Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (87).

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel (87).

In Lyon hatte sich zur Fastenzeit ein Karmeliter-Mönch durch seine reformatorisch klingenden Predigten hervorgetan; er kam nach Genf und verlangte gleich als evangelischer Pfarrer ordiniert zu werden.

Keine Ordination ohne Prüfung.

Einen oder höchstens zwei Tage, nachdem ich dir geschrieben, kam der Karmelitermönch von Lyon, vor dem wir uns nicht umsonst gefürchtet hatten. Er täuschte uns nicht lange. Seine Mienen, seine Rede, ja seine ganze Körperhaltung verrieten, was er war. Doch verhinderte das nicht, dass wir freundlich mit ihm umgingen. Die persönlichen Beweise unseres Wohlwollens will ich ganz weglassen. Was unsere amtliche Stellung selbst angeht, so hatten wir, um alle Gefahren von vornherein abzuwenden, deren es in dieser Sache manche gab, uns mit unsern Kollegen beraten, wie wir uns gegen ihn verhalten sollten. Gemeinsam war man zum Beschluss gekommen, man solle ihn vor uns rufen und ihn bitten, uns seine Absichten auseinander zu setzen. So wurde er auf den folgenden Tag eingeladen. Auf unsere erste Frage erwiderte er, er sei in der Absicht gekommen, der Kirche zu dienen. Ich fing darauf an, uns zu entschuldigen, dass wir ihn nicht sogleich aufnehmen könnten; es sei uns diese Ordnung der Prüfung vom Herrn vorgeschrieben, und dürfe zu keines Menschen Gunsten durchbrochen werden. Es sei auch des Beispiels wegen, damit nicht andere verlangen könnten, auch in der Weise aufgenommen zu werden. Ich ersuchte ihn, zu bedenken, dass die Sache nicht in unsrer Hand liege, unser Gewissen sei durch ein deutliches Gotteswort gebunden. Und wenn uns auch die Gottesfurcht nicht hinderte, so wäre es nicht einmal erlaubt nach menschlichem Gesetz, denn wir hätten darüber eine bestimmte gesetzliche Vorschrift, bei der wir bleiben müssten. Ich bat ihn dringend, ja nicht zu meinen, wir verschöben die Aufnahme aus Verachtung oder Misstrauen gegen ihn. Ich fügte bei, es liege vor allem auch in seinem eigenen Interesse, nicht so plötzlich eine solche Last auf sich zu laden; es sei viel besser, wenn er sich noch ein klein wenig Zeit zur Überlegung nehme. Meine ganze Rede war ebenso ehrenvoll für ihn, als wohlwollend und freundlich. Er antwortete kurzweg, er bitte, ihm sofort Vertrauen zu schenken. Aus zwei Gründen wolle er nicht länger in der Schwebe bleiben. Jetzt habe er günstige Reisebegleitung, die ihn führen und ihm Pferd und Wegzehrung geben könne, das finde er nachher nicht mehr so bequem. Zweitens, wenn er nach Frankreich zurückkehren wolle, so sei nichts besser, als wenn es sobald als möglich geschehe, bevor das Gerücht von seiner Reise zu uns weiter herumgekommen sei. Wir hießen ihn eine Weile abtreten und berieten miteinander. Darauf hielt Viret eine lange ernste Rede über die Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, die man bei der Berufung von Dienern am Wort anwenden müsse. Er brachte Beispiele vor aus Gottes Wort und der Geschichte der alten Kirche und führte Gründe an, die wirklich auf die Sache zu passen schienen. Die Rede war derart, dass sie ihn nicht persönlich traf, aber sie hätte ihn von seinem unpassenden Drängen abbringen müssen und ihn, wenn er nur etwas angeborenes Taktgefühl hätte, ohne allen Vorwurf zur Bescheidenheit bringen müssen. Aber er war so wenig betroffen davon, dass er dadurch nur umso frecher wurde im Benehmen. Wenn ihr, rief er, glaubt den Geist des Herrn zu haben, so bin auch ich nicht von ihm verlassen. Ich weiß also auch, was erlaubt ist. Ich bin freilich nicht hier, um eure Einwände zu widerlegen, aber das steht doch fest, dass sich die Apostel nicht untereinander examiniert haben. Das trug er mit solchem Hochmut vor, dass er nur deshalb davon abzusehen schien, uns zu widerlegen, weil wir es nicht wert seien, dass er sich mit uns messe. Er fügte noch bei, er hätte sich gern unterzogen, wenn er vor der letzten Fastenzeit hierher gekommen wäre, jetzt da er in einer Kirche, die uns so nahe sei, eine Probe seines Könnens abgelegt habe, glaube er, bekannt genug zu sein, um nicht noch einer neuen Prüfung zu bedürfen. Ich antwortete, in Lyon sei keine Kirche, von der man ein Urteil über evangelische Pfarrer anzunehmen brauche. Wenn er sich dort einigen Namen gemacht habe, so sei das nicht zu verwundern; es gehe eben den Franzosen, wie Salomo sage: einer hungrigen Seele sei auch Bitteres süß [Spr. Sal. 27, 7]. Dazu habe er sich recht schwach gezeigt in seinen Predigten. Wir erwähnten das freilich nicht, in der Absicht, ihn zu tadeln, sondern nur, weil er uns dazu zwinge durch sein törichtes Prahlen. So ging man auseinander; es sagte jeder nur ein paar Worte, um den Menschen zu beruhigen; du weißt, was es genützt hat. Bald darauf sagte er in der Herberge, er finde hier keine Gelehrten, und – damit du siehst, dass der Mensch ganz toll ist – er sagte es ohne jeden Anlass. Als dann einer gerade mich und Viret nannte, erwiderte er stolz, in Frankreich seien Tausende viel gelehrter. Du sagst: was macht das? Auch ich lache über solche Dummheiten, wie es sich ziemt. Aber ich merke doch, dass solche Worte ein sicherer Beweis eines neidischen, boshaften Herzens sind. Du fragst, wie gelehrt denn der selbst sei, der über alle andern ein so strenger Richter ist. Du hast ja schon manchen Esel gesehen; denke dir, du sähest einen von ihnen [so hast du ein Bild]!

Während ich das schrieb, wurde mir dein Brief gebracht, indem du wieder bittest, es möge einer von uns nach Neuchatel kommen. Wüsstest du, wie viel Notwendiges uns abhält, du würdest uns gerne entschuldigen. Wir haben jetzt eine große Menge von Brüdern hier, [die ein Amt wünschen], denen man je zu einer bestimmten Stunde Rede stehen muss. Zwei sind unter ihnen, von denen wir nicht nur Gutes hoffen, sondern uns Glänzendes versprechen. Auch die andern sind nicht dumm, aber die beiden ragen übers Mittelmaß hinaus. Dein Bote hat noch nicht mit mir gesprochen, aber er wird nach dem Katechismusunterricht kommen. Lebwohl, trefflichster Bruder. Viret lässt dich gar sehr grüßen. In seinem Namen habe ich auch diesen Brief geschrieben und hätte noch viel mehr dazu geschrieben, wenn ich Zeit gehabt hätte; aber man ruft mich bereits wieder anderswo hin. Könnte ich doch noch das Blatt voll schreiben; der Stoff würde mir nicht fehlen und die Lust auch nicht, aber ich muss alles abbrechen. Nochmals lebwohl.

Genf, 10. Mai 1542.

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