Luther, Martin – An Bürgermeister und Rath der reformirten Schweizer Städte.

Luther, Martin – An Bürgermeister und Rath der reformirten Schweizer Städte.

Gnade und Friede in Christo unserm Herrn und Heiland. Ehrbare, fürsichtige, liebe Herren und Freunde! Ich hab nun mehr denn zu lang verzogen, auf euer Schrift, gen Schmalkald an mich gethan, zu antworten. Solches Verzugs wollt ich mich wohl gern entschuldigen, hoffe aber, es sei nicht noth, dieweil ich acht daß ihr selbst wohl wisset, wie viel mir täglich auf dem Hals liegt, der ich jetzt nun schwach und alt bin, also, daß ich mit Gewalt hab müssen mich abstehlen von den Leuten und Geschäften, damit ich diese Schrift einmal fertigen möchte.

Ich hab nun zwar wiederum eure Schrift gelesen, und bin erstlich deß höchlich erfreut, daß ich vernommen, wie hintangesetzt aller vorigen Scharf und Verdacht, so wir mit euern Predigern gehabt, euer ganzer großer Ernst sei die Concordia anzunehmen und zu fördern. Der Gott und Vater aller Einigkeit und Liebe wolle selbst solch gut angefangen Werk gnädiglich vollführen, wie geschrieben steht Sprüchw. 16: Wenn Gott gefället eines Mannes Weg, so bekehret er auch seinen Feind zum Frieden. Nun ists wohl wahr und kann auch nicht anders sein, daß solche große Zwietracht nicht kann so leicht und bald ohne Ritz und Narben geheilet werden. Denn es werden beide, bei euch und uns, Etliche sein, welchen solche Concordia nicht gefällig, sondern verdächtig sein wird. Aber so wir zu beiden Theilen, die wir’s mit Ernst meinen, werden fleißig anhalten, wird der liebe Vater und Gott wohl seine Gnade geben, daß es bei den Andern mit der Zeit auch zu Tod blutet und das trübe Wasser sich wiederum setzt.

Ist derhalben meine freundliche Bitte, wollet dazu thun und mit Ernst verschaffen, daß bei euch und den Euern die Schreier, so wider uns und die Concordia plaudern, sich ihres Schreiens enthalten, und das Volk einfältiglich lehren, darüber diese Sachen der Concordia lassen befohlen sein denen, die dazu berufen und tüchtig sind, und dieselbige nicht hindern. Gleichwie auch wir allhier beide in Schriften und Predigten uns gar still halten und mäßigen wider die Euren zu schreien, damit wir auch nicht Ursach seien, die Concordia zu hindern; welche, wir ja von Herzen gern sehen, und Gott gelobt, des Fechtens und Schreiens bisher genug gewesen, wo es hätte sollen etwas ausrichten.

Und zuvor will ich ja ganz demüthiglich gebeten haben: wollet euch zu mir versehen, als einem, der es ja auch mit Herzen meinet, und was zur Förderung der Concordia dienet, so viel mir immer möglich, an mir nicht mangeln soll: das weiß Gott, den ich zum Zeugen auf meine Seele nehme. Denn die Zwietracht weder mir noch Jemand geholfen, sondern Vielen Schaden gethan hat. –

Solches will ich dießmal auf eure Schrift aufs kürzeste geantwortet haben. Vitt, wollt es ja für gut annehmen. Denn in meinem Kopf stecken täglich viel Händel, geschweige Gedanken, daß ich nicht kann ein jegliches so handeln und reden, als ob ich nichts, denn eins oder zwei, zu thun hätte. Hiermit befehle ich euch Alle sammt allen den Euren dem Vater aller Barmherzigkeit und Trostes. Der verleihe uns zu beiden Theilen seinen heiligen Geist, der unser Herz zusammenschmelze in christlicher Liebe und Anschlägen, allen Schaum und Rost menschlicher und teuflischer Bosheit und Verdacht ausfege, zu Lob und Ehre seinem heiligen Namen, und zur Seligkeit vieler Seelen, zuwider dem Teufel und Papst, sammt allen seinen Anhängern, Amen. Am 1. December, Anno 1537.

Martinus Luther.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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