Farel, Wilhelm – An Zwingli (aus Orba).

Farel, Wilhelm – An Zwingli (aus Orba).

Orba, a. 1531

Wie groß die Ernte, welches der Eifer des Volks für das Evangelium sei, dürfte Niemand leicht ausdrücken können. Gleichwie der Vater Deutschland gütig heimsuchte, so weist er auch Frankreich nicht als unwürdig ab. Doch müssen wir beweinen, daß der Arbeiter so wenige sind. Es kommen Viele herbei, die sich selbst suchen, nicht die Ehre Christi, und eilen zu lehren, bevor sie die Gründe des Glaubens gelernt haben, und wenn ich sie nicht zulasse, zürnen sie sehr. Allein es ist besser, diesen nicht zu gefallen, als Gott, und für das Volk nicht zu sorgen. Wir beriefen durch zahlreiche Briefe Gläubige, die zum Werk Gottes nicht untauglich sind. Aber die französische Ueppigkeit fesselt die Gefangenen dergestalt, daß sie lieber ohne Frucht umkommen, und schweigend unter den Tyrannen verborgen bleiben wollen, als Christum öffentlich bekennen; dieß erfuhr der fromme Bruder, Petrus Toussanus, der nun hier lebt, den Oecolampadius öfters hieher in Briefen berief, welchen wir selbst häufig noch solche beifügten. Doch ließ er sich nie bewegen, bis er von den Franzosen vertreiben sich zu dir begab. Insoweit du ihn daher als tauglich erkennst, treibe ihn an, im Weinberge des Herrn eifrig und munter zu arbeiten: er möge durch Eifer und Fleiß ersetzen, was er bei seinem langen Ruhen vorbeiließ. Ich will dich nicht mit Mehrerem hinhalten, der du mit so Schwierigem beschäftigt bist. Der Herr gebe, daß du es gewissenhaft vollführest, und gebrauche dich als seinen Diener noch länger zu seinem Ruhme.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’S Verlag.) 1862

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