch an etlichen nicht geringen Betrübnissen erfahren habe, und wollet euch fürnehmlich mit diesen drei Artikeln trösten: erstens, daß ganz gewiß ist, wie unser Heiland Christus versprochen hat, daß alle unsere Haare von Gott gezählet sind, das ist, daß Gott auf uns siehet und uns bewahrt, ob wir gleich in Fährlichkeit sind. Darum wie er Daniel unter den Löwen behütet hat, also wird er auch euern Herrn unter den Räubern, die ihn weggeführt, trösten und bewahren. Zum andern, daß dieses auch gewißlich wahr ist, daß die göttliche Majestät zugesagt und sich verpflichtet hat, daß sie bei den Geängstigten sein und wohnen wolle, die ihn doch anrufen; wie in dem Propheten Esaja zum 57. Cap. geschrieben ist. Darum sollt ihr auch nicht zweifeln, der ewige Gott ist bei euern Herrn und bei euch, und wird euch beide stärken und erretten aus dieser großen Betrübniß. Zum dritten, so ist gewiß, daß der ewige Gott will, daß wir ihn mit Anrufen erkennen sollen, und daß er also seine Gegenwärtigkeit erzeigen will mit Gaben, die wir bitten wie er gesprochen: rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten, daß du mich preisest. Darum sollt ihr nicht zweifeln, Gott wird euer und vieler Christen Gebet erhören, die für euern Herrn bitten, daß er wiederum fröhlich zu euch komme. Das wolle der ewige Gott, Vater unsers Heilandes Jesu Christi, gnädiglich zu seinem Lobe wirken, und euern Herrn und euch allezeit trösten und bewahren. Amen.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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