Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (88).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (88).

Ami Poral, Freund und eifriger Anhänger Calvins, war mehrfach Syndic gewesen und hatte bei der politischen Befreiung Genfs vom Bischof eine bedeutende Rolle gespielt.

Vom Tode Syndic Porals.

Wenn ich doch im gleichen Maß zur Verachtung dieses Lebens und zum Denken an ein frommes Sterben erzogen würde, wie mir dies Jahr Trauer bringt durch den Tod vieler frommer Männer! Poral, der erste Syndic der Stadt, ist zum Herrn eingegangen. Sein Tod war uns natürlich betrübend und herb. Und wenn auch der Anblick solchen Sterbens mir einigen Trost geboten hat, so hat er doch andrerseits meinen Schmerz vermehrt, wenn ich bedenke, wie viel wir an diesem Manne verloren haben. Am Tag nachdem er krank geworden, als ich und Viret bei ihm waren, erklärte er uns, es gehe um sein Leben; denn die Krankheit, an der er leide, sei von jeher todbringend in seiner Familie. Wir hatten darauf ein langes Gespräch von verschiedenen Dingen; er redete ganz so, als ob er gesund und kräftig wäre. In den zwei folgenden Tagen litt er schwerer, aber doch so, dass er in Gedanken und Gewandtheit des Ausdrucks eher lebendiger war als sonst in seinem ganzen Leben. Wer immer ihn zu besuchen kam, hörte irgendeine treffliche Ermahnung, und du darfst nicht etwa glauben, es sei eitle Geschwätzigkeit gewesen, sondern es war, so weit wie möglich, jedem Einzelnen trefflich angepasst, was ihm zukam und nützen konnte. Es fing dann an ein wenig besser zu gehen, so dass die beste Hoffnung war, er werde in Bälde wieder hergestellt sein. Drei Tage dauerte dieser Zustand, dann begann die Krankheit wieder schlimmer zu werden, so dass man sah, dass größte Gefahr war. Je schwächer er aber am Leibe wurde, umso lebhafter wurde sein Geist. Ich will schweigen von dieser weniger auffallenden Zeit. An seinem Todestag ungefähr um neun Uhr vormittags kamen ich und Viret zu ihm. Als ich wenige Worte sprach vom Kreuz, von der Gnade Christi und der Hoffnung des ewigen Lebens, (denn wir wollten ihn nicht mit langen Reden ermüden), da entgegnete er, wie es sich ziemte, er nehme die Botschaft als von Gott an, denn er wisse wohl, welche Kraft der christliche Dienst am Wort habe, die Seelen der Gläubigen zu stärken. Darauf sprach er so großartig vom Dienst am Wort und seinem ganzen Wert, dass uns beide ein Staunen erfasste, und so oft ich daran denke, muss ich wieder staunen. Denn er sprach, als ob er eine von unsereinem lang und fleißig ausgearbeitete Predigt vortrüge. Er schloss diesen Teil seiner Rede damit, dass er sagte, er nehme die Vergebung der Sünden, die wir ihm im Auftrag Christi versprächen, ganz so an, als ob ihm ein Engel vom Himmel erschienen wäre. Dann ging er über zur Einigkeit unserer Kirche, die er in wunderbaren Lobsprüchen pries. Er bezeugte, keinen bessern und festern Trost habe er in seinem Todeskampf, als dass er selbst in dieser Einigkeit ganz fest geworden sei. Er hatte nämlich kurz vorher unsere Kollegen zu sich rufen lassen und sich mit ihnen versöhnt, damit nicht, wenn er im Zwiespalt mit ihnen bliebe, andere sein Beispiel missbrauchten. Uns aber sagte er: da die öffentliche Erbauung der Kirche Euch nötigt, sie als Eure Brüder zu dulden, warum sollte ich nicht aus dem gleichen Grunde sie als Pfarrer anerkennen? Doch hat er sie auch ernstlich ermahnt und sie daran erinnert, wie sie gesündigt hätten. Doch ich will auf seine letzte Rede zurückkommen. Er wandte sich zu dem Umstehenden und ermahnte sie, sie sollten sich die Gemeinschaft der Kirche angelegen sein lassen; die aber noch wegen der Zeremonien und Festtage Ängstlichen mahnte er, sie sollten von ihrer Hartnäckigkeit lassen und ruhig uns zustimmen; wir sähen besser und mit mehr Vorsicht, was gut sei als sie. Er selbst in diesen Fragen auch zu hartnäckig gewesen, endlich aber seien ihm die Augen aufgegangen, dass er gesehen habe, wie schädlich dieses Zanken sei. Dann legte er ein kurzes, aber ernstes und deutliches Sündenbekenntnis ab. Darauf ermahnte er uns, über verschiedene Forderungen unserer Amtspflicht, besonders aber zur Standhaftigkeit, und redete wie ein Seher von kommenden Schwierigkeiten. Auch von unserer Republik sprach er wunderbarer weise, was gerade passte. Vor allem legte er uns ans Herz, fortzufahren in der Versöhnung der Bundestädte [Genf und Bern] und Mühe und Fleiß auf dieses Werk zu verwenden. Was einige Schreihälse reden werden, sagte er, darf Euren Mut nicht brechen. Ich habe nicht Zeit, alles durchzunehmen. Wir antworteten darauf einiges und sprachen dann ein Gebet. So schieden wir. Nachmittags zwei Uhr, als meine Frau ihn besuchte, hieß er sie guten Mutes sein, was auch geschehe; sie solle nur daran denken, dass sie nicht von ungefähr, sondern nach Gottes wunderbarem Rat nach Genf gekommen sei, damit auch sie dem Evangelium diene. Bald darauf sagte er, die Stimme versage ihm schon. Aber wenn er auch nicht mehr sprechen könne, das Bekenntnis, das er vorher abgelegt, halte er im Geiste fest und wolle damit sterben. Dann sprach er noch den Lobpreis Simeons [Luk. 2, 29 – 32], und ihn auf sich anwendend, sagte er auch: ich habe gesehen und mit Händen berührt dein Heil, und bereitete sich so zur Ruhe vor. Dann verlor er die Sprache, konnte aber durch Nicken noch zeigen, dass er nichts von der Klarheit seines Geistes eingebüßt habe. Gegen vier Uhr kam ich wieder mit den Syndics. Als er ein paar Mal zu sprechen versuchte und vor Heiserkeit nicht konnte, hieß ich ihn, sich nicht weiter zu mühen, sein Bekenntnis sei ja mehr als genügend. Schließlich begann ich zu sprechen, so gut ich konnte; er hörte mit ruhiger, friedlicher Miene zu. Kaum waren wir wieder hinausgegangen, so übergab er seine heilige Seele Christo. Diese Erzählung wird dir kaum glaublich erscheinen, wenn du die Naturanlage des Mannes bedenkst; aber du musst wissen, dass er später mit einem ganz neuen Geist begabt war.

Jetzt sind wir sehr beschäftigt mit der Wahl neuer Kollegen, umso mehr, als wir schon glaubten, einen Geeigneten gefunden zu haben und dann nachher merkten, dass er unsern Erwartungen nicht genügend entspreche. Sobald wir etwas beschlossen haben, wirst du es erfahren. Denn da du nicht hier bist, kannst du uns auch nicht raten. Lebwohl.

16. Juni 1542.

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