Calvin, Jean – An einen unbekannten Geistlichen, wahrscheinlich in Orleans.

Calvin, Jean – An einen unbekannten Geistlichen, wahrscheinlich in Orleans.

Weggelassen sind undurchsichtige persönliche Mitteilungen.

Mahnung zu praktischem Bibel-Studium.

Dein Brief hat mich so gefreut, dass ich meiner Pflicht nicht anders nachkommen zu können glaube, als wenn ich ihn beantworte, als ob er an mich gerichtet gewesen wäre. Zuerst wünsche ich dir von Herzen Glück, weil ich sehe, dass du nicht zu den faulen Dompfaffen gehörst, die in ihrem ganzen Leben so sehr mit Essen und Trinken, Spielen und Schlafen und auch hässlichen Lüsten beschäftigt sind, dass sie an ehrenhaftes Studieren nicht einmal im Traume denken. Ich wundere mich eigentlich nicht, dass du auch jetzt einem solchen Leben fremd bleibst, da ich mich wohl erinnere, wie du schon, ehe dich der Herr erleuchtet hat, infolge deiner ausgezeichnet guten Naturanlage vor solcher Art einen Schauder hattest. Aber du musst bei deinen Studien doch auch darauf achten, dass sie dir nicht bloß zur Unterhaltung, sondern dem Zwecke dienen, einst der Kirche Christi Nutzen zu bringen. Denn die, die von der Wissenschaft nichts anderes wollen, als mit ehrenhafter Beschäftigung die Langeweile des Müßiggangs vertreiben, kommen mir immer vor wie Leute, die ihr ganzes Leben damit zubringen, schöne Gemälde zu betrachten. Und sie sind ihnen sicherlich nicht unähnlich. Denn wohin zielt das, danach allein zu trachten, dass du ein Gelehrter seiest und als solcher geltest? Das ergibt sich aber notwendig für alle, die stets nur bei der Profanliteratur verweilen, geradezu sich darauf verlegen und nichts anderes im Auge haben, als daraus tiefe Gelehrsamkeit zu erwerben. Damit also deine Studien auf das wahre Ziel gehen, so sorge zuerst, dass sie der Art seien, dass sie dein Leben umzugestalten vermögen, und dass du dann auch gebildet und gerüstet seiest, andern zu helfen. Das geschieht, wenn du ein gut Teil deiner Zeit dem Lesen der heiligen Schrift widmest und zum Lesen der Aussprüche Gottes einen solchen Sinn mitbringst, wie ihn der göttliche Lehrer von seinen Schülern verlangt. Anders kannst du nicht glauben, dein Leben sei Gott wohlgefällig, auch wenn du die Menschen hundertmal zufrieden stellst. Denn weder bist du so arm, dass du vorschützen könntest, die Kirche müsse billigerweise deinem Mange abhelfen, noch sind die Geldmittel der Kirche so einfach in Beschlag zu nehmen, dass man sie nicht mit einem bestimmten Rechtstitel verdienen müsste. Ich weiß, den meisten ist diese meine Strenge verhasst. Aber ich bitte dich, was soll ich Euch schmeicheln zu Euerm Verderben? Das wäre nicht einmal menschlich, geschweige denn christlich. Ja, auch wenn ich schwiege, mahnte dich das Beispiel Anderer genug. Denn es gab Viele, die anfänglich das Schönste von sich hoffen ließen; sobald sie sich aber solchem Müßiggang und solcher Sicherheit, besser Sorglosigkeit, überließen, wie wenige waren es da, die nicht, ich kann wohl sagen, in Rauch aufgingen. – –

Lebwohl bester, im Herrn geliebtester Mann. Der Herr Christus stärke dich mit seinem Geiste zu jedem guten Werk.
Straßburg.

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