Calvin, Jean – An seine Anhänger in Genf.

Calvin, Jean – An seine Anhänger in Genf.

Hirtenbrief über Einigkeit und Selbstprüfung.

An meine geliebten Brüder im Herrn, die übrig geblieben sind aus der Zerstörung der Kirche in Genf.

Die Barmherzigkeit Gottes unseres Vaters und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi werde stets größer für Euch durch die Gemeinschaft des heiligen Geistes.

Liebe Brüder, ich unterließ es bisher Euch zu schreiben in der Hoffnung, die Briefe unsers Bruders Farel, der die Aufgabe für uns beide übernommen hatte, könnten Euch genügen. Auch wollte ich, soviel wie möglich, die Gelegenheit Übles zu reden denen, die sie suchen, nehmen, damit sie nicht verleumderisch sagen können, wir suchten Euch an uns zu ziehen und so Euch festzuhalten in Eurer Parteinahme. Trotzdem konnte ich mich schließlich doch nicht enthalten, Euch zu schreiben, um Euch die Liebe zu zeigen, die ich stets für Euch behalte, und die Sorge, mit der ich im Herrn Euer gedenke, wie es meine Pflicht ist. Auch die Befürchtung, die mich bisher etwas zurückhielt, soll mich jetzt nicht mehr hindern, denn ich sehe wohl, dass der Vorwand, den die Boshaften daraus nehmen, uns zu schmähen, nichtig und eitel ist. Gott ist uns Zeuge und Euer Gewissen vor seinem Gericht, dass, solange wir unter Euch lebten, unser ganzes Bestreben war, Euch alle in Einigkeit und Eintracht zusammenzuhalten. Die, die sich von uns getrennt haben, um eine Partei für sich zu bilden und als solche zu handeln, die haben erst eine Spaltung eingeführt in Eurer Kirche wie in Eurer Stadt. Sobald wir die Anfänge solcher Pest wahrnahmen, strengten wir uns getreulich an als vor Gott, in dessen Dienst wir standen, Heilung [für solche Krankheit] zu finden. Deshalb verteidigt uns unsere Vergangenheit gegen alle Verleumdung der Art. Wenn wir nun jetzt durch unsern Verkehr mit Euch Anlass geben, dass Ihr uns im Gedächtnis behaltet, so kann uns daraus kein Vorwurf gemacht werden; denn unser Gewissen ist ruhig vor Gott, weil wir durch seine Berufung einstmals mit Euch verbunden waren. Deshalb darf es nicht in der Macht der Menschen stehen, ein solches Band zu zerreißen, und wie wir uns früher benommen haben, so hoffen wir uns geleitet vom Herrn zu halten, dass wir nicht Ursache sind zu Unruhe und Spaltung, es sei denn für die, die so verschworen sind gegen Jesum Christum und all sein Volk, dass sie gar keine Einigkeit mit seinen Knechten leiden mögen. Denn wenn Leuten dieser Art der liebe Heiland selbst Ärgernis und Beleidigung ist, was könnten wir anders sein, die sein Malzeichen tragen sollen, tief eingeprägt in unserer Seele und an unserm Leibe? Aber unser Trost ist, dass wir ihnen keine Ursache geben, wie unser guter Meister nicht gekommen ist, die Menschen aufzuhalten, sondern vielmehr der Weg zu sein, auf dem alle ohne Anstoß wandeln sollen.

Nun geliebte Brüder, da die Hand des Herrn, soviel ich höre, immer noch ausgereckt ist, Euch heimzusuchen, und da nach Gottes gerechter Zulassung der Teufel sich bemüht, unaufhörlich die Kirche zu zerstören, die unter Euch begonnen war, so ists wohl Not, Euch an Eure Pflichten zu erinnern. Nämlich zu erkennen und zu bedenken, dass, so groß die Verdorbenheit der Menschen sein möge, die Euch beunruhigen und bekämpfen, doch diese Angriffe auf Euch nicht so sehr von ihnen als vom Satan kommen, der sich ihrer Bosheit als Werkzeug bedient, Euch zu bekriegen. Daran erinnert uns der Apostel, wenn er sagt: wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, d. h. mit Menschen, sondern mit den Geistermächten der Luft und gegen den Fürsten der Finsternis [Eph. 6, 12]. Ihr wisst, wie notwendig es ist, den Feind zu kennen, um zu wissen, mit welchen Mitteln man ihm widerstehen soll. Wenn wir dabei Halt machen, gegen Menschen zu kämpfen, an nichts denken als an Rache und Vergeltung für das Unrecht, das sie uns tun, so ist zu bezweifeln, ob wir so siegen können. Oder vielmehr es ist ganz sicher, dass wir dann vom Teufel besiegt werden. Wenn wir dagegen keinen Kampf mit Menschen führen als den, dass wir gezwungen sind, sie zu Gegnern zu haben, soweit sie Widersacher Jesu Christi sind, sondern den Ränken des geistigen Feindes widerstehn, wohl ausgerüstet mit den Waffen, mit denen der Herr sein Volk bewehrt haben will, so brauchen wir nicht zu fürchten, wir könnten unterliegen. Deshalb, liebe Brüder, wenn Ihr wahrhaften Sieg wollt, so bekämpft das Böse nicht mit gleichem Bösen, sondern frei von aller bösen Leidenschaft lasst euch allein führen vom Eifer um Gott, der ein Maß empfängt durch seinen Geist nach Vorschrift seines Wortes.

Weiter müsst Ihr bedenken, dass diese Dinge Euch nicht geschehen sind gegen die Anordnung des Herrn, der auch durch die Bösen wirkt nach dem Plan seines guten Willens. Nun, diese Überlegung wird Euch ablenken von euern Feinden zur Betrachtung und Prüfung Eurer selbst und zwar zu solcher Prüfung, dass Ihr erkennt, wie sehr Ihr eine solche Heimsuchung Eurerseits verdient habt, als Züchtigung für Eure Nachlässigkeit, für die Verachtung oder Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, die unter Euch sich fand, für die Trägheit, ihm zu folgen und ihm rechten Gehorsam zu erweisen. Denn Ihr könnt nicht zur Entschuldigung anführen, solche Fehler aller Art seien bei Euch nicht vorgekommen, und wie leicht es Euch auch sein möchte, Euch vor den Menschen einigermaßen zu rechtfertigen, so wird vor Gott doch Euer Gewissen sich schuldbeladen fühlen. So haben es die Knechte Gottes gemacht in ihren Trübsalen, nämlich, woher diese auch kommen mochten, sie haben ihre Gedanken stets auf die Hand Gottes gerichtet und auf ihre eigenen Sünden, und haben in ihnen sogar die genügende Ursache erkannt, um derentwillen der Herr sie so demütigen musste. Daniel verstand wohl, wie groß die Verruchtheit des Königs von Babel war, das Volk Gottes zu zerstören und zu zerstreuen, bloß um seine Habgier, seinen Übermut und seine Grausamkeit zu befriedigen, wie feindselig es war, es ungerecht zu unterdrücken. Nichtsdestoweniger sah er, dass die Hauptursache in ihnen selbst lag, auch dass die Babylonier nichts wider sie vermocht hätten, außer durch die Zulassung des Herrn. So beginnt er um der guten Ordnung willen mit einem Bekenntnis seiner eigenen Schuld und der der Könige und des Volkes Israel. Wenn der Prophet sich so gedemütigt hat, so achtet darauf, ob ihr nicht viel größere Ursache dazu habt, und wenn er es nötig hatte, so zu tun, um Gottes Barmherzigkeit zu erlangen, welche Verblendung wäre es für Euch, stehen zu bleiben bei der Anklage gegen Eure Feinde, ohne Eure eignen Fehler zu erkennen, die weit größer sind als die des Propheten.

Was uns betrifft, wenn sichs drum handelt, unsere Sache zu verteidigen gegen ungerechte und verleumderische Menschen, die uns beschuldigen wollen, so weiß ich nicht allein, dass unser Gewissen rein ist zur Verantwortung vor Gott, sondern wir haben auch Beweise genug, uns zu rechtfertigen vor aller Welt. Diese Sicherheit haben wir bezeugt, als wir verlangten, uns zu verantworten selbst vor unsern Gegnern, über alles, was man uns vorwürfe. Es muss einer gut ausgerüstet sein mit Rechtfertigungsgründen, wenn er sich in solcher Weise anbietet, schwächer in allen andern Beziehungen, nur allein in seiner guten Sache sicher. Trotzdem, wenn es sich drum handelt, vor Gott zu erscheinen, so zweifle ich nicht daran, dass er uns so gedemütigt hat, um uns unsere Unkenntnis und Unvorsichtigkeit und all die andern Schwächen, die ich meinesteils wohl an mir spürte, sehen zu lassen, und es fällt mir nicht schwer, sie zu bekennen vor der Kirche des Herrn. Wenn wir das tun, so brauchen wir nicht zu fürchten, dass wir unsern Feinden einen Vorteil gegen uns verschaffen, denn Daniel hat den Nebukadnezar nicht gerecht genannt, wenn er den Sünden Israels die Bedrückung zuschreibt, die sie unter seiner Tyrannei zu leiden hatten, vielmehr hat er ihn getadelt, denn er hat gezeigt, dass er nichts war als eine Geißel des Zornes Gottes, wie auch der Teufel und seine Helfer. Auch ist keine Gefahr, dass wir unsere Sache dem Tadel und der Schande aussetzten. Denn wenn wir uns angeboten haben, Genugtuung zu leisten vor allen Kirchen, und zu beweisen, dass wir pflichtgemäß und treu unser Amt verwaltet haben, und uns noch Tag für Tag dazu anbieten, so ist das kein Zeichen, dass wir ihnen erlauben, an uns herum zu beißen und uns herunterzureißen. Wenn wir sie auch nicht hindern können zu schmähen, wie denn Einige von ihnen sich darin nicht nur von ihrer Maßlosigkeit, sondern von einer wahren Tollwut hinreißen lassen, so lassen wir, welche Verheißung uns gegeben ist, dass der Herr unsere Unschuld scheinen lassen wird wie den Morgenstern, und unsere Gerechtigkeit leuchten wie die Sonne. Dieses Vertrauen dürfen wir kecklich haben, wenns gilt, gegen die Ungerechten sich zu verteidigen, so sehr wir uns auch in Vielem vor der Gerechtigkeit des Herrn fürchten müssen. Doch wird uns der Herr in unserer Erniedrigung und Verwerfung nicht verlassen und uns seinen großen Trost nicht versagen, uns aufrecht zu halten und zu stärken. Ja, wir haben ihn schon ganz gegenwärtig, wenn es in der Schrift heißt, dass die Züchtigung, die er seinen Knechten schickt, zu ihrem Wohl und Heile dient, wenn sie sie nämlich wohl verstehen. Kehrt, liebste Brüder, immer wieder zu diesem Trost zurück! So sehr sich die Feinde bemühen, eure Kirche zu zertrümmern, so sehr Eure Fehler und Sünden mehr, als ihr tragen könntet, verdient haben, so wird doch unser Herr den Strafen, die er euch gesendet hat, ein solches Ziel setzen, dass sie euch heilsam sein werden. Sein Zorn gegen seine Kirche, der zu nichts anderm dient, als sie zum Guten zurückzuführen, geht rasch vorbei, sagt der Prophet. Seine Barmherzigkeit aber ist ewig, und sogar für zukünftige Geschlechter, denn von den Vätern erstreckt sie sich auf Kinder und Kindeskinder. Schaut eure Feinde an, Ihr seht deutlich, dass alle ihre Wege auf Verwirrung ausgehen, und trotzdem kommts ihnen vor, sie seien jetzt zu Ende mit ihrem Unternehmen. Lasst Euch also nicht entmutigen, weil es dem Herrn gefallen hat, Euch für eine Zeitlang zu erniedrigen; denn er ist nicht anders, als die Schrift von ihm bezeugt, nämlich der, der den Geringen und Verachteten aufrichtet aus dem Staube, den Armen aus dem Kote, die Freudenkrone reicht denen, die in Tränen und Trauer sind, der Licht spendet denen, die in Finsternis sitzen, der zum Leben erweckt, die ihm Todesschatten weilen. Hoffet also darauf, dass Euch der liebe Gott einen solchen Ausgang beschert, dass Ihr Anlass habt, ihn zu preisen und seiner Milde die Ehre zu geben. In dieser Hoffnung tröstet Euch und stärkt Euch, geduldig auszuhalten die Züchtigung von seiner Hand, bis es ihm wieder gefällt, Euch seine Gnade zu zeigen, was ohne Zweifel bald genug geschehen wird, da wir alles seiner Vorsehung überlassen dürfen, die die rechte Zeit kennt und besser weiß, was uns nützlich ist, was wir es verstehen.

Vor allem achtet darauf, zu wachen mit Bitten und Gebet. Denn wenn alle Eure Erwartung auf Gott gesetzt ist, wie sie soll, so habt ihr guten Grund, dass Euer Herz beständig zum Himmel erhoben ist, ihn anzurufen und um die Barmherzigkeit zu flehen, die ihr von ihm hofft. Merket, dass er oft nur deshalb aufschiebt, was seine Kinder wünschen, weil er sie antreiben und bewegen will, seine Güte zu suchen. So gewiss ist das, dass wir uns umsonst rühmen, wir hätten Vertrauen zu ihm, wenn wir nicht auch dadurch beweisen, dass wir bei ihm Zuflucht suchen im Gebet. Sicher ist, dass in unserm Gebet noch nicht genügend Eifer und Wärme ist, wenn wir nicht unaufhörlich darin fortfahren. Ich bitte den Herrn alles Trostes, Euch zu stärken und zu erhalten in guter Geduld, solang er euch in solcher Trübsal prüfen will, und Euch fest zu machen in der Hoffnung auf die Verheißungen, die er seinen Knechten gegeben hat, dass er sie nicht stärker versuchen wird, als sie ertragen können, sondern dass er mit der Demütigung auch die Kraft und den heilsamen Ausgang schenkt.

Straßburg, 1. Oktober 1538.
Euer Bruder und Diener im Herrn
J. Calvin.

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